Open-Air-Spektakel:Rheingold über der Donau

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Open-Air-Spektakel: Das Wasser wird zur Bühne: Auf der einen Seite sitzen die Zuschauer, auf der anderen ziehen die Götter, begleitet von prächtigem Feuerwerk, in Walhall ein.

Das Wasser wird zur Bühne: Auf der einen Seite sitzen die Zuschauer, auf der anderen ziehen die Götter, begleitet von prächtigem Feuerwerk, in Walhall ein.

(Foto: Jochen Quast)

Richard Wagners Oper als Freilicht-Aufführung im Hafen von Regensburg. Herrlich, auch wenn die Generalprobe wegen allerlei Unbill schier Nibelungenkräfte forderte.

Von Egbert Tholl, Regensburg

Eigentlich war es ein guter Plan. Da in Bayern gerade die Theater schier explodieren vor Schaffenskraft und jeder überall etwas aufführt - liegt ja genug auf Halde -, kann man sich auch mal eine Generalprobe anschauen, wenn es sich terminlich nicht anders ausgeht. Im Musiktheater ist dies im Ausnahmefall möglich, weil da eine Generalprobe einer normalen Aufführung entspricht. Und: Das Theater Regenburg hat für die Generalprobe von Wagners "Rheingold" im Hafen an der Donau ohnehin intern Karten ausgegeben, da sitzen dann zwar nicht die 1290 erlaubten Zuschauer, aber doch eine erkleckliche Schar. Diese Schar erlebt dann eine der ungewöhnlichsten Opernaufführungen der jüngeren Geschichte. Denn es kam Corona. Aber das ist nicht alles.

Corona ist ja schon länger da, aber nun wurde es ganz akut: Am Nachmittag des Generalprobentages wurde ein Mitglied des Orchesters positiv getestet. An dem Tag gibt es rund 600 Corona-Fälle in ganz Deutschland, aber ausgerechnet einen davon im Orchester. In der Folge schickte Intendant Jens Neundorff von Enzberg das Orchester nach Hause und bat Jooa Jang, Solorepetitorin am Haus, zum Klavierspielen. Im weißen Zelt am Rande des Hafenbeckens befinden sich nun also nur zwei Menschen, die unermüdlich Klavier spielende Frau Jang und Dirigent Tom Woods, der die Musik mit den Sängerinnen und Sängern koordiniert. Das ist dann noch ein bisschen abgespeckter als die reduzierte Orchesterfassung von Eberhard Kloke, die eigentlich gespielt worden wäre, hat aber den großen Vorteil, dass man jedes Wort versteht.

Rheintöchter rekeln sich auf einer Yacht

Den Westhafen Regensburgs entdeckte das Theater schon vor einigen Jahren als Spielort, zeigte dort den "Fliegenden Holländer" und eine "Tosca", stets überwältigend. Denn der Hafen ist eine Bühne. Ein langgezogenes Becken, auf der einen Seite sitzen die theoretisch möglichen 2400 Zuschauer, auf der anderen steht ein alter Speicher, eine Industriekathedrale, vor der die Singenden spielen - was ihnen in diesem Fall Regisseur Andreas Baesler auftrug - und auf deren Fassade man imposante Videos und Animationen (von Clemens Rudolph) projizieren kann. Am Kai der Kunst hat der Schubleichter Susi festgemacht, der jetzt Wotan heißt und ein hüpfburggroßes, rotes Sofa trägt, auf dem sich die Götter tummeln. Im Becken selbst fahren die Rheintöchter auf einer schicken Motoryacht heran, rekeln sich silbrig glitzernd auf dem Vordeck, bevor sie in den Clinch mit Alberich gehen, aus dem Oliver Weidinger in der Folge einen beeindruckenden Unterweltkönig macht. Klavier und Gesang werden über Boxen übertragen, alles klingt nah, präsent und gut, Anna Pisareva, Vera Semieniuk und Tamta Tarielashvili verführen kichernd um die Wette.

Tatsächlich gewöhnt man sich rasant schnell ans Klavier, Baesler erzählt die Geschichte kompakt und gut, Videos vergrößern die Darsteller überlebensgroß. Fafner (Selcuk Hakan Tıraşoğlu) und Fasolt (Seymur Karimov) haben ihren Auftritt mit zwei riesigen Kränen, die ohnehin im Hafen stehen, Fricka (Vera Egorova-Schönhöfer) schilt profund ihren Gatten; machen sich Wotan (Adam Krużel) und Loge (Brent L. Damkier) dann nach Nibelheim auf - hier evoziert durch die Animation einer riesigen Schmelzanlage -, wirken sie wie zwei herrliche Trottel, die einmal den ganz großen Deal durchziehen wollen.

Open-Air-Spektakel: Das Schubboot heißt Wotan und trägt ein hüpfburggroßes, rotes Sofa, auf dem sich die Götter tummeln.

Das Schubboot heißt Wotan und trägt ein hüpfburggroßes, rotes Sofa, auf dem sich die Götter tummeln.

(Foto: Jochen Quast)

Alles funktioniert, aber das wäre dann doch zu leicht. Um 23 Uhr muss die Aufführung zu Ende sein, dafür wurde das "Rheingold" gekürzt, etwa die beiden unnützen Götter Donner und Froh entfernt. Nun dauert es aber doch länger, was zur Folge hat, dass kurz vor 23 Uhr - Wotan hadert gerade damit, dass die Riesen auch noch den Ring haben wollen - die Aufführung ab- und ein prächtiges Feuerwerk losbricht. Das käme eigentlich zum Einzug der Götter nach Walhall, aber nach 23 Uhr darf kein Feuerwerk mehr sein und einmal muss man es halt ausprobieren. Danach geht die Aufführung weiter, allerdings beginnt nun ein sehr großer Bagger damit, die Container, die in so einem Hafen nun einmal herumstehen, neu zu ordnen. Währenddessen warnt Erda (Tamta Tarielashvili) Wotan vor dem Ring, doch der emsige Bagger heischt viel Aufmerksamkeit; man fragt sich ja, welche Waren da mitten in der Nacht verschoben werden.

Das Interessante an den ganzen Ungewöhnlichkeiten: Man passt ganz anders auf, denkt neu über diese Oper nach und hat dabei genug Stimmwohlklang für echt Wagnersche Erfahrungen. Bei der Premiere tags darauf war, so ist zu hören, dann alles wieder normal. Nach den positiven Schnelltests erwies sich der PCR-Test des Musikers als negativ, das Orchester durfte spielen. Doch das brüchig-aufregende Erlebnis blieb den Besuchern der Generalprobe vorbehalten.

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