Wie Roland Schwab den „Fürst Igor“ am Gärtnerplatztheater inszeniert„Ich mag Geheimnisse im Leben und auf der Bühne“

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Einst schob er Kulissen am Gärtnerplatztheater, jetzt inszeniert er dort als Regisseur: Roland Schwab.
Einst schob er Kulissen am Gärtnerplatztheater, jetzt inszeniert er dort als Regisseur: Roland Schwab. Kerstin Kokoska/IMAGO/Funke Foto Services

Ein Pazifist, der ein Kriegsdrama vertont: „Fürst Igor“ war schon für den Komponisten Alexander Borodin eine Herausforderung. Regisseur Roland Schwab, der die Oper am Gärtnerplatztheater München inszeniert, findet jedoch nicht nur diese Schieflage reizvoll.

Von Klaus Kalchschmid, München

Schon als kleiner Junge war Roland Schwab im Gärtnerplatztheater: als Siebenjähriger bei einem „Freischütz“. Später verdiente sich der gebürtige, heute wieder in seiner Heimatstadt lebende Münchner dort durch Kulissenschieben sein erstes Geld. Studium und Karriere fanden dann jedoch außerhalb Münchens statt, bei Götz Friedrich und Harry Kupfer. Schwab wurde aber auch von der legendären Opernregisseurin Ruth Berghaus, die er als Formalistin mit großer Poesie schätzte, stark geprägt.

Heute inszeniert er an kleineren Häusern Raritäten, spart sich die Blockbuster aber für die größeren Häuser auf. Sein Prinzip, jede Oper nur einmal zu inszenieren, hat er für „Aida“ gebrochen, gleich dreimal: „Das ist so ein großes Werk, da konnte ich einfach nicht widerstehen, und es war auch jedes Mal ein anderer Bühnenbildner.“ Zumeist ist es allerdings Piero Vinciguerra, der seine ganz klaren bildlichen Visionen am besten und schönsten im Detail ausführt: „Es kommt immer das dabei heraus, was ich mir vorgestellt habe, so als wäre ich mein eigener Bühnenbildner.“

Diese Bühne für Roland Schwabs Inszenierungen ist meist dunkel und düster, Licht kommt selten von vorne, meist von der Seite oder von unten, gern auch mal durch Lamellen, egal ob es „Mefistofele“ ist an der Bayerischen Staatsoper oder wie jetzt „Fürst Igor“ am Gärtnerplatztheater. „Ich mag einfach kein pauschales Licht, am liebsten ist mir, wenn der Zuschauer geblendet ist mit Gegenlicht von hinten, so behält jedes Gesicht auch sein Geheimnis“, sagt Schwab. „Denn der Mensch soll nicht komplett ergründet werden. Ich mag Geheimnisse im Leben und auf der Bühne. So wie der Aufmarsch von Fürst Igor mit seinen Mannen im Prolog.“

In der Rolle des Fürsten Igor ist Matija Meic am Gärtnerplatztheater zu erleben.
In der Rolle des Fürsten Igor ist Matija Meic am Gärtnerplatztheater zu erleben. Markus Tordik

„Fürst Igor“ nennt Schwab „vermintes Gelände, weil es wenig Dramatik gibt“. Er sagt aber auch, er liebe „delikate Challenges“. Jetzt weiß er, dass er es mit Musik zu tun hat, „die im Probenprozess sich nicht abnutzt, sondern gewinnt, und nun weiß ich die Kostbarkeit der Melodik unterfüttert mit raffinierter, gesättigter Harmonik zu schätzen“.

Reizvoll ist für den Regisseur auch „die Schieflage, in der sich Komponist und Werk befinden“, dass „ein Feingeist, Chemiker und Wissenschaftler wie Borodin“ ein Heldenepos vertont. Vielleicht liegt es auch daran, dass Alexander Borodin nicht fertig wurde – 18 Jahre lang hat der unabgeschlossene Kompositionsprozess gedauert, „denn er war ein friedliebender, harmoniebedürftiger Mann. Er war eigentlich ein Pazifist und ausgerechnet an ihn wurde herangetragen, dieses Kriegsdrama zu vertonen. Er hat sich jahrelang gewehrt, die Titelpartie in Angriff zu nehmen. Doch schon das Igorlied aus dem 12. Jahrhundert, auf dem das Libretto basiert, ist kein Kriegsepos, sondern das eines kläglichen Scheiterns“, sagt Schwab, der glaubt, dass dem Werk der Pazifismus eingeschrieben ist.

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Der dritte Akt, hauptsächlich von Glasunow komponiert, wird meist gestrichen, so auch diesmal. Aber Schwab weiß auch, dass sich nicht nur Nikolai Rimski-Korsakow mit seinem Anteil an Werk und Schaffensprozess Borodins, sondern auch sein Schüler Glasunow enorme Meriten erworben hat. Er hat die Ouvertüre, die Borodin oft den beiden Freunden am Klavier vorgespielt hat, nach dem Tod des Komponisten aus dem Gedächtnis aufgeschrieben. Das wird Schwab auch in der Ouvertüre thematisieren, die er enorm schätzt mit ihrer Kontrapunktik. Sie sei großartig durchkomponiert und verarbeite mehrere Motive und Themen der späteren Oper.

Alles spielt bei Schwab in einem russischen Salon, neben dem das Chemielabor Borodins lag, das auch gezeigt wird, und er resümiert: „Am Ende sind wir wieder auf der Melancholie-Seite Borodins, es wird keinen Jubel-Schlusschor geben und ich fahre alles herunter auf die Kammermusik mit einer soghaften Romanze Borodins: ‚Von fernen Gestaden‘ auf einen Text von Puschkin. Da geht es um die Verbindung im Jenseits, weil ein Paar im Hier und Jetzt nicht zusammenfindet.“

Fürst Igor, Gärtnerplatztheater München, Premiere am 14. Februar, 19.30 Uhr

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