Die neue Inszenierung von „Opera Incognita“ in MünchenGluck-Arien im Klinikum

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Gegen den erbitterten Widerstand ihres Gemahls beschließt Königin Alceste für ihn in den Tod zu gehen. Am Krankenbett nimmt das Paar schließlich Abschied voneinander.
Gegen den erbitterten Widerstand ihres Gemahls beschließt Königin Alceste für ihn in den Tod zu gehen. Am Krankenbett nimmt das Paar schließlich Abschied voneinander. (Foto: Johannes Simon)

„Opera Incognita“ inszeniert Musiktheater an außergewöhnlichen Spielorten. Nun ist „Alceste“ in der Mensa des Klinikums Großhadern zu erleben – was das Ensemble vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Ein Probenbesuch.

Von Anna Grimbs

Die Mensa ist in violettfarbenes Licht getaucht. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Im Hintergrund leuchtet die rote Digitalanzeige der Mikrowelle: 21:42 Uhr. Eine Dame im Ballkleid wird von einer Arzthelferin in einem Rollstuhl langsam durch die Halle geschoben. Sie schmettert eine französische Arie. Ihre Stimme hallt durch den fast menschenleeren Raum. Sie singt von der Entschlossenheit, in den Tod zu gehen.

Ihr größter Bewunderer und gleichzeitig einziger Zuschauer ist ein Mann im Anzug, mit roter Krawatte und zufriedenem Lächeln. Mit ruhiger Hand und kleinen Schritten folgt er ihr mit seinem Smartphone, dokumentiert ihre Darbietung. Als er bemerkt, dass die deutsche Übersetzung auf die Wand gegenüber projiziert wird, eilt er zu den hinteren Stuhlreihen. „Oh, ihr habt ja sogar Untertitel? Super!“ – halb flüstert er, halb ruft er.

Der begeisterte Beobachter ist Professor Markus Lerch, ärztlicher Direktor des Klinikums Großhadern. Seit Beginn der Proben von Opera Incognita ist er jeden Abend dabei. Nach einem Auftritt vor zwei Jahren hatte er den ersten Kontakt zum Ensemble gesucht. Seine Bitte: „Opera Incognita“ solle doch auch mal im Klinikum auftreten.

In diesen Wochen geht sein Wunsch in Erfüllung. Das Müller’sche Volksbad, das Ägyptische Museum und der Justizpalast sind nur einige der unkonventionellen Spielorte, für die das Ensemble bekannt ist. Mit der Neuinszenierung der französischen Oper „Alceste“ von Christoph Willibald Gluck reiht sich nun auch das Klinikum Großhadern in diese Liste ein.

Gleichzeitig markiert die Inszenierung das 20-jährige Bestehen von Opera Incognita. Seine erste Aufführung hatte das Ensemble 2005 in einer stillgelegten Reaktorhalle mit Glucks „Armide“. Auch deshalb fiel die diesjährige Wahl erneut auf ein Werk des Komponisten. Vor allem aber, betont Regisseur Andreas Wiedermann, eigne sich „Alceste“ thematisch ideal für das Klinikum. Das Stück erzählt von der gleichnamigen Königin Alceste, die ihr eigenes Leben opfert, um das Leben ihres geliebten Mannes zu retten. Krankheit, Tod, aber auch Hoffnung – diese Motive sind eng mit der Oper, aber auch mit dem Krankenhaus verbunden.

Von einem Chor in Kitteln umgeben, besiegelt Königin Alceste (Carolin Ritter, Mitte) ihr Schicksal.
Von einem Chor in Kitteln umgeben, besiegelt Königin Alceste (Carolin Ritter, Mitte) ihr Schicksal. (Foto: Johannes Simon)

Mal mehr, mal weniger nach Klinikpersonal aussehende Menschen hasten durch die Mensa. Die einen tragen bereits weiße Kittel, die anderen noch Jeans und T‑Shirt. Sie rücken Tische gerade und schieben leere Krankenhausbetten. Vor einer ausgeblichenen Wand mit bunter Siebziger-Jahre-Bemalung probt das kleine Orchester. „Die kurzen Noten einen Ticken länger, weil wir hier drinnen die Akustik nicht haben“, ordnet der musikalische Leiter des Ensembles, Ernst Bartmann, an.

