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Oper:Was die Kunst kann

Für Jonas Kaufmann hat die Figur des Walther von Stolzing einen "Sturm-und-Drang-Charakter".

(Foto: Wilfried Hösl)

David Bösch inszeniert "Die Meistersinger" mit Jonas Kaufmann als Walther von Stolzing - und noch einem Debüt.

Von Rita Argauer und Egbert Tholl

Die "Meistersinger von Nürnberg" sind in München nichts Neues. 1868 wurde diese einzige ansatzweise komische Oper Richard Wagners im Nationaltheater uraufgeführt, seitdem hat sie ganze elf Neuproduktionen am Haus erfahren. In der zwölften Variante des Sängerstreits in München unter der Regie von David Bösch präsentiert die Staatsoper nun zwei Debüts: Generalmusikdirektor Kirill Petrenko hat die "Meistersinger" noch nie dirigiert. Und Jonas Kaufmann hat den Walther von Stolzing zwar vor gut zehn Jahren in Edinburgh gesungen - allerdings nur konzertant, szenisch ist es auch für ihn ein Debüt.

"Früher hat man sich für solche Debüts noch versteckt", sagt Kaufmann dazu, vor allem mit Blick auf seinen Kollegen Wolfgang Koch, der in München nun den Hans Sachs singen wird und zuvor schmunzelnd berichtete, dass sein Rollendebüt in Bielefeld am Kleinen Haus des Theaters stattfand. Für das Ensemble seien die "Meistersinger" damals genauso Neuland gewesen wie für ihn.

"Heute kann man eine Rolle nicht mehr einfach heimlich ausprobieren", sagt Kaufmann - selbst wenn er mit so einer Rolle an einem kleinen Theater debütieren würde, am nächsten Tag wäre es auf Youtube doch für alle sichtbar.

Die Bayerische Staatsoper ist ein Haus, in dem Kaufmanns Rollendebüts schon fast Tradition haben: "Ich kann mir in Deutschland kein idealeres Haus dafür vorstellen", sagt er dazu. Ob die Zeit, in der Pegida eine Ecke weiter am Odeonsplatz demonstriert und auch sonst nationalistische Gedanken in Europa wieder stärker werden, die richtige ist für Wagners "Meistersinger", ist eine andere Frage. Immerhin wurde die Oper erschreckend leicht in die Nazi-Ideologie eingepasst.

Doch sowohl Kaufmann als auch Koch sind interessiert an den Figuren. Das haben sie mit Regisseur David Bösch gemein. Denn auch im Gespräch mit ihm wird schnell deutlich: Er empfindet eine ungeheure Sympathie für die Figuren dieser Oper. Beckmesser zum Beispiel, den könnte man leicht als Miesepeter empfinden. Für Bösch ist er jedoch eine tragisch-komische Figur, erinnert ihn an Malvolio, allein schon wegen der Balkonszene, quasi als Kehrseite von "Romeo & Julia".

Bösch empfindet die "Meistersinger" als Komödie und kann auch der Aussage von Nikolaus Bachler etwas abgewinnen, der Stoff sei fast die einzige echte Komödie, die die deutsche Literatur hervorgebracht habe. Oder anders gesagt: Bösch meint, er könne sich denken, was Bachler damit meint.

Man ist sich sowieso ganz einig in dieser Produktion. Auch die beiden Sänger schätzen ihren Dirigier-Debütanten Kirill Petrenko sehr: "Petrenko schafft es, aus dem Orchester Farben herauszuholen, die man selten hört. Und in der Dynamik vollbringt er Wunder", sagt Kaufmann; Petrenkos Pianissimi seien leiser, als er das jemals gehört habe.

Das klingt nicht nur schön und schafft eine hinreißend plastische Spannung; diese Fähigkeit Petrenkos ist für die Sänger auch physisch ausgesprochen wohltuend. Denn anders als die Instrumente, die über das 20. Jahrhundert hin immer lauter gebaut wurden, erfuhren die Sängerstimmen keine technischen Lautstärke-Booster. Ein modernes Orchester ist viel mächtiger als das von Wagner, als Sänger muss man da drüber. "Damals hat man es sich in der Musik gemütlich gemacht", sagt Kaufmann nostalgisch, man höre etwa auf alten Schallplatten die nötige Ruhe. Heute müssten alle jedoch immer drauflos. Und bei einer Oper von der Länge ist das ganz schön anstrengend.

