Süddeutsche Zeitung

Olympiapark:Gemütliche Spazierfahrt

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Der Verleihstand für E-Mobile an der U-Bahn-Haltestelle Olympiazentrum ist ein Erfolg. Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, kommen nun leicht überallhin

Von Nico Kellner, Olympiapark

"Mobilität für alle", steht auf einem Plakat kurz nach dem U-Bahn-Aufgang der Haltestelle "Olympiazentrum" - direkt gegenüber der BMW-Welt. Bei der E-Mobil-Station laufen die Vorbereitungen für einen wichtigen Termin. Seit Anfang August kann man dort kostenlos kleine Elektro-Gefährte ausleihen, mit denen alle, die nicht so gut zu Fuß sind, den Olympiapark erkunden können. Nun ist die erste Testphase zu Ende, und es kann eine positive Bilanz gezogen werden. Dazu haben an diesem Tag Vertreter der Landeshauptstadt, die das Projekt unterstützt, ihren Besuch angekündigt.

"Die Abdeckungen müssen noch runter", sagt Stefanie Howell zu einem ihrer Mitarbeiter. Howell betreut den Verleihstand für "Anderwerk", das hier Kooperationspartner der Stadt ist. Auch Alfred Hofmeister schickt sich an, die Schutzplanen von den Wägelchen zu entfernen. Seit dem ersten Tag arbeite er schon hier. Eine Frau kommt an den parkenden Wagen vorbei und erkundigt sich, was das denn sei. "Das müssen Sie unbedingt mal ausprobieren", entgegnet Hofmeister. "Manche haben noch gewisse Hemmschwellen", berichtet er. Gerade ältere Menschen hätten Angst, nicht mit der Technik zurechtzukommen. Hofmeister versucht dann immer, sie doch zu einer Testfahrt zu bewegen - meistens mit Erfolg. Viele haben sich nach ihrem Ausflug auch schon für seine Hartnäckigkeit bedankt. Sie seien froh, dass er nicht lockergelassen habe. Durch die vielen positiven Rückmeldungen mache ihm sein neuer Beruf "einfach Spaß". Er habe "heute Geburtstag", sei aber trotzdem gerne gekommen, erzählt Hofmeister bescheiden.

Die Beschäftigten des neuen E-Mobil-Verleihs seien allesamt "ehemals langzeitarbeitslose Menschen", sagt Clemens Baumgärtner, Referent für Arbeit und Wirtschaft der Stadt München. Durch das Projekt könne man Arbeitslose, "die eigentlich arbeiten wollen" wieder in den Markt "integrieren" und zugleich "qualifizieren". Das Angebot, hier zu arbeiten sei "ein niederschwelliger Einstieg in den Beruf", der allen etwas bringe - den Langzeitarbeitslosen ebenso wie den Nutzern der E-Mobile.

Als zwei ältere Frauen zum Verleihstand kommen, begrüßt Alfred Hofmeister sie mit Namen. Das seien seine "Stammkunden", stellt er die beiden vor. "So kann man das sagen", bestätigt eine der beiden. Sie seien auf explizite Einladung Hofmeisters gekommen. Der sei manchmal auch im Tierpark Hellbrunn für "Anderwerk" im Einsatz. Dort habe er die beiden Damen erstmals gesehen und ihnen nahegelegt, auch den Standort am Olympiapark auszuprobieren.

Im Tierpark habe eigentlich alles begonnen, berichtet Georg Kronawitter. Er ist Mitglied im Behindertenbeirat der Landeshauptstadt und hat das Projekt lange begleitet. Bereits im Jahr 2015 habe man sich da von der schottischen Schwesterstadt Edinburgh inspirieren lassen, wo es solche Gefährte schon länger gebe. Ursprünglich habe man dann mit den E-Mobilen gleich in die Innenstadt gehen wollen, sie dann aber "erst einmal im Tierpark" mit einem Pilotprojekt getestet, erklärt Kronawitter. Jetzt, da die Resonanz so positiv sei, hoffe er, dass das Angebot "auch noch auf weitere Standorte ausgedehnt wird, um den vielen Personen mit Gehbehinderung mehr Teilhabe zu verschaffen". Zunächst wolle man Friedhöfe damit erschließen - in erster Linie der Waldfriedhof sei mit seiner Weitläufigkeit ein guter weiterer Standort. Auch im Nymphenburger Schlosspark kann Kronawitter sich ein solches Angebot vorstellen. Zunächst freue er sich aber "über die erfolgreiche Umsetzung bereits an zwei Standorten".

Einen Unterschied zwischen den beiden Verleihstationen stellt Alfred Hofmeister klar: "Im Tierpark kann man nur vier Stundenkilometer schnell fahren", hier im Olympiapark komme man hingegen auf bis zu sieben Stundenkilometer. Außerdem müsse man im Tierpark vorab telefonisch eines der E-Mobile bestellen, da diese dort sehr schnell vergriffen seien. Aber man könne auch im Olympiapark vorab anrufen. Hofmeister bringt das Wägelchen dann auch gerne bis zum Parkplatz. "Shuttle-Service" nennt er das.

Eine der beiden Frauen fragt ihn, ob sie dann auch ihren Rollator derweil bei ihm abgeben könne. "Ja", antwortet Hofmeister prompt. Da habe er sogar ein ausgeklügeltes System entwickelt: Immer wenn jemand einen Rollator abgebe, schreibe er sich auf, zu welchem E-Mobil er gehöre. Nicht, dass es da zu Verwechslungen komme, denn "blamieren mag man sich natürlich auch nicht".

Ausleihen kann man sich die E-Mobile gegen Pfandeinsatz an der U-Bahn-Haltestelle "Olympiazentrum" gegenüber der BMW-Welt. Ein Behindertennachweis ist dazu nicht erforderlich.

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Quelle:
SZ vom 01.10.2021
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