Operette:Alles sternschnuppe!

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Operette: Einspringer mit Pfiff: Den Part von Schneider Lämmermeister übernimmt eine Handpuppe, weil's für einen achten Darsteller nicht gereicht hat. Regisseurin Franziska Reng hat so aus der Not eine Tugend gemacht.

Einspringer mit Pfiff: Den Part von Schneider Lämmermeister übernimmt eine Handpuppe, weil's für einen achten Darsteller nicht gereicht hat. Regisseurin Franziska Reng hat so aus der Not eine Tugend gemacht.

(Foto: Robert Haas)

Flotte Mondpartie nach einem Jahr Corona-Zwangspause: Franziska Reng inszeniert Paul Linckes "Frau Luna" in der Pasinger Fabrik

Von Jutta Czeguhn, Pasing

Die "Frau Luna" zu inszenieren, das bedeute, die Geschmacklosigkeit auf den Gipfel zu treiben. Vielleicht sei das sogar "künstlerischer Selbstmord". Regisseur Herbert Fritsch, der 2013 Paul Linckes Operette an der Berliner Volksbühne inszenierte, kokettierte damals mit einer Panikattacke. Franziska Reng indes scheint die Gelassenheit in Person zu sein, als man sie auf der Terrasse der Pasinger Fabrik trifft und ihr als Eröffnungssatz das Fritsch-Zitat hinlegt. Sie lacht erst mal herzerwärmend gegen die Kälte an. Nicht nur ihr Hund Don Jaime, der sich gerade von einer Bisswunde am Kragen erholt, bibbert in seinem Körbchen. Es ist in etwa so frisch wie auf der dunklen Seite des Mondes, aber die Bedienung der Cantina ist froh, dass sie zwei Gäste hat, die einen Kaffee im Freien zu schätzen wissen.

Bereits Ende März, als die Inzidenzzahlen in München nur notorische Optimisten optimistisch stimmten, fiel in der Pasinger Fabrik die Entscheidung, die Proben für "Frau Luna" wieder aufzunehmen. Und die Premiere für den 17. Juni anzusetzen. Ein Jahr zuvor, im Frühjahr 2020, war man schon einmal kurz vor dem Probenstart gewesen. "Wir trafen uns damals einmal die Woche immer nach der Ministerpräsidentenkonferenz und haben uns ein bisschen im Kreis gedreht", erzählt Franziska Reng.

Eines aber sei von Anfang an klar gewesen, Paul Linckes schrille Mondfahrt würde sich nicht für eine "Corona-Fassung" eignen, also mit weniger Akteuren und auf Abstand. Das Stück brauche nun mal den Drive, die Interaktion der Sängerinnen und Sänger, sagt Reng. Also wurde die Stopp-Taste gedrückt. Schweren Herzens, sehr schweren Herzens.

Nun der Neustart, unter sehr strengen Hygieneregeln, die Sängerinnen und Sänger, die Mitglieder des Orchesters - das gesamte Team unterzieht sich täglichen Schnell- und Selbsttests. Etliche sind schon mindestens ein Mal geimpft. Sehr wahrscheinlich könnte die Regisseurin ihr Ensemble mit allen pandemie-medizinisch Notwendigem sogar selbst versorgen, ist sie doch examinierte Kinderkrankenschwester. In diesem "ersten Leben", wie sie es nennt, hat Franziska Reng im Haunerschen Kinderspital in München gearbeitet. Auf der Station, auf der Knochenmarktransplantationen vorgenommen werden. Sie war damals Anfang 20, dann wurde sie selbst schwer krank und musste die Klinikarbeit aufgeben. "Ich war mit Leib und Seele Kinderkrankenschwester", sagt die heute 37-Jährige.

Der Weg in ihr zweites Leben, ans Theater, hört sich erst einmal nach Zufall an, und doch auch wieder nicht. Eine befreundete Querflötistin der Münchner Kammeroper fragt Franziska Reng 2010, ob sie nicht als Regieassistentin einsteigen wolle. Schließlich könne sie Noten lesen und sei auch organisiert. Reng, mittlerweile genesen, lässt sich darauf ein, denn dieses zweite Leben bringt sie wieder mit einem alten Traum in Kontakt, nämlich Musical-Darstellerin zu werden. Musik hat es im Leben der gebürtigen Neu-Ulmerin schon immer gegeben. "Mit vier Jahren habe ich angefangen, Querflöte zu spielen", erzählt sie. Nach dem Realschulabschluss, da hat sie den Ausbildungsvertrag am Klinikum schon in der Tasche, geht sie noch ein Jahr nach Amerika, an eine High School nahe Atlanta. Sie besucht Kurse im Fach Musical Theatre und bekommt sogar ein Angebot für ein Vollstipendium. Letztlich scheitert dieses Projekt dann aber an Versicherungsproblemen.

