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Oper:Geschichte fordert

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Die Zeppelintribüne, vor der im kommenden Jahr die Aufführung der „Meistersinger von Nürnberg“ nachgeholt werden soll.

(Foto: Johannes Simon)

Nürnberg will 2025 Kulturhauptstadt Europas werden. Selcuk Cara liefert mit seiner Version der "Meistersinger" einen Beitrag dazu

Von Egbert Tholl

Nachdem alles vorbei ist, nachdem einem zwei Stunden lang eine Aufführung, eine einzigartige Melange aus Genie und Wahnsinn durch den Kopf gerauscht ist, muss einem Selcuk Cara noch etwas zeigen. Es ist das ehemalige Trafohaus in der Nähe der Zeppelintribüne, das einst die Reichsparteitage der Nazis mit Strom versorgte. Heute befindet sich darin ein Burger-King-Lokal, und an der Seite des Gebäudes kann man noch sehr deutlich den Abdruck eines Reichsadlers erkennen. Ohne Hakenkreuz, inzwischen. Die Nürnberger nennen die hier erhältlichen Gerichte "Reichsburger".

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Selcuk Cara wurde 1969 in Hessen geboren, studierte Philosophie bei Habermas, danach Operngesang, unter anderem bei Eike Wilm Schulte, einem der profiliertesten Darsteller des Beckmesser aus Wagners "Meistersingern". Als er studierte, stellte ihn eine Lehrerin einmal mit den Worten vor, er sei Türke, aber trotzdem intelligent - später schrieb er ein Buch mit diesem Titel. Er machte eine Gesangskarriere, sang zum letzten Mal 2014, die Basspartie in Beethovens Neunter beim Beethovenfest in Bonn. Danach beschloss er, Regie zu führen. Im Film und auf der Bühne. Genau dies macht er nun in Nürnberg. Er inszeniert eine sehr spezielle, zwei Stunden dauerende Interpretation von Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" auf dem Reichsparteitagsgelände.

Während er dies tut, wird in Nürnberg gerade die Internationale Orgelwoche (ION) eröffnet. Im Prinzip ist das zwar eine Koinzidenz, aber er gibt da einen weiteren Zusammenhang. Nürnberg will Europas Kulturhauptstadt 2025 werden. Die ION, die dieses Jahr zum 69. Mal stattfindet, ist hierfür ein sehr gutes Argument, denn normalerweise verwandelt dieses Festival die ganze Stadt in einen Konzertsaal, vereint alte geistliche Musik mit Experimentellem und Zeitgenössischen, zieht scharenweise neues Publikum an. Nur dieses Jahr eben nicht. Wegen Corona musste der Leiter Moritz Puschke die Konzerte mehrheitlich ins Netz verlegen, erst von 5. Juli an kann man sie auch live an Ort und Stelle verfolgen.

Die Eröffnung in der wunderschönen Kirche St. Sebald ist also die Herstellung eines vierstündigen Streams, den man auf der Seite des Bayerischen Rundfunks anschauen kann. Darin meint Puschke, damals, 1951, wurde die ION in den Trümmern der zerbombten Stadt gegründet - da sei die Lage also weitaus schwieriger als heute gewesen. Während man in der Kirche zuhört, sitzt der bayerische Innenminister Joachim Herrmann in derselben Bank. Eine Stunde lauscht er der erlesen dargebotenen Musik. Im Gespräch mit der bemerkenswert geschwätzigen Moderatorin Ursula Adamski-Störmer sagt er später, es sei ja gut, dass man Hilfsprogramme für Künstler habe, aber es sei viel besser, wenn diese einen konkreten Auftrag hätten. Also spielen könnten.

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Eine Haltung, die auch der von Julia Lehner entspricht. Sie ist seit Mai dieses Jahres die Kulturbürgermeisterin von Nürnberg und steht am Telefon noch unter dem Eindruck einer coronakonformen Aufführung der Staatsoper am Vorabend. Sie hoffe sehr auf Lockerungen, "diese Form jetzt ist nicht durchzuhalten, das wird auf Dauer nicht funktionieren". Ein Staatstheater sei keine Fleischfabrik, auch wenn sie die Angst verstehe. "Es gibt Obergrenzen, und gegen die wird niemand verstoßen wollen." Gleichzeitig sitzt sie seit ein paar Wochen aber auf der Position, wo man "das Kreative maximal ausschöpfen" könne: Markus Söder berief sie zur Beraterin in kulturellen Fragen - dringend notwendig angesichts eines bayerischen Kunstministers, dem außer Schockstarre nicht viel zu Corona und der Kunst einfällt. Mit Lehner könnte es klappen mit der Kulturhauptstadt, sie scheint ein Herz für Kunst abseits oft beschrittener Pfade zu haben, ist begeistert von der ION und voll lächelnder Neugierde auf Selcuk Caras Projekt, auch wenn der einem das Lächeln nicht immer leicht macht.

Im Vorfeld schaffte er es, so viel Unruhe und Verwirrung in der Stadt zu stiften, dass etwa die Nürnberger Nachrichten einen Gastkommentar des Hamburger Politologen und Wagner-Exegeten Udo Bermbach druckten, der, ohne Caras Aufführung zu kennen, diese verdammte bis hin zu der fabelhaften Äußerung: "Hitler hätte Eingriffe in das Libretto oder die Partitur nie zugelassen."

