Süddeutsche Zeitung

Olympiastadion und Allianz-Arena:Es lebe der kleine Unterschied

Tag des Anpfiffs: Das Olympiastadion und die Allianz-Arena - was die beiden außergewöhnlichen Sportstätten für München bedeuten. Von Gottfried Knapp

Auf unserem Spaziergang zu den beiden Münchner Sportarenen wollen wir zunächst ein kleines Denkmal errichten: ein Denkmal für die Retter des Olympiastadions, ohne deren hartnäckigen Protest die Allianz-Arena nie gebaut worden wäre, ohne deren leidenschaftliche Unterschriften-Sammelaktion die Kultur- und Sportstadt München ihr bedeutendstes Monument der Moderne architektonisch grotesk verunstaltet und in einen Stadionkrüppel umoperiert hätte, der weder für den Fußball noch für die Leichtathletik getaugt hätte.

Es ist gespenstisch, wie schnell die Öffentlichkeit verdrängt, dass sie jahrelang auf einer vermeintlich fußballgerechten Absenkung des Olympiastadions in den Grundwassersee bestanden und alle Alternativgedanken wütend unterdrückt hat. Wenn es nach dem Willen der Politiker, der Sportfunktionäre, der Münchner Fußballgemeinde, der Presse und sogar der Olympia-Architekten gegangen wäre, dann müssten wir in diesen Tagen die Ude-Stoiber-Version des Olympiastadions, die Bodenmuschel mit dem übergestreiften Präservativ einweihen, einen Architektur-Wolpertinger, mit dem sich München unsterblich blamiert hätte.

Wie Geschichtsklitterung in flagranti passiert, das lässt sich derzeit in München studieren. Seit die Allianz-Arena im Wachsen ist, wird behauptet, Olympia-Architekt Günter Behnisch habe durch die plötzliche Einsicht, dass sein Stadion nicht umgebaut werden könne, die Stadt zum Umdenken gezwungen. Historische Wahrheit ist, dass Behnisch jahrelang darauf bestanden hat, die Verunstaltung seines Hauptwerks selber zu dirigieren. Hätte die kleine Gruppe der Gegner das beschlossene Projekt nicht über Jahre hinweg aufgehalten, wäre Behnischs Frankenstein-Version des Stadions längst traurige Tatsache gewesen, als der Meister endlich zu denken anfing.

Das große Vorbild

Aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen ist auch die Tatsache, dass die Münchner Bauverwaltung über Monate hinweg wütend behauptet hat, es gebe keinen Alternativstandort für ein Fußballstadion in der Stadt. Als dann das Olympia-Phantom unter den abstrusen Ideen der Planer endgültig kollabierte und die Fußball-WM in unerreichbare Ferne zu entschwinden drohte, war der Bauplatz über Nacht plötzlich gefunden.

Seither glauben selbst die aggressivsten Umbau-Befürworter, dass sie immer schon leidenschaftlich für eine neue Arena gekämpft haben. Darum sei an dieser Stelle das Denkmal für den unbekannten Olympia-Freund eingeweiht, der zu Zeiten des Protests als Volksfeind beschimpft worden ist, aber allein durch seinen Widerstand bewirkt hat, dass München ein Jahr vor der Fußballweltmeisterschaft als Sportstadt wieder zur Spitze aufschließen kann.

Es lebe der kleine Unterschied

Münchner Spitzen: Die Stadt hat 1972 anlässlich der Olympischen Spiele das schönste Leichtathletikstadion der Welt geschenkt bekommen; und nun darf sie, nach einer höchst professionell bewältigten planerischen und organisatorischen Gewaltaktion, die architektonisch überzeugendste Arena der Fußballwelt in Besitz nehmen.

Zwei Bauten der Superlative also - und nun, wo sie beide ihre stadtbildverändernde Kraft beweisen können, sieht man plötzlich, dass sie bei aller physischen Unterschiedlichkeit verblüffend ähnlich gedacht sind, ja dass der baukünstlerische Anspruch, den das erste Stadion erhoben hat, dem anderen zu seiner inspirierten Gestalt verholfen hat.

