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Oper:Ein letztes Lachen

Die Piraten von Penzance Komische Oper von Arthur Sullivan Libretto von William Schwenck Gilbert In deutscher Sprache  Die Erfolge des Autorenteams Gilbert und Sullivan widerlegen das Vorurteil, britischer Humor sei nicht exportierbar. Ihre Lust an der Sa

Der wilde Mann links hinten ist eigentlich sehr lustig und stammt auch nicht aus den "Pirates of the Caribbean", sondern vom Staatstheater Nürnberg und heißt Wonyong Kang; vorne triezt der sonst eher possierliche Piratenkönig Hans Gröning den Polizeisergeanten Ronny Miersch.

(Foto: Pedro Malinowski)

Das Staatstheater Nürnberg zeigt vor der virenbedingten Schließung noch einmal profunden Blödsinn auf allerhöchstem Niveau: Gilbert & Sullivans "Piraten von Penzance"

Es ist ein seltsames Gefühl, die letzte Vorstellung der Nürnberger Staatsoper zu besuchen. Bis zum 19. April bleibt ja nun auch dieses Haus geschlossen. Und zunächst wirkt alles ganz normal, launig steht man im Regen vor dem leuchtenden Bau. Drinnen guckt man auf den Plan mit den freien Sitzplätzen und stellt fest: fast ausverkauft, im Parkett sind noch einige wenige Sitze frei. Betritt man dann den Zuschauerraum, stellt man fest: Er wird sich vielleicht zu 40 Prozent, wenn nicht noch weniger füllen. Offenbar haben viele Menschen, die bereits eine Karte besitzen, Angst davor, für die Dauer von zweieinhalb Stunden den Raum mit tausend anderen zu teilen.

Sie verpassen etwas. Denn "Die Piraten von Penzance" von William Schwenck Gilbert (Text) und Arthur Sullivan (Musik) ist als Stück schon ein fabelhafter Blödsinn, in der Regie von Christian Bley erst recht. Der Mann war lange Zeit Schauspieler, dann fing er an, mit Harald Schmidt zusammenzuarbeiten, unter anderem bei dessen "Late Night Show". Das merkt man. Die Aufführung wirkt wie der letzte Höhepunkt eines fabelhaften Faschings, der ja nun fürs öffentliche Leben tatsächlich erst einmal zu Ende ist.

In der Pause trifft man den Nürnberger Staatsintendanten Jens-Daniel Herzog, ganz zufällig - vermutlich besucht er die Vorstellung, weil auch er nicht wahrhaben kann, dass nun dieser Ort, diese Versammlungsstätte interessierter, gebildeten, aufgeschlossener Menschen geschlossen sein wird. Da muss er noch die letzten Minuten auskosten. Dann erzählt er, dass intern der Betrieb weiterläuft, Proben weitergehen. Alle proben sie weiter, in Bamberg und München, Augsburg und Nürnberg.

Mit einem Blick auf die Menschen hinter den Tresen, die mit der Verve des nahenden Endes die Gläser des sehr konsumfreudigen Publikums großzügig füllen, meint Herzog, dass dies die ärmsten Schweine seien. Ein Gastdirigent, dessen Auftritt ausfiele und der dann auf seine Gage verzichten müsse, der könne den Verlust wohl verschmerzen. Aber eine temporär bei einem Subunternehmen beschäftigte Barfrau? Fünf Wochen ohne Job. Und das auch noch in einem Haus, das brennen kann vor Leidenschaft. Jens-Daniel Herzog: "Wenn wir nicht spielen können, ist unsere Mission nicht erfüllt."

Vor und nach der Pause wird indes diese Mission aufs Beste bewältigt. Sullivans überlegen ironische Musik, die aber immer konkret bleibt, Gilberts diese aufnehmender Text, diese ureigene Kombination der beiden, setzt Brey mit einem äußerst prägnanten, punktgenauen Spiel aller fort. Natürlich, die Geschichte ist reiner Unsinn: Es geht um falsche Piraten, die eigentlich von der Welt enttäuschte Aristokraten sind, einen Lehrling, der 21 und doch erst fünf ist, weil an einem 29. Februar geboren, um Polizisten, die Angsthasen sind, blühende Mädchen und deren General-Papa. Zwischen Anleihen von Rossini, Offenbach und großer Oper herrscht hier eine schlackenlosen Unterhaltungsmoderne - das Stück kam 1879 heraus. Gilbert forderte für seine Stücke stets radikale Präzision und Schauspielerarbeit, hier kriegt er sie.

Vom herrlichen Trottel-Piratenkönig Hans Gröning, dem gummibaumschlingpflanzenartigen Ronny Miersch als Polizist, dem irren und flink tanzenden General Hans Kittelmann, dem treuäugigen und fast heldisch aufsingenden John Pumphrey (der Lehrling) und einer duftigen Mädchenschar. Darin: die tolle Komödiantin Nayun Lea Kim, die warme Paula Meisinger und die Koloratur-Nicole-Kidman Emily Bradley. Dazu kommt noch die gefährliche Gouvernante Almerija Delic, und der Spaß eines exakt durchchoreografierten Treibens ist perfekt. Gesungen wird prächtig, die bei Gilbert & Sullivan meist exakt getrennten Chöre - Männer hier, Frauen da - sind umwerfend. Und sehr komisch. Wie die Musik und das Dirigat von Guido Johannes Rumstadt. Hier erfährt man, was man nun vermissen wird. Man lacht, und viele Menschen tun es auch.

© SZ vom 12.03.2020

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