Das Jazz Institut der Hochschule für Musik und Theater München hat prominente Verstärkung bekommen. Zum 1. Oktober trat Omer Klein seine Professur für Jazz-Klavier dort an. Er ist ein international beachteter Star.
Das Institut musste sich auch bisher nicht mit seinen Klavier-Professoren verstecken. Aber die herausragenden Qualitäten des vor ein paar Jahren emeritierten Leonid Chizhik oder der heimischen Klavier-Gurus Tizian Jost und Christian Elsässer sind eher in der Szene bekannt, weniger der breiten Öffentlichkeit. Omer Klein ist dagegen mit seinem Trio weltweit unterwegs. Seine Alben werden seit Jahren vom amerikanischen Major Label Warner verlegt. Er bringt großes internationales Renommee mit.
Wer also ist dieser Omer Klein? 1982 wurde er im israelischen Netanya als Sohn israelischstämmiger Eltern und Enkel von Einwanderern aus Tunesien, Libyen und Ungarn geboren. Der Hinweis auf die Vorfahren ist nicht grundlos: Klein sieht das als seine „Roots“, sie prägen seine „grenzenlose“ Musik. Ohne diese Traditionslinie hätte zum Beispiel sein vor fünf Jahren erschienenes Album „Radio Mediteran“ bestimmt anders ausgesehen. So verstand er diese Hommage an das Mittelmeer als Beschreibung einer Heimat, „die man sich als eigenen Kontinent vorstellen muss. Auch wenn das nicht so aussieht, weil es Wasser ist“.
Im Alter von fünf Jahren begann Klein mit dem Spielen von allerlei Tasteninstrumenten, mit dreizehn Jahren konzentrierte er sich ganz auf das Klavier und begann zu komponieren und improvisieren. Er ging an die Thelma Yellin High School of the Arts in Givatayim nahe Tel Aviv. Diese High School – keine Universität, wohlgemerkt – ist die eigentliche Kaderschmiede der seit gut 25 Jahren weit überproportional in der internationalen Szene vertretenen israelischen Jazzmusiker. Klein erinnert sich mit leuchtenden Augen an den weltoffenen kreativen Geist an dieser Schule, an die Ballung und rückhaltlose Förderung von Talenten. So wurde die Thelma Yellin High School zum Ausgangspunkt des weltweiten Aufstiegs des israelischen Jazz.
Zur zweiten Station wurde Brooklyn, wo sich seitdem die besten in Israel ausgebildeten Jazzer sammeln und inzwischen nicht mehr aus der New Yorker Szene wegzudenken sind. Viele schwärmen von dort in alle Welt aus. Der Bassist Avishai Cohen war das role model für dieses System, der erste einer Generation, aus der Asse wie Anat Fort und Gilad Hekselman folgten. Und eben auch Omer Klein.
2005 kam er als Stipendiat ans New England Conservatory in Boston. Noch im selben Jahr zog er nach New York, um zusätzlich Privatstunden beim legendären Fred Hersch – unter anderem der Lehrer von Brad Mehldau – zu nehmen. Er etablierte sich rasch in der am härtesten umkämpften Jazzszene der Welt. Vier Alben entstanden in seiner New Yorker Zeit, das letzte „Rockets On The Balcony“ erschien 2010 bei John Zorns Tzadik-Label.

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Ein Jahr zuvor war der bereits viel tourende Klein aber schon in Deutschland hängen geblieben, der Liebe wegen. Düsseldorf war seine erste Station hierzulande, wo er unter anderem Theatermusik fürs Schauspielhaus schrieb, Förderpreise gewann und 2013 sein Trio mit dem Schlagzeuger Ziv Ravitz und dem Bassisten Haggai Cohen-Milo gründete, seinem engsten Weggefährten, mit dem er schon studiert und 2006 sein erstes Album „Duet“ eingespielt hat. Dieses – bald mit Amir Bressler für den vielbeschäftigten Ziv Ravitz am Schlagzeug umbesetzte – Trio sorgte für Furore und ist bis heute die Grundlage von Kleins Erfolg.
Sein Lebensmittelpunkt hat sich inzwischen nach Frankfurt verlagert, wo er mit seiner Freundin, der Schauspielerin Viola Pobitschka, und ihren drei Kindern wohnt. Von dort aus wird er nun also regelmäßig für zwei Tage die Woche nach München kommen. Warum er die Professur hier bekam? „Ich glaube, sie suchten nach neuen Möglichkeiten. Nach jemandem mit einem Stil, der hier noch nicht vertreten ist. Jemand, der ein bisschen bekannter ist, den viele potenzielle Studenten kennen und auf Spotify anhören. Jemand, der Tournee-Erfahrung mitbringt“, vermutet Klein.
Auch für ihn ist es ein Aufbruch ins Neue, außer Privatunterricht und ein paar Meisterkursen hat er bislang keine Erfahrung als Dozent. „Aber ich habe dieses Unterrichten immer geliebt und mir gedacht, dass ich Schülern eine Menge mitgeben kann.“ Vor vielen Jahren hatte er sich einmal in Köln um eine Professur beworben. Vergeblich, „was aber gut war“, wie er sagt. „Weil das damals noch nicht die richtige Zeit dafür war. Jetzt bin ich 43 und habe die nötigen Erfahrungen gemacht. Jetzt ist es soweit, dass ich etwas zurückgeben kann.“
„München klang auch gleich gut für mich.“
Er ist äußerst gut im Geschäft. Er hat mehrere Nominierungen für den Deutschen Jazzpreis erhalten. Er steht mit seinem ersten Solo-Album („Season Bright“) und seinem ersten symphonischen Projekt, mit gefeierten Kompositionen fürs Schauspiel Frankfurt und als Artist in Residence der abgelaufenen Saison an der Alten Oper (in der Nachfolge eines Michael Wollny) samt seinem neuen Sextett Omer Klein & The Poetics wohl gerade auf dem Gipfel seiner Karriere.
Es war also keine leichte Entscheidung für ihn, in Zukunft einiges zugunsten des Lehramts aufzugeben. „Ich habe mir dann mal meine Vorbilder und Favoriten angeschaut und nicht einen unter ihnen gefunden, der nicht lehrt, ob nun in Berkeley, in New York oder in Brasilien. Da war für mich klar, dass ich es machen muss.“ Kam noch die Stadt dazu. „München klang auch gleich gut für mich. Ich liebe die Stadt und habe so viele Freunde hier. Außerdem arbeiten die Hochschule und das Jazz Institut auf einem extrem hohen Niveau, und die Atmosphäre zwischen den Professoren, Dozenten und Studenten ist ausgesprochen gut, was mir sehr wichtig ist.“
Omer Klein gibt nun gewissermaßen einen Einstand. Am 14. November wird er mit seinem Trio im Elektra Tonquartier des Bergson Kunstkraftwerks spielen. An diesem akustisch spektakulären Ort kann man sehen, welch außergewöhnlichen Pianisten man da nun in der Stadt hat. Einen mit unverwechselbarem Stil, dank seines charakteristisch zwischen legato und stakkato changierenden Anschlags, vor allem aber dank seines melodramatisch-romantischen, mal schwer groovenden, mal mediterran leichten Jazz’, der Kleins Herkunft und seine Einflüsse verrät.
Dieses Konzert sollte nicht nur für zukünftige Studenten ein Pflichttermin sein. Es richtet sich an alle, die die Sogwirkung einer Musik erleben wollen, die „dem näherzukommen versucht, was hinter der Welt verborgen liegt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen“. So schön formuliert es Omer Klein.

