Es kommt relativ selten vor, dass man auf dem Weg zu einer Opernaufführung innerhalb der Spielstätte an einem Friseur oder einem Dim-Sum-Automaten vorbeikommt. Ebenso selten liest man über dem Eingang zum eigentlichen Geschehen den Hinweis „OP-Schutzkleidung ablegen“. Aber da man sich gerade auf dem Weg zu einer Aufführung von Opera incognita befindet, ist das alles gar nicht so ungewöhnlich.
Seit 20 Jahren macht die Truppe, mit Andreas Wiedermann als szenischen und Ernst Bartmann als musikalischen Leiter, Oper nicht unbedingt an Orten, an denen man eine Opernaufführung vermuten würde. Manchmal schon, meist nicht. In diesen meisten Fällen entführten Wiedermann und Bartmann die Zuschauer an Orte wie das Müller’sche Volksbad (fabelhaft), auch mal in den Justizpalast (passgenau), in die Uni (dito) oder, grandios aufregend, ins Maximilians-Forum (das ist die Unterführung unter dem Altstadtring an der Maximilianstraße).
Jetzt also Glucks „Alceste“ im Krankenhaus. Klinikum Großhadern, dessen Chef, Markus Lerch, ein Opernenthusiast ist und Opera incognita einmal gerne bei sich im Haus haben wollte. Lerch tritt an dem Abend selbst einmal kurz in Erscheinung, am Ende des ersten Teils, noch bevor das Publikum sich aufmacht, die speziell für den Anlass kreierten Spezereien der Krankenhausküche zu erkunden, um den Opernfreunden eine Registrierung zur Knochenmarkspende ans Herz zu legen. Die tut nicht weh, die rettet, wenn eine Stammzellentherapie Erfolg hat, an Leukämie erkrankten Menschen das Leben.
Großhadern ist in dieser Therapie führend, auch dank der Unterstützung der José Carreras Stiftung. Mitinitiatorin des Aufrufs ist Johanna Schumertl, die aus eigener Familiengeschichte um den Segen dieser Therapie weiß. In der Aufführung singt sie die Evandre, Freundin der Titelfigur, wunderbar menschliches Movens des Geschehens, auch empathischer Spiegel dessen, lyrisch, nahbar, warm.
In der Mensa des Krankenhauses – ein enormer Raum von der Breite des Großen Festspielhauses in Salzburg – steht quer eine lange Tafel. Dahinter leuchtet der Getränkeautomat, weil eben Mensa. „Alceste“ ist, wenn man den Götterballast beiseite schiebt, die Geschichte der Errettung eines Sterbenden ins Leben. Mithin ist der Spielort sinnstiftend. Auch wenn er Probleme ganz anderer Art mit sich bringt. Die Akustik ist bemerkenswert, aber so trocken wie in einem Tonstudio. Indes ist der Raum sehr groß.
Man muss dagegen anspielen, ansingen. Das Ansingen ist an diesem Abend überhaupt kein Problem, das Spielen schon. Bartmann hat neun Instrumentalisten zur Verfügung. Bei den solistisch besetzten Bläser funktioniert das sehr gut. Bei den Streichern weniger. Zwei Geigen sind mindestens zwei zu wenig, das weiß auch Wiedermann. Aber: Eine frei, mit ein bisschen (halböffentlicher) Unterstützung finanzierte Opernproduktion muss arg haushalten, 85 Prozent der Kosten an der Kassen einspielen. Jeder Profimusiker kostet. Kostet in den Proben, in den Aufführungen. Deshalb: zu wenig Streicher. Weil nicht mehr Geld vorhanden ist.
Glucks „Alceste“ kam 1767 auf Italienisch heraus, neun Jahre später auf Französisch. Wiedermann wählt die französische Fassung, kürzt sie auf die Länge der italienischen, was den Vorteil der Eliminierung der Reste von Rezitativ hat, den Nachteil, dass das Orchester durch Ballettmusiken ein größeres Eigenleben führt. Auf dieses, obwohl ohnehin schon wieder reduziert, könnte man aufgrund der oben geschilderten Gegebenheiten, ganz gut verzichten – Bartmann und mit ihm die Musikerinnen und Musiker kämpfen da mit größter Verve gegen etwas an, wogegen sie nicht gewinnen können.
Indes bleibt das Ergebnis bei aller Fragilität beeindruckend. Und: Die französische Fassung ist wegen des Orts schon nötig, weil in dieser nicht die Götter die Geschichte regeln, sondern Herkules, Gast des Hauses, mehr oder weniger Mensch, hier deutlich mehr, tätig, medizinisch, erfolgreich.

Also, die Geschichte: König Admete liegt im Sterben, das Orakel verkündet, er könne weiterleben, wenn ein anderer für ihn in den Tod ginge. Alceste, die selbstvergessen liebende Ehefrau, erklärt sich dazu bereit, Admete geht es sofort besser. Allerdings nur solange, bis er erfährt, wie seine Rettung vonstattenging (ein von Gluck außerordentlich umständlich gestalteter Vorgang). Dann Auftritt Herkules, der in die Unterwelt geht und Alceste zurückholt. Hier ist er, in imposanter Gestalt von Robson Bueno Tavares, ein Pharmavertreter, der in einem geheimnisvollen Koffer das heilende Medikament herbeibringt.
Die lange Tafel, an der Admete einen Herzinfarkt erleidet, ist schnell weggeräumt, der Krankenhausalltag beginnt, der Oberpriester wird zum Oberarzt, Manuel Kundinger singt ihn mit Anmut und spielt ihn mit professioneller Haltung, wie es für einen Arzt gehört. Hochprofessionell sind auch die Übertitel, allerdings liest man da auch viel von dem, was der Chor singt. „Alceste“ gehört zu Glucks Reformopern, da gibt es keine Da-capo-Arien mehr, aber eben viel Chor. In Wiedermanns konsequentem Setting ist es hierbei das pathetische Flennen des Chors, der Glaube an höhere Mächte irritiert. Natürlich, auch in einem Krankenhaus sterben Menschen. In erster Linie aber werden sie dort geheilt. Weil man es kann. Ohne Götter.
Freilich: Umgeben von den bereitgestellten Gerätschaften, vom herumwuselnden Klinikpersonal ist es der Kummer von Alceste und Admete, der den Kern der Aufführung ausmacht. Algın Özcan lädt die Partie des Admete bis zur Verausgabung auf sich, Carolin Ritter ist eine fabelhafte, wirklich ergreifende Königin. In ihr kulminieren Glucks Oper, aber auch Wiedermanns Inszenierungsidee, ihr Leid wird greifbar und nah. Und die eigenen Gedanken wandern durchs Krankenhaus, bis Ritter im glücklichen Ende einen großen Witz macht und selber Herzinfarkt spielt. Das ist eine eigentümliche Erlösung.
Opera Incognita, Alceste, aktuelle Termine unter www.opera-incognita.de


