Hier gibt es Drachen. Mit diesem Satz hat man auf alten Globen die weißen Flecken der unentdeckten Gebiete zumindest ein bisschen füllen wollen, meistens in der lateinischen Form „Hic sunt dracones“. Drachen und andere Kreaturen bevölkern die Terra incognita, das unbekannte Land. Das alles schwingt mit im Namen von Opera Incognita, einem rührigen freien Opernensemble in München. Seit 20 Jahren ist es auf der Suche nach fantastischen Wesen in weniger gut erschlossenen Repertoire-Gegenden. Einen neuen Fund präsentiert das Ensemble Ende des Monats: Am Samstag, 29. August, hat die neue Produktion Premiere, Karol Szymanowskis „König Roger“ – auch wenn die Bedingungen für die Operntruppe nicht einfacher werden.

„Der Name muss Programm sein“, sagt Andreas Wiedermann. 2005 hat der Regisseur die Opera Incognita gegründet, gemeinsam mit Ernst Bartmann, der für die Musik zuständig ist. Die Idee war schon damals, wenig gespielte Opern an Orte zu bringen, die man nicht automatisch mit Musiktheater in Verbindung bringt. Der Name kam ein Jahr später und steht seitdem für Lust an der Entdeckung und Mut, unkonventionelle Aufführungen auszuprobieren. Wenige Ensembles können von sich behaupten, Oper im Schwimmbad gesungen zu haben. Die Opera Incognita schon. Mehrmals war die Compagnie im Müller’schen Volksbad, hat Sänger tauchen und Chöre schwimmen lassen und dabei Musik von Claudio Monteverdi und Benjamin Britten präsentiert.

Auf die Frage, was so ein freies Ensemble für Vorteile gegenüber einem der staatlichen Häuser hat, antwortet Andreas Wiedermann: „Wir können unorthodoxer agieren.“ Vielleicht erwartet das Publikum das inzwischen auch von der Opera Incognita, zumal die zahlreichen Stammhörer, die sich im Laufe der Jahre von Werken zwischen Gluck und Glass mitreißen ließen. Unorthodoxer, das heißt hier vor allem: freier im Umgang mit Libretto und Partitur. Anders geht es auch nicht, denn für die Aufführung etwa von Szymanowskis ingeniösem, in impressionistisch-orientalistischen Farben schillerndem Opernexperiment stehen der Opera Incognita nur fünfzehn Musizierende zur Verfügung. Für sie bearbeitet Ernst Bartmann jetzt die Partitur. „Da muss er ganz schön schwitzen“, sagt Wiedermann.
Den Plan, Szymanowskis zwischen Oratorium und Oper schwankendes Stück zu spielen, hatten Wiedermann und Bartmann schon vor Jahren. „Aber das Rüstzeug hatten wir damals noch nicht“, sagt der Regisseur. Jetzt trauen sie sich, die Geschichte des auf Sizilien herrschenden Normannenkönigs Roger ins Staatliche Museum Ägyptischer Kunst München zu bringen.
Die Geschichte lässt sich recht einfach zusammenfassen: In den Herrscherbezirk in Palermo kommt ein Hirte mit exzentrischen Religionsvorstellungen und bringt den christlichen Alltag durcheinander. „Ein Verführer dringt von außen ein und durch seine bloße Anwesenheit drehen alle durch“, sagt Wiedermann. Alle drehen durch – was sich nicht zuletzt in Szenen dionysischer Orgien zeigt. Wie das bei der Opera Incognita klappen kann? Einerseits hat der Chor gerade fünfunddreißig Leute, andererseits misst die Spielfläche auch nur zwölf auf neun Meter. Der nötige Masseneffekt stelle sich so schon ein, verspricht der Regisseur.

Dass es das Ensemble überhaupt noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. „Fördermöglichkeiten für freie Kultur gab es nie viele“, sagt Wiedermann, doch in den vergangenen Jahren habe sich das noch reduziert. Eine schwierige Situation für die Opera Incognita, auch wenn nur zehn Prozent der Kosten überhaupt gefördert werden. Der Großteil muss selbst eingespielt werden. „Wir machen auch regelmäßig Minus. Das kann passieren, sogar wenn ausverkauft ist.“
Beirren lässt sich das Ensemble um Andreas Wiedermann und Ernst Bartmann davon nicht. „Es ist irgendwann eine Sucht“, sagt Wiedermann. „Wir machen das einfach, auch mit dem Risiko, das daran haftet. Solange wir können – die Ideen gehen uns nicht aus.“ So macht sich die Opera Incognita weiter auf Entdeckungsreise und lädt dazu ein, die weißen Flecken auf dem musikalischen Globus auszumalen.
Opera incognita, „König Roger“, Premiere am Samstag, 29. August, 20 Uhr, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, weitere Termine unter www.opera-incognita.de