Alle Sportstätten von einer gewissen Größe sitzen auf dem flachen Boden auf, weil eine Absenkung der großen Spielfläche in den Untergrund unberechenbare Probleme mit dem Grundwasser aufwerfen würde. Da die Besucher die Arenen von den Parkplätzen und den öffentlichen Verkehrsmitteln aus in der Regel ebenerdig erreichen, haben sie innerhalb des Bauwerks beträchtliche Höhen zu überwinden. In den beiden Münchner Stadien ist das grundsätzlich anders. Die Besucher des Olympiastadions betreten das Oval ihrer Wünsche von oben her.

Günter Behnisch hat die gewaltigen Schutt- und Erdmassen, die nach dem Krieg auf dem Oberwiesenfeld herumlagen und beim Aushub des Olympiasees anfielen, so aufschichten lassen, dass sich zwischen den drei zentralen Sportstätten ein Plateau bildete, vom dem aus die Wettkampfplätze zugänglich waren. Alle drei Orte sind also in einen künstlichen Hügel hineingeschmiegt und artikulieren sich auf der gegenüberliegenden Seite mit architektonischer Individualität in die Landschaft hinaus. Beim Stadion erhebt sich auf der freien Westseite unter dem Zeltdach die nackte Betonschüssel des Zuschauerrunds wie eine riesige Ohrmuschel; sie übersteigt die beiden verglasten Stockwerke zu ebener Erde, von denen aus das Stadion personell beschickt und verwaltet wird.

Die fällige Trennung zwischen den zähen Zuschauerströmen und dem Veranstalterbereich, der jederzeit anfahrbar sein muss für Sport, Presse, Catering, Logenbesitzer und Rettungsfahrzeuge, besorgen hier also die Himmelsrichtungen: Von Osten und von der Höhe aus ist das Stadion für das Publikum breit zugänglich; die VIP-Räume auf der Westseite aber sind nur auf Straßenniveau und durch eine bewachte Schleuse zu erreichen.

Bei der Allianz-Arena haben Herzog & de Meuron die Trennung der unterschiedlichen Verkehrsströme in der Vertikale bewältigt. Ihr Stadion erhebt sich zwar als Ganzes frei in die Luft, doch der ¸¸Schwimmring", den die Besucher nach allmählichem Anstieg ansteuern und über eine Brücke erreichen, gibt nicht die wahre Höhe wieder, er umhüllt nur die beiden oberen Ränge des Stadions; der Sockel darunter, die Geschosse, die den ersten Rang umgeben, sind aus dem Gesichtsfeld weggeblendet.

Unten, auf dem Niveau der Münchner Schotterebene, ist das gesamte Stadionrund vierspurig umfahrbar. Ganze Kohorten von Polizisten, Feuerwehrleuten und Sanitätern können sich hier gleichzeitig tummeln. Von dieser Ebene aus sind die stadioninternen VIP-Garagen, die Mannschaftsräume, das Pressezentrum, die Restaurants und die Logen direkt zugänglich.

Die zahlenden Besucher werden zwei Stockwerke höher eingeschleust und auf einer breiten Esplanade um das Stadion herum zu ihren Plätzen geführt. Schon im Olympiastadion gab es - unter der steilen Westschräge - einen solchen breiten Umgang mit Kiosken. Vor allem aber gab es dort den allmählichen Anstieg der Zubringerwege von der U-Bahn durch eine Grünanlage bis auf die Höhe der oberen Stadionränge, den Herzog & de Meuron in den beengten Verhältnissen von Fröttmaning geschickt paraphrasiert haben.