Der Umweg über die Medizin sei für ihren heutigen Beruf am Musiktheater schon sehr von Vorteil. "Ich sehe die Darsteller natürlich nicht als meine Patienten, aber sie können einfach mit allem zu mir kommen", sagt sie. Das habe ihr den Spitznamen "Mutter der Kompanie" eingetragen. "Und ich werde oft gefragt, warum ich nicht nervös sei vor Vorstellungen und selbst im größten Chaos immer so ruhig bleibe." Nun, glaubt Franziska Reng, die Arbeit auf der Kinderkrebsstation, die eigene schwere Krankheit, habe sie gelehrt, dass es im Leben weit Schlimmeres gebe, als eine schlechte Kritik. Und dann hatte sie natürlich in Dominik Wilgenbus einen Lehrer, dem sie, wie sie ein ums andere Mal betont, unglaublich viel zu verdanken habe.

Mit dem Regisseur hat Franziska Reng auch am Münchner Hofspielhaus zusammen gearbeitet, wo sie 2019 ihre erste eigene Inszenierung vorstellen konnte: Die turbulente Revue "Im weißen Rössl am Starnberger See". Sie liebe Operette, sagt Reng, "weil sie eben nicht die kleine Schwester der Oper ist und auch nicht die Vorgängerin des Musicals, sondern etwas ganz eigenes". Musikalisch oft unterschätzt, dabei enorm schwer, auch wegen des Hin- und Herspringens zwischen den Genres, dem Sing- und dem Sprechtheater. Gerade Opernsänger müssten sich da erst zurecht finden. "Doch viele finden es dann sehr cool, wenn sie merken, was plötzlich alles möglich ist."

Und "Frau Luna" eröffnet viele Möglichkeiten. Uraufgeführt 1899 im Berliner Apollo-Theater, wo Paul Lincke als Kapellmeister angestellt war, bekam der Zweiakter nach dem Libretto von Heinz Bolten-Baeckers 1922 eine Frischzellenkur, um in den amüsiersüchtigen Zwanzigerjahren zu bestehen. Die Schlager und Melodien wie "Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe", das "Glühwürmchen-Idyll" oder die zackige Hauptstadt-Hymne "Berliner Luft, Luft, Luft" können heute noch zumindest die Ü-Fünfzigjährigen mitsummen. Die aberwitzige Geschichte vom Mechaniker Fritz Steppke, der zusammen mit seinen Kumpels und Hauswirtin Frau Pusebach zum Erdtrabanten aufbricht und dort auf extraterrestrischen Irrsinn trifft, hat man in bayerischen Breitengraden nicht mehr ganz so präsent. Schade eigentlich.

Für ihre gekürzte Textfassung wollte Franziska Reng möglichst nahe ran ans Original-Libretto, das aber nirgends aufzutreiben war, weshalb sie eine Aufnahme aus dem Jahre 1954 des Hamburger Rundfunkorchesters abgehört und notiert hat, die dem Liedtext von Bolten-Baeckers noch am nächsten kommt. Eines verrät die Regisseurin schon mal, "eingemünchnert" hat sie diese galaktische Gaudi aus Berlin nicht, in der es so schön schwungvoll apokalyptisch heißt: "Ist die Welt auch noch so schön, einmal muss sie untergehen ..." Für Franziska Reng ist das so etwas wie die Essenz dieser Operette und eigentlich auch unserer verrückten Zeit: "Lasst uns nicht Trübsal blasen, sondern die kleinen Momente genießen."

"Frau Luna", Premiere am 17. Juni, 19.30 Uhr, Wagenhalle der Pasinger Fabrik, August-Exter-Straße 1, dort beziehungsweise im Hof der Blutenburg bis Ende August. Tickets unter www.pasinger-fabrik.de

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