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Olympische Spiele:Von München nach Rio: Ja, mir san mit'm Radl da

24 Länder bereiste das Trio für Rio in 465 Tagen: Sandro Reiter, Julian Schmieder und Nico Schmieder (von links).

(Foto: privat)

Mehr als 28 000 Kilometer im Sattel: Drei Münchner machen sich auf den Weg zu Olympia - mit dem Fahrrad.

Eine Tankstelle mitten im Dschungel liegt zwischen drei Münchnern und Rio de Janeiro. Es ist Mittwoch, noch zwei Tage bis Olympia-Beginn, noch 122 Kilometer. Julian Schmieder, 33, Bruder Nico Schmieder, 27, und Sandro Reiter, 33, sitzen auf Plastikstühlen vor einem kleinen Bistro der Tankstelle, Sonnenbrille in den Haaren.

Die Laptop-Kamera für das Videogespräch fängt die Schweißperlen in den Gesichtern ein. Kurz zuvor waren sie noch mit dem Fahrrad im Dschungel, jetzt eine kurze Pause. "Wir haben hier gerade Eier-Brote gegessen", sagt Julian Schmieder, Fahrrad-Trikot mit bayerischer Brauerei auf der Brust. Zwei von den Oberteilen hat jeder gesponsert bekommen, vergangenes Jahr, als, wie Schmieder sagt, "die Reise unseres Lebens begann". Mit dem Fahrrad nach Brasilien.

Das "Trio for Rio" startete am 27. April 2015 in der Münchner Preysingstraße mit dem Fahrrad - und einem ganz anderen Ziel. Sie wollten die Panamericana von Alaska bis Feuerland fahren. Auf dem Weg überlegten sie sich, dass es doch eine gute Sache wäre, zu den Olympischen Spielen nach Rio zu fahren.

Der Tacho zeigt die zurückgelegte Strecke an: 28 272 Kilometer, im Schnitt täglich 60 Kilometer, Ruhetage eingerechnet. Sie fuhren durch 24 Länder und verbrachten 465 Tage fast täglich von 8 bis 16 Uhr auf dem Fahrrad. Sie übernachteten meist in Zelten am Wegesrand oder im Dschungel. Was sind das für Typen, die sich mehr als 1500 Stunden auf ein Fahrrad setzen, sich von Bären jagen lassen oder in Peru Drogenbaronen begegnen? Draufgänger? "Wir wollen die Welt erkunden und über den Tellerrand schauen", sagt Schmieder.

"Wir sind Geschichten-Sammler und wollen am Ende was erzählen." Julian Schmieder berichtet von einem Erdbeben in Ecuador, dem Hurrikane Patricia in Mexico und der ein oder anderen Begegnung mit Bären in Kanada. Aber nicht nur die Natur, sondern auch der Kontakt mit Menschen war nicht immer einfach. "Die beklopptesten Autofahrer gibt es in Peru", sagt Schmieder. Dort wurde das Trio auch von mehreren schwer bewaffneten Soldaten gestoppt.

Übernachtung in der Leichenhalle

Schmieder erzählt diese Geschichten und lacht viel dabei. Aber nicht nur das Lachen, sondern auch eine Flapsigkeit in den Formulierungen fällt auf. Vor allem bei der Lieblingsgeschichte. Die drei Männer wollten in einer Kirche übernachten, der Pfarrer vor Ort bot ihnen die Leichenhalle an. Sie stimmten zu. Der Pfarrer habe ihnen dann gesagt: "Wenn heute noch einer kommt, müsst ihr teilen", sagt Schmieder und ergänzt: "Die ganze Nacht war totenstill." Sprüche und Wort-Witze wie diese bringt Schmieder häufiger.

Zurück zum Start der Reise: Sie wussten grob die Strecke, haben Visa beantragt, sich um eine Krankenversicherung gekümmert - und haben alles gekündigt. Julian Schmieder und Sandro Reiter kündigten ihre Jobs als Sozialpädagoge und Solartechniker, Nico Schmieder machte seinen Uni-Abschluss.

Zu dieser Mischung aus festem Plan und der lockeren Idee, einfach in die Tage zu leben, kommt noch eine Portion Entspanntheit. Er und die beiden anderen seien keine Karriere-Menschen. Zur ihrer Einstellung sagt Schmieder: "Lass die Lücke Lücke und das Rentenloch Rentenloch sein." Die Reise sei "das schönste Loch in unserem Lebenslauf".

Dieses Loch sei mit vielen Begegnungen mit gastfreundlichen Menschen gefüllt worden - und mit vielen Geschichten, die sie auf ihrem Blog erzählen und mit der Kamera gefilmt haben. Es gibt konkrete Anfragen, ob die drei einen Film machen möchten. Neben dem Wunsch der Filmproduzenten haben auch die drei einen Wunsch. Nichts Pathetisches: "Wir wollen Schweinshaxen und Maultaschen", sagt Schmieder, "die gibt es hier nicht." Zuerst aber müssen sie noch einmal auf den Sattel, die letzten 122 Kilometer stehen an.

© SZ vom 06.08.2016/jey

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