Sie nutzten den schmalen, aber langen Geländestreifen zwischen U-Bahnstation, Autobahn und Arena, den die Konkurrenz beim Wettbewerb als Parkfläche verschleudert hat, um eine allmählich ansteigende, begrünte Rampe zu schaffen, unter der ein bis zu vier Stockwerken ansteigendes Parkdeck verborgen ist. Sind die Pionierpflanzen auf der schiefen Ebene erst einmal richtig angewachsen, werden die Fußgänger vom motorisierten Geschiebe im Untergrund nichts mehr spüren.

Es lebe der kleine Unterschied

Doch bedeutender sind die historischen und die städtebaulichen Parallelen, die sich zwischen den beiden Münchner Stadionbauten abzeichnen. Das Olympia-Unternehmen hat den gesamten Münchener Norden verändert, hat das schäbig vernachlässigte Schuttplatzgelände zwischen Autobahnkreuz, Gaswerk, Kaserne und Autofabrik schlagartig aufgewertet, ja zu einer der wichtigsten Touristen-Attraktionen der Stadt verklärt.

Dass BMW heute seine ambitionierte ¸¸Erlebniswelt" mit dem Olympiapark verschränken will, zeigt, wie weit sich das Quartier von seiner Arbeitervergangenheit entfernt hat. In Fröttmaning, wo noch extremere ästhetische Hindernisse querstehen, hat ein vergleichbarer Aufwertungsprozess schon während der Bauzeit begonnen. Die neue Brücke, die vom Stadion über die Autobahn hinüberführt zum üppig begrünten großen Schuttberg und zur vielleicht ältesten Kirche der Region, der Heilig-Kreuz-Kapelle, erschließt ein ergiebiges Erholungsgebiet, das weiterführt in die Isarauen, von den Münchnern aber bislang kaum wahrgenommen wurde.

Die nahe Zukunft

Wir danken also den Rettern des Olympiastadions und genießen die Unterschiede der beiden Stadiontypen, denen es erspart geblieben ist, ineinandergequält zu werden. Das Olympiastadion - ein Stück gestalteter Landschaft, Teil einer Großkomposition aus Mulden und Hügeln, ist naturhaft grün ausgekleidet und zur Hälfte eingeschmiegt in die Erde.

Die andere Hälfte holt mächtig aus, erhebt sich in kühnem Schwung hinauf in die Regionen des gleißenden Himmelszelts, das von Titanenhand über die Landschaft gespannt zu sein scheint. Von fast allen Plätzen sieht man hinaus ins Grüne, hinüber auf den Hügel im Süden, der wie ein Versprechen der Berge dasteht . . . Übrigens: die riesige Filmleinwand, die derzeit auf dem Rasen vor der überdachten Hälfte steht - sie deutet an, wo die Zukunft der Anlage liegt.

Die Allianz-Arena hebt sich in beeindruckender Fremdartigkeit aus der heterogenen Umgebung heraus. Ihre prall geschnürte, und doch luftig leicht wirkende Außenhaut kommuniziert nicht, zieht aber magisch an, zieht die Menschen hinein unter ihre Rundungen, saugt sie ins Innere, wo es nur noch eine Blickrichtung gibt: hinunter aufs Spielfeld. Was für ein Kultraum!

Drei übereinander gehängte, steiler werdende Ränge verneigen sich in gemeinsamer Geste vor dem Geschehen auf dem Rasen, schließen sich mit dem eleganten Dach zu einer gigantischen Hörmuschel zusammen, einem Rundumschalltrichter, in dem jeder der 66 000 Besucher exakt im Fokus zu sitzen glaubt. Aus diesem Klangkörper gibt es kein Entrinnen. Wer Platz genommen hat wird Teil eines Rituals.

Hier also der Ort für den Rausch, für das kompakte Gemeinschaftserlebnis; dort unter dem Olympiazelt ein Ort der Freiheit, der schwebenden Gefühle, der verlockenden Ausblicke. Es lebe der kleine Unterschied!

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Quelle:
Süddeutsche Zeitung vom 30. Mai 2005
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