Olympiabewerbung von München:Gummibärchen und Kulis

Auf den letzten Metern wollen die Münchner Olympiabewerber in Durban noch mal rausholen, was geht. Das Lächeln von Ministerpräsident Horst Seehofer wirkte allerdings etwas müde: Flug, Geburtstag, Turbulenzen - alles anstrengend. Zeit für die Entscheidung, aber bitte die richtige!

Holger Gertz, Durban

Horst Seehofer sieht ein bisschen fertig aus am Tag vor der Entscheidung. Wie jedem langgewachsenen Menschen steckt ihm der Flug in den Knochen, "außerdem war es unruhig, weil im Gebiet um den Victoriasee offenbar Unwetter waren". Der Moderator der Pressekonferenz im Southern Sun Hotel von Durban kündigt ihn als "Birthday-Kid" an, der Ministerpräsident hatte am Montag Geburtstag, 62 ist er geworden, die Journalisten nehmen diese Information aber eher beiläufig zur Kenntnis. Er könne, sagt der Moderator, die Fragen auf Deutsch oder Englisch beantworten. "Kommt auf die Schwierigkeit der Fragen an", sagt Seehofer, die erste stellt der Moderator gleich selbst, sie ist nicht besonders schwierig: "Wie war die Party auf dem Flug?"

IOC Session Durban

Lange Flüge sind für große Jungs immer anstrengend, noch dazu wenn es Turbulenzen gibt. Darum war das Lächeln von Ministerpräsident Horst Seehofer (l.) in Durban etwas müde. Gekämpft wurde trotzdem: zusammen mit Bobfahrer Richard Adjej und Ski-Olympiasieger Markus Wasmeier rührte er nochmal die Werbetrommel für München.

(Foto: dpa)

Mit Seehofer im Flieger waren der Ski-Olympiasieger Markus Wasmeier und der Bobfahrer Richard Adjej, sie sitzen jetzt neben ihm auf dem Podium, beide in Lederhosen. Es ist die letzte Pressekonferenz der Münchner Bewerber, bevor das IOC darüber abstimmt, wer die Winterspiele 2018 ausrichten darf, und sie ist so, wie die meisten öffentlichen Präsentationen waren. Vergleichsweise locker, ziemlich bayerisch, die Stellwand im Hintergrund präsentiert die weißblaue Färbung des Himmels über München.

"Wir als Sportler möchten jetzt das Feuer schüren", sagt Wasmeier, Seehofer ruckelt in seinem Sessel herum, der nur unwesentlich mehr Platz bietet als der Sitz im Flieger. Der Moderator fragt schließlich: "Habt ihr schon schuhgeplattelt?" Kurz hängt die Frage im Raum, ob es nicht geschuhplattelt heißen müsste, aber Richard Adjej kommt aus Düsseldorf, der Schuhplattler ist ihm also fremd, und auch Seehofer hält sich in dieser Frage bedeckt.

Den Deutschen wird gern vorgehalten, sie wären steif und überkorrekt, wenn es um etwas Wichtiges geht. Es kann ein Vorurteil sein: Die Münchner haben es jedenfalls nicht bestätigt. Ihre Kampagne war sympathisch, freundlich, ein bisschen spießig vielleicht. Aber dann haben sie ja Katarina Witt dazugeholt, sie war am Tag zuvor auf dem Podium und hat, wie immer, einen guten Eindruck gemacht. Der Korrespondent der Rheinischen Post lobte ihre hochhackigen roten Schuhe, in der südafrikanischen Zeitung The Mercury stand ein großer Bericht. Die Münchner werden wohlwollend begrüßt, wo immer sie auftreten, allerdings wählen leider nicht Journalisten und Fans den Austragungsort.

Konkurrent Pyeongchang veranstaltet auch in Durban öffentliche Konferenzen, es gibt ein gewaltiges Buffet für die Journalisten, auf jedem Platz liegt dann ein Kugelschreiber bereit in einem hübschen Etui, und wer will, kann sich mit den ausliegenden Werbepins die Brust zupflastern wie ein alter Ostblock-General. Pyeongchang gibt sich großzügig. Und wenn schwierige Fragen gestellt werden, antworten die Südkoreaner gern auf koreanisch. Dass Franz Beckenbauer jetzt noch einschwebt, hat die Münchner sehr gefreut, die Koreaner aber offenbar nicht übermäßig verunsichert. Vielleicht, sagt einer ihrer Werbestrategen, sei das ja kontraproduktiv.

Der Wahlkampf ist vorbei, er war sehr anstrengend, für Horst Seehofer besonders. Der Flug. Der Geburtstag. Die Turbulenzen. Wenn es nicht reicht, ist es immer eher unangenehm für einen Politiker. Wenn es nicht reicht, hat er irgendwie auch mitverloren. Noch einen Geburtstagswunsch?, fragt der Moderator. Das Birthday-Kid schaut ihn etwas müde an und sagt dann, dass es nicht schlecht wäre, "die Entscheider zu überzeugen". Sie sind bescheiden, die Münchner, da sind sie konsequent. Es gibt Kaffee, und eine Kleinigkeit zu essen. Immerhin, Gummibärchen liegen bereit.

© SZ vom 06.07.2011/infu
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