„Und gleich nochmal: ,wapadamdi‘.“ Die Stühle sind bereits ordentlich in langen Reihen aufgestellt. Auf einem der Stühle sitzt Carolin Ritter, schon halb verwandelt in Alceste. Mit Blick in einen Taschenspiegel pudert sie sich ihr Gesicht. Ein kurzes Nicken Bartmanns genügt – schon springt sie auf und setzt mit kräftiger Mezzosopranstimme ein. Der Chor hat sich um die lange Tafel in der Mitte des Raumes zum Abendessen versammelt. Hin und wieder lassen einige auf ein Zeichen Bartmanns ihr Stück Pizza fallen und stimmen mit dem Orchester ein.

Nach finalen Feinjustierungen schlüpfen auch die letzten Darsteller in ihre Schwesternroben und Arztkittel. Innerhalb weniger Minuten sind die Pizzakartons verschwunden; ersetzt durch eine weiße Tischdecke und Sektgläser. Das Deckenlicht geht aus. Ein paar Chormitglieder mit Stethoskopen um den Hals doktorieren noch an Lampen herum. Die an die Wand projizierten Worte erlöschen.  „Achtung wir starten“, hallt Wiedermanns Stimme durch den Saal.

Ein kleiner Junge und ein Mädchen stürmen auf die Bühne, tollen um und auf dem frisch gedeckten Tisch herum. Das Königspaar und seine Gefolgschaft treffen ein zum gemeinsamen Festmahl. Plötzlich bricht Admète zusammen und wird von Ärzten auf einem Krankenhausbett aus der Halle geschoben. Die folgende OP untermalen dramatische Opernklänge. Mehr als ein Dutzend singende Ärzte und Schwestern umringen Admète, hantieren offenbar mit großer Expertise mit allerlei medizinischem Besteck. Der Oberarzt spricht die Diagnose: Herzinfarkt. Die Genesungschancen sind gleich null. Laut eigener Aussage hat der Darsteller erst vor zwei Wochen erfahren, dass er Arzt ist. Im Original ist seine Rolle auf einen Priester und zwei weitere Rollen aufgeteilt, die sehr wenig mit dem Medizinerdasein zu tun haben.

Die Königskinder werden von den stets in Rot gekleideten Untertanen liebevoll umsorgt.
Die Königskinder werden von den stets in Rot gekleideten Untertanen liebevoll umsorgt. (Foto: Johannes Simon)

Es folgt eine dramatische Arie der Königin. Carolin Ritters kurze, krause Locken sind unter einer violettfarbenen Langhaarperücke verborgen. Ihr herzliches Lächeln hat Platz gemacht für die tiefe Trauer und die Entschlossenheit Alcestes. Am Rande huscht Aylin Kaip hin und her. Mit zwei Kameras ausgestattet fotografiert sie das Stück. Immer wieder blickt sie zum Technikpult und gestikuliert. Sofort ändert sich das Licht. Ist sie zufrieden, gibt es einen Daumen hoch.

Als Ausstatterin und Bühnenbildnerin ist sie die Frau für alles. Die erste Probe mit allen Requisiten und der richtigen Ausleuchtung ist für sie besonders anstrengend. An allen Ecken und Enden sind Nachbesserungen nötig. Anders als bei größeren Ensembles aber hilft hier der Chor mit. Sei es beim Aufbau oder bei der Anpassung der Kostüme.

