Oper:Raus aus der Ehehölle!

Das Staatstheater Nürnberg verbindet Telemanns ulkigen "Pimpinone" mit Bartóks düsterem "Blaubart"

Von Egbert Tholl, Nürnberg

Das Staatstheater Nürnberg war lange Zeit nicht unbedingt Avantgarde im Umgang mit der Pandemie, selbst mit Streams ließ man sich dort Zeit, um dann allerdings ein paar sehr gelungene zu produzieren. Nun aber dürfen wieder Menschen kommen - zur Begrüßung sagt Intendant Jens-Daniel Herzog, er habe schon lange nicht mehr so viele gut gekleidete Leute gesehen. Allerdings: So viele sind es gar nicht. 250 Zuschauer dürfen ins Opernhaus hinein, die Inzidenzzahlen waren in Nürnberg hartnäckiger hoch gewesen als etwa in München. Überhaupt mutet der Besuch ein bisschen an wie der in einem Pandemie-Museum: Man braucht einen gültigen Test, man wird auf streng markierten Wegen geführt. Das alles ficht bei der Eröffnungspremiere das Publikum nicht an; die 250 spenden Applaus, als wären sie zehn mal so viele, und hören damit gar nicht mehr auf, so dass die Mezzosopranistin Almerija Delic mit strahlender Verwunderung die Freude des Publikums widerspiegelt. Berechtigt ist diese Freude allemal.

Der Kunst-Stau löst sich in Nürnberg in drei Opernpremieren in fünf Tagen auf. Dafür suchte man nach Stücken, die man auch unter Abstands- und Hygieneregeln umsetzen kann - und fand für die Wiedereröffnungspremiere Telemanns "Pimpinone" und Bartóks "Herzog Blaubarts Burg". So unterschiedlich die beiden Stücke auch sind - das eine ist ein lustiges barockes Zwischenspiel, das andere ein expressiver Geschlechterkampf von 1911 -, so eint sie doch das Thema. Kurz gesagt: das Scheitern einer Ehe, von Ilaria Lanzino erzählt als zwei Varianten des Erwachens weiblicher Selbstbestimmung.

Staatstheater Nürnberg Blaubart

Almerija Delic und Jochen Kupfer in "Herzog Blaubarts Burg".

(Foto: Ludwig Olah)

Und zwar erst einmal mit großem Witz. Der reiche Pimpinone sucht eine Gefährtin, die ihm vor allem den Haushalt führt. Lanzino nimmt das sehr wörtlich, lässt Hans Gröning im Internet begeistert nach dem perfekten Haushaltsroboter forschen - bei dieser Suche tauchen kurz Nachrichten über den Feldherrn Tamerlano auf, zwischen die Akte der gleichnamigen Oper von Händel hatte Telemann einst seine lustige Auflockerung bei deren Uraufführung geschoben. Ein äußerst reizender Bote liefert dann Vespetta ins hübsch barock angedeutete Heim Pimpinones; sie benimmt sich wie ein barocker Bügelautomat, von dem sein Besitzer so begeistert ist, dass er ihn heiratet. Und dann erwacht Vespetta zum Leben, und die strahlende Maria Ladurner macht selbstbestimmt alle Haushaltshilfenpläne zunichte.

Das ist alles sehr flott, Ladurner glänzt mit feiner, schwereloser Stimme, Gröning fügt sich mit Charme in die Machtlosigkeit des Gatten, im Graben sitzt eine Handvoll Musiker, die Andreas Paetzold sauber, aber brav leitet. Für sich allein ist "Pimpinone" nicht mehr als ein hinreißend melodiöser Barockscherz. Aber es folgt ja die Dunkelseite eines Ehekriegs.

Dafür werden der Dirigent (nun Johannes Rumstadt), die Musizierenden und das Bühnenbild ausgetauscht, und auch Lanzinos Inszenierstil verschiebt sich vom Konkreten ins eher Psychotische, was kurz irritiert, weil Blaubart und Judith nie Kontakt haben, in zwei Schlafzimmern hausen, aber bald durch die Präzision des Spiels von Aktion und Reaktion, auch über weite Distanz, eine Faszination gewinnt. Almerija Delic begeistert mit Expression, Jochen Kupfer mit einer souveränen Studie eines in sich verschlossenen Mannes, die beiden sind sehr zeitgenössisch, psychologisch wahr. Da braucht es kaum mehr Ausstattung als Bartóks bohrende Musik.

Staatstheater Nürnberg Pimpinone

Maria Ladurner und Hans Gröning in "Pimpinone".

(Foto: Ludwig Olah)

Am Ende siegt Judith, verlässt dieses männliche Neurosenbündel, steht selbstbestimmt im Licht. Und dann bricht der Jubel los.

© SZ vom 12.06.2021
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