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Oper für alle am Marstallplatz:Zwischen Broadway und Bierzelt

Tausende Zuschauer lauschen dem Festspielkonzert des Bayerischen Staatsorchesters unter der Leitung von Kiril Petrenko mit den beiden Solisten Golda Schulz und Thomas Hampson.

(Foto: Stephan Rumpf)

Volksfeststimmung bei "Oper für alle": Kirill Petrenko führt das Bayerische Staatsorchester mit Verve durch ein freilufttaugliches Musical-Programm.

Dank Traumwetter, einem bestens freiluftverträglichen und sommerlich-leichten Broadway-Programm mit Musik von George Gershwin, Leonard Bernstein, Cole Porter und Rodgers & Hammerstein und einem vergötterten Dirigenten Kirill Petrenko sind schon eine Stunde vor dem "Oper für alle"-Konzert auf dem geräumigen Marstallplatz alle Sitzkissen und Deckenplätze besetzt. Anders als bei Petrenkos ewig im voraus ausverkauften Akademiekonzerten konnten die Gäste spontan kommen und mussten auch nichts zahlen. Japanische Touristen breiten Zeitungen auf dem Boden aus oder offensichtlich schon häufig verwendete Unterlagen mit Verona-Aufdruck. Zu Gruppen stoßen immer wieder Nachzügler dazu, ganze Familien quetschen sich auf den letzten freigebliebenen Quadratmetern hinter die blauen Linien. Diese sollen zur Sicherheit breite Gänge freihalten, überwacht von strengen Ordnern. Immer mehr Menschen machen, die Decke unterm Arm, die Runde und halten Ausschau nach einem freien Platz. Viele nehmen Stehplätze ein, aber den anderen die Sicht.

Dabei gibt es in diesem Jahr erstmals Videowände, die eigentlich eine brillante Optik bis in die hintersten Reihen beim Max-Planck-Institut bieten, wenn nicht grade jemand das Bild verstellt. Vielleicht müsste man sie nächstes Jahr ein paar Meter höher hängen. Riesige, exzellente Lautsprecher übertragen noch hundert Meter vom Orchester entfernt einen plastischen, sehr natürlichen Klang. Dabei unterschlagen sie kaum etwas von dem, was Kirill Petrenko und das Staatsorchester bei diesem für beide höchst ungewohnten Programm an Raffinesse und Feinheiten zaubern.

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Wegen der Musik allein sind freilich die wenigsten der mehr als 10 000 Gäste gekommen, auch nicht wegen der Künstler, schon eher wegen eines schönen, üppigen Picknicks mit musikalischer Untermalung - und um mal wieder bei ein wenig Hochkultur Freunde zu treffen. Dank der Unterstützung von BMW ist das nun schon seit 20 Jahren bei freiem Eintritt möglich. Das Angebot wird mittlerweile von so vielen angenommen, dass die Überfüllung der eines Bierzelts auf der Wiesn ähnelt.

Die südafrikanische Sopranistin Golda Schultz, einst Mitglied des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper und heute auf den großen Bühnen der Welt zu Hause, hat es anfangs schwer. Ihr wunderbar unsentimentales und sehr authentisches "Summertime" geht im Geplauder der Sitznachbarn unter. Erst das schwärmerisch schwebend gesungene "I Could Have Danced All Night" der glückseligen Eliza aus Frederick Loewes "My Fair Lady" und das nicht minder gut gelaunte "I Feel Pretty" aus Bernsteins "West Side Story" bekommen die nötige Aufmerksamkeit.

Der amerikanische Star-Bariton Thomas Hampson hat es da vielleicht dank seines etablierten Namens von Anfang an leichter. Schon Cole Porters "Night And Day", aber vollends das zündende und fulminant gesungene "I Got Rhythm" kurz vor Schluss begeistert die Massen und erhält tosenden Applaus.

Wie viel Jazz und Swing in einem großen Symphonieorchester stecken kann, offenbaren George Gershwins "Cuban Ouvertüre" (mit entsprechend kostümierten, sprich huttragenden Schlagwerkern), drei Tanz-Episoden aus Leonard Bernsteins frühem Musical "On The Town" sowie der unverwüstliche "Amerikaner in Paris" von Gershwin. Kirill Petrenko, noch Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und schon bald Chef der Berliner Philharmoniker, kann so schon mal üben für das Silvesterkonzert an seinem neuen Wirkungsort. Aber was heißt hier üben? Als würde Petrenko jeden Abend dieses Musical-Repertoire dirigieren, klingt alles ebenso detailverliebt wie mit wachem Ohr für das Ganze. Das hat in jedem Takt Schwung und Verve, auch dank goldrichtiger Tempi, und macht dem Staatsorchester wie seinem heiß geliebten GMD offensichtlich ebenso großen Spaß.

Das Attacca-Jugendorchester des Bayerischen Staatsorchesters unter Allan Bergius durfte den "Oper für alle"-Abend mit der Ouvertüre zu Gershwins "Funny Face" eröffnen, das offizielle Programm beschließt das Staatsorchester mit Filmmusik von Franz Waxman: dem fetzigen Kosakenritt aus dem Abenteuerfilm "Taras Bulba" von 1962. Petrenko erlaubt ausnahmsweise Thomas Hampson, bei einem Bernstein-Tanz zum Dirigentenstab zu greifen, was diesem ein jungenhaft seliges Lächeln aufs Gesicht zaubert.

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