Und auch das Klinikum hat die Inszenierung unterstützt. Aus allen Winkeln des Krankenhauses wurden alte Rollstühle, Röntgenlampen und Krankenhausbetten zusammengesucht. „Jeder Arzt, der drin sitzt, denkt sich, was machen die da?“, stellt Kaip fest. Doch solange es für Laien echt aussehe, sei das Bühnenbild gelungen. Die größte Herausforderung sei es aber keineswegs gewesen, eine realistische Krankenhausszenerie zu schaffen: „Die Schwierigkeit liegt darin, dass es nicht aussieht wie ein schlechtes Vorabend-Krankenhaus-Seriendrama. Sondern, dass die Würde und die Poesie des Stückes erhalten bleiben.“

Selbst Mikrowelle und Getränkeautomat werden zu Requisiten

Selbst die festverbaute Mikrowelle und der Getränkeautomat der Mensa werden zu Requisiten. Auf ihnen oder daneben trauert das Volk, oder Ärzte gönnen sich nach der erfolglosen OP eine Erfrischung: „Willkommen, drücken Sie zum Bedienen des Automaten eine nummerierte Taste …“. Während der dramatischen Offenbarung, dass sich Alceste nun statt ihres Gatten den Göttern opfert, kommt der Getränkeautomat ungewollt zu Wort – leises Kichern.

Bevor es in die Unterwelt geht, steht eine zwanzigminütige Pause an. Während Wiedermann videocallend durch den Saal läuft, wischt sich Ernst Bartmann mit einem Handtuch den Schweiß von der Stirn. Für ihn als musikalischen Leiter, aber auch für die Sängerinnen und Sänger, sei es eine große Herausforderung, so große Räume mit dem nötigen, kräftigen Opernklang zu füllen. Doch das Neuarrangieren der Stücke gehöre für ihn unter anderem zu dem besonderen Reiz von „Opera Incognita“.

Umringt von Ärzten und Schwestern wird die sterbende Alceste umsorgt. Jedoch ohne Erfolg. Ihr Schicksal ist besiegelt. Daran ändert auch eine ausrangierte Röntgenlampe nichts.
Umringt von Ärzten und Schwestern wird die sterbende Alceste umsorgt. Jedoch ohne Erfolg. Ihr Schicksal ist besiegelt. Daran ändert auch eine ausrangierte Röntgenlampe nichts. (Foto: Johannes Simon)

Nachdem Carolin Ritter, alias Alceste, ihren Rollstuhl wiedergefunden hat, heißt es zum letzten Mal an diesem Abend: Licht aus, Mensa-Saal frei. Es kommt zur Auseinandersetzung des Königspaars, wer nun sterben soll. Dabei werden sie von den nun bandagierten und mit Krücken versehenen Ärzten begleitet, die sie schließlich in rote OP-Kleidung einkleiden. Der König kickt etwas zu enthusiastisch seinen Lackschuh in einen der Unterweltbüsche. Der Chor kann sich das Lachen über Admètes ungelenke Entkleidung nicht verkneifen.

Schließlich kann sich Alceste durchsetzen und stirbt statt ihres Gatten. Doch ein Held hält Einzug in das Stück: Herkules, ein stattlicher, bärtiger Mann mit einem strahlenden Lächeln. Er befreit Alceste aus der Unterwelt und vereint das Königspaar. Anschließend wird gemeinsam ausgiebig gefeiert.

Leiser, aber umso herzlicherer Beifall erfüllt den Saal. Erleichterung, Freude und ein Hauch Stolz mischen sich, während das Ensemble lacht und sich umarmt. Auch Andreas Wiedermann hat an diesem Abend nur noch kleine Anmerkungen. Ihm geht es „um die Verzauberung des Alltäglichen durch die Kraft der Musik“. Dem steht, abgesehen vom Feinschliff der letzten Proben, nichts mehr im Wege.

„Alceste“, Premiere am Freitag, 29. August, weitere Aufführungen am Samstag, 30. August, sowie am 5., 6., 12. und 13. September 2025,  jeweils um 19.30 Uhr in der Betriebskantine des Klinikums Großhadern; Tickets unter www.muenchenticket.de

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