Das klingt schon sehr lustig. Gleich zu Beginn tritt Lord Puff auf, singt eine Art Hymnus, begleitet von einer Hausorgel (man könnte auch sagen, einem verschnupften Harmonium). Sein Gesang hat etwas Pietistisches, wie vieles hier, aber das ist natürlich Ironie. Lord Puff, also Michael Butler, singt von seinem Alter, davon, dass er nie ans Heiraten dachte. Butler singt das sehr schön, wie überhaupt während des ganzen Abends sein heller Tenor viel Anlass zu Freude bieten wird. Puff soll Vorsitzender der K.G.S.R. werden; sein Vorgänger im Amt ist gerade verblichen und wird auf recht praktische Art in eine Truhe gepackt. Jetzt also muss Lord Puff ran, das bedeutet Heirat, denn „ein Kater meines Rangs darf nicht ohne Nachwuchs bleiben“.
Kater? In der Oper? Ja, in Hans Werner Henzes „Die englische Katze“, uraufgeführt 1983 im Schlosstheater Schwetzingen, „eine Geschichte für Sänger und Instrumentalisten“, wie Henze selbst das Stück nannte. Jetzt hat es Christiane Lutz im Cuvilliés-Theater inszeniert, mit den Mitgliedern des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper. Deshalb spielt auch das Staatsorchester unter Katharina Wincor. Das ist sehr schön, denn Wincor dirigiert diese Musik mit heller, lichter Freude und großer Leichtigkeit.
Henze macht sich hier über Opernkonventionen lustig, ohne diese zu verraten
Die Geschichte des Stücks stammt von Honoré de Balzac, aus einem illustrierten Sammelband parabelhafter Tiergeschichten. 1977 sah Henze in Paris eine Theateradaption der Geschichte durch den argentinischen Regisseur Alfredo Rodriguez-Arias, war sofort hingerissen und schickte seinen Librettisten Edward Bond in eine Aufführung (was erst drei Jahre später in London klappte). Dann machten sie sich zusammen an die Arbeit, und herauskam eine Opera buffa, in der das Wissen um die Gattung und der Kompositionsstand von 1980 zusammenfließen.
Henze macht sich darin über Opernkonventionen lustig, ohne die zu verraten, er erfindet äußerst einfallsreiche Instrumentationen, Lieder, Couplets, Arien, schäumende Chorszenen. Mal klingt es von der Ferne nach Mozart, mal nach Donizetti oder Verdi, mal spielt das Orchester eine Einleitung, als käme jetzt gleich ein Kurt-Weill-Song wie aus der „Dreigroschenoper“ oder „Mahagonny“. Dann wieder funkelt ein kleines, aber doch groß angelegtes Orchesterzwischenspiel.

Die Bayerische Staatsoper in China:Kulturelle Diplomatie oder Unterhaltungsprogramm in einer Diktatur?
Die Bayerische Staatsoper kehrt von einer Tournee durch China zurück, die bereits seit 2019 geplant war. Wieder daheim in München wird ein konzertanter „Figaro“ gespielt.
Auf der Bühne nur Tiere, Katzen und eine Maus, Louise, die Iana Aivazian entzückend singt und spielt. Die Katzen haben einen Verein, ebendiese K.G.S.R., der dem Wohle der armen Mäuse und Ratten dienen soll. Im Kern ist der Verein aber eine eigennützige Erbschleichergesellschaft. Und da wir in der Oper sind, geht es natürlich um Liebe. Lord Puff also soll Minette, Katze vom Land, heiraten, was sein Neffe Arnold verhindern will, er will des Onkels Erbe, um seine Spielschulden loszuwerden. Zur Heirat kommt es dennoch, doch Minette findet längst den Kater Tom viel interessanter als den alten Lord; Tom liebt auch, aber bald Minettes Schwester Babette. Dann kommt heraus, dass Tom ebenfalls ein Lord, und zwar ein sehr reicher ist, prompt wird er ermordet, die Maus mopst der K.G.S.R. das Geld und haut ab.
Christiane Lutz inszeniert Menschen, keine Tiere, aber ein paar drollige Katzengesten machen die dennoch. Man ist in einem britisch-herrschaftlichen Interieur oder auf den Dächern Londons, alles ein bisschen eng und ohne größere Bedeutung, aber das Licht von Benedikt Zehm ist fabelhaft. Die Crux allerdings: Wer auch immer die Idee hatte, das Stück auf Deutsch zu machen, es war eine blöde Idee. Die Übersetzung von Ken Bartlett ist an dauergereimter, betulicher Zopfigkeit kaum zu überbieten; falls hier Gesellschaftskritik drin ist, dann für Einsteiger. Dafür lernen die Mitglieder des Opernstudios Partien, die sie nie mehr singen werden, herausstechen können wenige, die bereits genannten, dazu Armand Rabot als Tom, Seonwoo Lee als Minette, die im Laufe des Abends immer mehr Profil gewinnt. „Die englische Katze“ war die erste Staatsopern-Premiere der Spielzeit. Es kann nur noch spannender werden.
Die Englische Katze, Münchner Staatsoper, aktuelle Termine unter www.staatsoper.de