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An Wagners "Meistersingern" haben sich viele die Zähne ausgebissen, die das Ende, Hans Sachs' Lobgesang der deutschen Kunst, nur schwer ertragen. Von 1935 bis 1938 eröffnete eine Aufführung der Oper die Reichsparteitage in Nürnberg, mit dem Ausruf "Fanget an!" ließ Julius Streicher im August 1938 die Nürnberger Hauptsynagoge am Hans-Sachs-Platz abreißen. In der Oper soll mit diesen Worten der Sängerwettstreit beginnen. All dem wollte Cara etwas entgegensetzen, Nürnberg an seine Geschichte erinnern und die Brache des Innenhof der ehemaligen Kongresshalle bespielen. 3000 Zuschauer hätten kommen sollen, indes kam Corona. Ob die Aufführung überhaupt zustande gekommen wäre an dem Ort, ist fraglich; es gab Bedenken wegen Fluchtwegen und der Sicherheit. Vermutlich wird sie in einem Jahr nachgeholt, dann vor der Zeppelintribüne, von der aus Hitler zu den Massen auf dem Parteitag sprach.

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In der Mitte Thomas Gazheli als Beckmesser/Julius Streicher.

(Foto: Selcuk Cara)

Cara dockte mit seinem zunächst frei ersonnenen Projekt an die Kulturhauptstadtbewerbung an, aber darauf, so kann man sich die etwas verworrene Genese des Ganzen zusammenreimen, brachte ihn der musikalische Leiter Alexander Joel. Der begann seine Karriere mit 24 am Opernhaus Nürnberg und leitete vor drei Jahren einen "Ring"-Zyklus in Wiesbaden. Er kennt sich aus, mit Wagner und mit Nürnberg: Sein Großvater Karl Amson Joel gründete 1928 in Nürnberg einen Bekleidungsversandhandel, später auch eine Fabrikationsstätte. Bald wurde er vom fränkischen Gauleiter Julius Streicher, Gründer und Inhaber des Hetzblattes Der Stürmer drangsaliert, ging nach Berlin und musste schließlich 1938 seine Firma weit unter Wert an Josef Neckermann verkaufen. Der machte daraus den Neckermann-Versand, Joel floh über Kuba in die USA. Alexanders Halbbruder ist der Sänger, Klavier-Mann und Popstar Billy Joel.

Julius Streicher war ein fanatischer Antisemit, Nazi der ersten Stunde, 1923 bei Hitlers Putschversuch dabei und wurde mit der Zeit selbst den Nazis zu grob. Er bereicherte sich schamlos, nannte Göring impotent, wurde 1940 aus allen Parteiämtern entfernt und 1946 im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess schuldig gesprochen und hingerichtet.

Selcuk Cara führt nun im Probenraum der Nürnberger Symphoniker in einem Seitentrakt der Kongresshalle zusammen: den religiösen Antisemitismus Martin Luthers, Hitlers Äußerungen dazu, Streichers widerwärtigen Wahnsinn und ekelhafte AfD-Zitate. Zwischen den fünf Sängern, die von Wagner übrig sind, geistert der enervierende Schauspieler Aom Flury als Muse, Engel und Leni Riefenstahl, die auf dem Gelände ja ihren Reichsparteitagsfilm "Triumph des Willens" drehte. Und Alexander Joel dirigiert. Zwar, wegen Corona, kein Orchester, aber er koordiniert die Sänger mit dem hinreißenden, absolut umwerfenden Pianisten Stanislav Rosenberg.

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Die Aufführung des fabelhaften Egomanen Cara ist ein diskursiver Geschichtstrip, an diesem Ort unbedingt notwendig, aber auch harte Ware. Subtilität ist Caras Domäne nicht. Und dennoch: Es bleibt viel Wagner übrig. Hans Hawlata ist ein Bilderbuch-Sachs, Dietmar Kerschbaum ein großartiger David, Ferdinand von Bothmer ein toller Stolzing, David Jerusalem ein feiner Kothner und Nachtwächter. Und dann ist da noch Julius Streicher selbst. Cara hat Thomas Gazheli als Beckmesser engagiert und diesen denkbar unerschütterlichsten Sänger so passgenau als Streicher ausstaffiert, dass er beim Spazieren durch die Stadt Irritationen, aber auch bewundernde Blicke auslöst. In der Endprobe der Aufführung, aus der Cara zunächst einen Arthaus-Film machen will, ist Streicher/Beckmesser das dampfende Zentrum, Aberwitz des Widerwärtigen.

Sollte es Nürnberg ernst meinen mit der Kulturhauptstadt, muss die Stadt aktiv mit ihrer Vergangenheit und dem Reichsparteitagsgelände umgehen. Meist fügt man hier ein "ehemalig" ein, aber das Gelände ist ja da, riesengroß, ein Menetekel, vor sich hinbröckelnde Aufforderung zur Auseinandersetzung. Cara nahm die an.

© SZ vom 02.07.2020
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