Olympiastadion Rihanna gibt sich zugeknöpft wie ein OP-Hemd

Vor dem Konzert müssen 41500 Fans durch strenge Sicherheitskontrollen. Die Bühnenshow hat dann viel weniger von dem offensiven Sex zu bieten, den man von früheren München-Auftritten kennt.

Von Susanne Hermanski

Zur Sicherheit: Rihanna! Schon vor dem Konzert im Olympiastadion war es die alles bestimmende Frage, wie man in München derzeit eine solche Großveranstaltung mit mehreren 10000 Menschen regelt und dabei ein möglichst geringes Risiko eingeht. Schließlich hatte der Star selbst - nach Amoklauf und islamistischen Anschlägen in Bayern - seine Übernachtungspläne in München gestrichen. Die Polizei verbat also das Mitbringen von großen Taschen, Rucksäcken und Motorradhelmen. Die meisten Fans hielten sich daran. Nur wenige debattierten an der Kontrolle, ob ihre Tasche denn noch "klein" oder doch schon zu groß sei, und gab den Zankapfel schließlich doch in einem der improvisierten Garderoben-Zeltchen ab.

Dass sich vor den Personenkontrollen trotzdem zeitweise Schlangen bildeten, soweit das Auge in der Hügellandschaft des Olympiaparks reichte, war kein Wunder. Bei dem herrlichen Wetter aber auch kein Problem. Und angesichts des exorbitant ausführlichen, dreistündigen Vorprogramms, das sich Rihanna leistete, umso weniger. Den Auftakt dazu machte die 22-jährige Berlinerin Bibi Bourelly, die den Song "Bitch Better Have My Money" für Rihanna geschrieben hat. Ihr folgten der erst 18-jährige DJ- und Musikproduzent Alan Walker ("Fade") und der Rapper Big Sean. Gäste, die rund um den VIP-Block saßen, fanden zudem nebenher einen Zeitvertreib, als dort eine ganze Schar von FC-Bayern-Spielern einlief: Handy-Fotos von Mats Hummels, David Alaba und Robert Lewandowski schießen.

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Manchester

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Sie hatten keinen "Umbrella", bekamen dafür aber etwas zu essen und Handtücher: Die Pop-Sängerin macht sich bei ihren Fans in Manchester beliebt.

Es hat also auch noch der letzte Konzertbesucher der 41 500 durch die Leibesvisitation geschafft, als gegen 21.30 Uhr langsam ein halbes Dutzend schwarzer Limousinen in die Arena rollt. Neben der Bühne entsteigen ihnen Band und Star. Rihanna schreitet durch den Graben zwischen Bühnenaufbau und Publikum, ganz dicht vorbei an der jubelnden Masse. Sie trägt einen weißen Kapuzenmantel, der nur auf den ersten Blick wie der Bademantel eines Boxers auf dem Weg zum Ring aussieht. Auf der Großleinwand lässt sich genaueres erkennen: Im Rücken endet dieses Kleidungsstück überm Po, ist dort mit Bändchen zugeknüpft wie ein Op-Hemd und hat die zweideutige Anmutung einer Zwangsjacke.

Rihanna steigt in eine Art gläserne Gondel, räkelt sich darin zu "Stay", bis sie auf der Bühne abgesetzt wird, und zieht sich langsam, ganz langsam die Kapuze vom Kopf. Darunter offenbart sich - die älteren Leser mögen den Vergleich noch verstehen - eine Art Katja-Ebstein-Perrücke mit akkurat geschnittenem, fuchsroten Pony. Schon wieder eine neue Frisur! Das Stadion tobt. Fortan geht Rihanna aber kaum noch ein Risiko ein. Sie geht auf Nummer Sicherheit und spult ihre Set-List so ab, wie man sie von der Anti-Tour mit ihren bisherigen Stationen schon kennt.

Sogar die Frequenz, in der sie sich in den Schritt fasst, scheint reduziert

Manche Songs singt sie nur kurz an. Sie zitiert sich selbst. Aber eine Zeile genügt schließlich auch, die begeisterte Menge, weiß, was sie sagen will. Wahrscheinlich selbst dann, wenn sie mit beiden Händen eine Art Dreieck formt, das ein Zeichen des Geheimbundes der Illuminaten sein soll. Und düstere Mirakel sind es auch, die den gesamten Anti-Look durchziehen: Die Bühnenshow hat viel weniger von dem offensiven Sex zu bieten, den man auch von früheren München-Auftritten von Rihanna kennt. Ihre Haut lässt sie nur noch aufblitzen über gewaltigen hochgetrapsten Stiefeln oder unter einem schwarzem Perlenschnüren-Tüll-Overall. Sogar die Frequenz, in der sie sich in den Schritt fasst, scheint ein wenig reduziert.

Dafür bleibt später ein wenig Zeit, um speziell auf ihre Fans in München einzugehen: "Warum muss eine so schöne Stadt, solche eine Tragödie erfahren?" ruft sie in Publikum, da sind zwei Drittel der Show schon durch. "Macht Eure Lichter an!" sagt Rihanna, um jenen Song anzustimmen, den sie auf ihrer Anti-Tour zur Hymne des Hoffnungsschimmers erkoren hat: "Shine Bright Like A Diamond". Auf den Großleinwänden rechts und links der Bühne erscheint dazu die Deutschlandflagge.

Bald beginnen, gewaltige Schaumflocken die hintere Bühnenwand hinunterzulaufen, als quöllen sie unaufhaltbar aus einer überbordenden Badewanne. Davor singt Rihanna - allein, ganz ohne Herrenbegleitung - "Four Five Seconds". Und als musikalische Klimax dieser Nacht, so soulig, rau und verrucht wie keinen anderen Song den Schmachtfetzen "Love On The Brain". Ihr Münchner Publikum liebt sie so oder so, egal, welches Körperteil Rihanna gerade mal mehr anspricht. Es jubelt und geht zum Abspann, der in der Bühnenmitte nach "Kiss It Better" wie am Ende eines Kinofilms abläuft, ruhig gestimmt nach Hause. Keiner ist unliebsam überrascht, alle sind in Sicherheit. Und in der Gewissheit: Nach dem Rihanna-Konzert ist vor der Wiesn.

Vor den Personenkontrollen bildeten sich zeitweise Schlangen, soweit das Auge in der Hügellandschaft des Olympiaparks reichte.

(Foto: Alessandra Schellnegger)