Das Problem der Zeit sieht auch Bösch: Die Balkonszene des unglücklichen Beckmesser würde im Sprechtheater vielleicht zwölf Minuten dauern. Bei Wagner ist sie halt doppelt so lang. Für Bösch hat Beckmesser eine Fallhöhe: erst angesehen im Dorf - Bösch spricht von "Dorf", was auch immer das für Auswirkungen auf das Setting haben wird -, dann verzweifelt, aber ein "Stehaufmännchen". Böschs Bild: Beckmesser sei wie einer, von dem die ganze Firma wisse, dass ihn seine Frau betrügt, nur er weiß es nicht. Und am Ende eine vernichtete Figur, einer, der sich gar nicht mehr blicken lassen könne.

Überhaupt, das Ende. Ist ja oft so bei Wagner: Die Enden haben es in sich. Bösch sieht am Ende also einen zerstörten Beckmesser, einen Stolzing, der den Preis ablehnt und sein "eigenes Ding machen" will, eine Eva, die mit ihm geht. Zurück bleibt Sachs. Mit seiner Kunst. An Sachs' Rede von der "heil'gen deutschen Kunst" haben sich ja schon Heerscharen von Regisseuren die Zähne ausgebissen.

Mal standen da Nazis, mal setzte die Musik aus, bei August Everding war es eine Bierzeltrede; da reagierte das Münchner Publikum zunächst indigniert. Bösch meint dazu: "Ich kann nicht aufgrund der letzten drei Minuten eine Konzeption entwickeln." Das leuchtet ein, weil vor diesen drei Minuten muss er ja als Regisseur eine Geschichte von viereinhalb Stunden erzählen.

"Die Schlussansprache wurde von den Nazis missbraucht", sagt auch Sänger Koch. Doch für ihn stelle der Text vor allem in der Verbindung mit der Figur Fragen, die bis heute bewegen. Fragen nach Identität, nach Sprache und Kultur. "Man muss das im Zusammenhang mit der Zeit sehen", sagt auch Kaufmann, dieser Patriotismus sei auch deshalb so stark, weil Deutschland zu der Zeit noch ein "Flickerlteppich" und keine Nation gewesen sei. "Heute sieht man das natürlich anders", fügt er an, "deshalb wird Pegida in dieser Produktion auch kurz um die Ecke schauen".

Für Bösch bleibt am Schluss ebenfalls das Moment der Identitätsstiftung durch Kunst. Die "Meistersinger" sind ja auch ein Künstlerdrama, behandeln die Frage, was es bedeutet, Kunst zu schaffen. Dieser Strang findet am Ende seine Konklusion. Und klar, das weiß Bösch natürlich, diese letzte Rede Sachs' ist jener Text, der missbraucht wurde, auch einfach, weil man ihn leicht missbrauchen konnte: "Doch wenn man wirklich die Figur anschaut, gelingt das eigentlich nicht."

Bösch sieht hier ganz unterschiedliche Erfahrungen zusammengetragen, und wenn man ihn darauf anspricht, dass etwa das Parteiprogramm der AfD oder die Aussagen der ungarischen Regierung davon murmeln, wie Kunst eine nationale Identität stiften solle, meint er: Sachs sei viel klüger, auch widersprüchlicher. Von ihm als Einzigem erfahre man so etwas wie eine emotionale Biografie.

Sachs hat die beiden Monologe, bei denen man tief in sein Inneres schaut: der sinnliche Fliedermonolog und der "faustische, nachtdunkle" Wahnmonolog. "Dieser Mensch kann nicht raus", er ist Teil von dem, worüber er hier singt. Und zum Abschluss des Redens darüber, was Sachs ganz am Ende eigentlich will, sagt David Bösch noch einen wunderschönen Satz: "Kunst kann etwas, was Missbrauch von Kunst nicht kann."

Die Meistersinger von Nürnberg, Premiere: Montag, 16. Mai, Nationaltheater, Livestream unter www.staatsoper.tv

© SZ vom 14.05.2016/infu
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