Olympiaturm Dieser Mann fährt täglich 60 Höhenkilometer

Helge Japha arbeitet als Aufzugführer im Olympiaturm.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Helge Japha bringt im Olympiaturm Besucher mit dem Aufzug nach oben und wieder runter. Was er erlebt? Ängste, Vorfreude, Steckenbleiben, Hochzeiten und Silvesterwahnsinn.

Von Philipp Crone

Es kann eigentlich nichts passieren, sagt Helge Japha und schaut rüber zum Aufzug. Dessen Edelstahltüren sind geschlossen am Freitagvormittag um kurz nach elf Uhr, es gibt gerade keine Besucher, die auf den Olympiaturm wollen. Also sitzt Japha, der durch seine Brille immer mit so einem leichten Grund-Amüsement blickt, dass der ergraute Bart sich zu einem Schmunzeln biegt, hinter seinem Arbeitsplatz und wartet. Die Aufgabe ist einfach: Tickets kontrollieren, Gäste in einen der beiden Aufzüge bitten, Knopf drücken, hochfahren. Eigentlich kann da eben nichts passieren. Tut es aber doch. Dauernd.

Der Besuch bei den sogenannten Turmfahrern des Olympiaturms ist der Besuch in einem Mini-Biotop aus Edelstahl, etwa sechs Quadratmeter, Platz für theoretisch 30 Leute und viele kleine Momente und Geschichten rund um Höhe, Kultur, Platzangst und die Frage, wie man damit lebt, im Minutentakt mit unterschiedlichsten Menschen auf engstem Raum hoch und runter zu rasen.

Japha schaut auf den Gang unten am Olympiaturm, fünf Besucher nähern sich, sie sprechen unter sich. "Hola!", sagt Japha und erntet überraschte Blicke. Ein kurzer Plausch auf Spanisch, die Gruppe kommt aus Kolumbien, Japha summt ein Lied, zwei Frauen summen mit, fünf gelbe Tickets einmal vorzeigen, und auf Spanisch: "Bitte warten Sie vorne, ich komme gleich."

Auf welche Höhe soll's denn gehen? Betätigen darf die Tasten nur der Aufzugführer.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Japha ist 68, Musiklehrer, Taucher, Gitarrist, Vater zweier erwachsener Kinder, Rentner, Aufzug-Allwissender und Kontrabassist in einem. Aufgewachsen in Uruguay, wohin seine Familie auswanderte, als er vier Jahre alt war, mit zwölf kam er zurück, war bis zur Rente 40 Jahre Musiklehrer in Fürstenfeldbruck und muss deshalb damit leben, dass ihn manchmal Gäste anstarren, ein paar Sekunden, wenn er im Aufzug neben dem Bedienfeld mit den Metall-Tasten steht, bis sie sagen: "Herr Japha!" Dann biegt sich dessen Bart zu einem richtigen Lächeln - ein ehemaliger Schüler. Dann ratscht man, was Japha grundsätzlich bei jedem Gast macht.

Oder er singt. "Es war mal eine Gruppe Mexikaner da, als wir oben waren, haben alle gesungen." Als eine Gruppe aus Andalusien hochwollte, summte Japha eine Sevillana, alle machten mit. "Grundsätzlich sind ja alle gut gelaunt, freuen sich auf die Aussicht oder das Essen im Restaurant, und wenn wie wieder runterkommen, haben sie gut gegessen und den Ausblick genossen." Selten komme es mal vor, dass er arrogant von oben herab behandelt wird. Als niederklassiger Liftboy. "Aber ganz selten." Bevor Japha die Gruppe aus Kolumbien hochfährt, steigen unten ein Dutzend Gäste aus. Leute mit Rucksäcken voller Foto-Utensilien, Familien. "Die Turmbesucher sind ein totaler Querschnitt, jung, alt, Münchner, Touristen, alles."

Der Aufzug geht auf, eine leere Edelstahlkabine ist zu sehen, die an acht Stahlseilen aufgehängt ist. "Jedes Seil kann die Kabine alleine halten", sagt der Turmfahrer. Passiert ist noch nie etwas. "Allerdings bleibt der Aufzug schon mal stecken. Dann telefoniere ich mit dem Betriebsleiter." Da es im Aufzug kein Handy-Netz gibt, hat Japha dort ein Festnetztelefon. "Der Betriebsleiter kommt dann und schaut sich im Keller die Elektronik an." Meistens gehe es wieder, so eine Panne dauere um die zehn Minuten und da es eine Lüftung und einen Turmfahrer gibt, geht weder die Luft aus noch die gute Laune flöten. "Dann erzähle ich auch mal einen Witz."

Wenn der Betriebsleiter das Problem nicht in den Griff bekommt, fährt er mit dem zweiten Aufzug auf die gleiche Höhe des steckengebliebenen ersten und öffnet die Verbindungstür. Die Besucher wechseln den Aufzug und fahren ins Erdgeschoss. "Einmal ist das passiert, als ich mit einer Gruppe aus Sachsen unterwegs war. Da meinte einer nur: Doll, dass das im Westen och passiert." Für alle Fälle gibt es auch noch ein Treppenhaus. Aber wer will schon 185 Meter, so hoch liegt die Aussichtsplattform, zu Fuß gehen.