Süddeutsche Zeitung

Olympia: Vergabepraxis:Die verkauften Spiele

Bei der Vergabe Olympischer Spiele kommt es nicht nur auf die Eignung der Kandidatenstadt an. Was zählt sind Sportpolitik und ökonomische Argumente. Zwei Gesetze gelten. Erstens: Der Favorit gewinnt fast nie. Zweitens: Der Ehrliche ist der Dumme.

Mit praller Zuversicht war Salzburgs Bürgermeister nach Guatemala gereist, als das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Winterspiele-Ort von 2014 kürte. Der österreichische Kandidat bot Tradition und erstklassiges Know-how, die Rivalen hatten nur virtuelle Skistationen irgendwo in Südkorea oder an der Schwarzmeerküste vorzuweisen. Authentizität gegen Reißbrettspiele - was sollte da schiefgehen? Als Heinz Schaden dämmerte, wie das Spiel um die Spiele wirklich abläuft, war es zu spät.

Zwei Tage vor der Wahl trat er im Fitnessraum seines Hotels in die Pedale, schaute CNN und wurde nur in dieser Trainingsphase mit vier, fünf Werbespots der Konkurrenzstädte Sotschi und Pyeongchang konfrontiert. Dabei war Reklame so kurz vor der Kür verboten vom IOC. Nur die Salzburger hielten sich daran, an diese und andere Vorgaben, am Ende waren sie die Dummen.

Im Juli 2007 siegte in Guatemala die olympische Wirklichkeit. Drei Viertel der IOC-Mitglieder pfiffen auf Salzburg und genossen lieber die Marktschlacht zwischen Gazprom und Samsung: Hier die Oligarchen um Wladimir Putin, dort die Chaebols um Samsung-Chef Lee Kun Hee, der gleich selbst im IOC sitzt. Einmal mehr wurde Olympia versteigert, am Ende machte Sotschi das Rennen.

Rivale Salzburg erfreute sich zwar bester Benotungen, kurz vor der Kür aber flog Sotschi mit Frachtmaschinen einen Eislaufpalast nach Zentralamerika. Der lockte neben dem IOC-Hotel allabendlich mit prallem Nachtleben. Hilfreicher als der dünne Prüfbericht war für Sotschi auch, dass Putin am Abend vor der Wahl ein halbes Dutzend IOC-Leute zum Dinner lud - ein weiterer Bruch der Regeln. Aber Putin ist nicht der Typ, mit dem man sich anlegt. Nicht im Weltsport, den sein russisches Funktionärsnetz längst durchdrungen hat.

Winterspiele sind ein Spielball der Sportpolitik, sie stehen im Schatten des großen, wahren Olympiafestes: der Sommerspiele. Für die begeistert sich alle Welt und jeder im IOC; der Wintersport indes büßt schon auf dem Weg vom Alpenvorland zur Nordseeküste viel von seinen Reizen ein. Müßig, auf seine begrenzte Strahlkraft in tropischeren Regionen hinzuweisen.

Auch deshalb wurden die Winterspiele in dieser und den vergangenen zwei Dekaden schamlos verschachert. Gewiss gibt es Leute im IOC, die auf Benotungen achten, nur fallen die kaum ins Gewicht, insgesamt stimmen 110 Mitglieder ab. Und für die öffentlich so gern zitierten IOC-Prüfberichte gilt: Sie taugen nichts. Kaum einmal gewann ein Kandidat, der als Primus in die Wahl ging.

Albertville - ein "ökologisches Negativbeispiel"

Wieso auch? Kein Mitglied ist an das Prüfdossier gebunden. Zudem gibt es für die IOC-Leute die wahre Lobbyarbeit, all die Flur- und Kamingespräche mit jenem Kreis ausgebuffter Berater und Agenten, die lieber ungenannt bleiben. Wen diese gut bezahlten Lobbyisten aufsuchen, wo und in welcher Mission - das zählt zu den tieferen Geheimnissen des Olymps. Auch München unterhält teure Berater, über deren Treiben so gut wie nichts verlautet. Aber was soll man tun? Winterspiel-Vergaben sind unberechenbar, sie folgen eigenen Regeln, die viele Bewerber von vornherein ins Abseits stellen - ohne, dass die es ahnen.

So kürte das IOC für den Winter 1992, als sich unter anderem Berchtesgaden bewarb, ein geschichts- und gesichtsloses Nest in Frankreich: Albertville war eine Entschädigung für das Land, das seinerzeit vor allem mit Paris um die Sommerspiele 1992 warb. Paris bot enorme Vorteile gegenüber Barcelona, für die katalanische Stadt aber sprach ein unschlagbares Argument: Sie war Heimat des amtierenden IOC-Chefs Juan Antonio Samaranch. Und Samaranch, den seine Landsleute nach dem Tod des von ihm geliebten Diktators Franco mit Protest aus dem Gouverneursamt gejagt hatten, wollte sein IOC-Mandat zur gesellschaftlichen Wiedergeburt nutzen.

Die Barcelona-Spiele stimmten die Landsleute versöhnlich. Paris musste also weichen; der Trostpreis hieß Albertville - wo die Umweltzerstörung dann so gravierend war, dass EU-Abgeordnete das Event als "ökologisches Negativbeispiel" geißelten.

Von sportpolitischen Eigeninteressen diktiert war auch die Wahl des Winterspielorts 1994: Lillehammer in Norwegen. Diese Spiele markierten den Wechsel auf einen Zwei-Jahres-Turnus für Winter und Sommer, sie waren wenig begehrt. Zugleich hatte Samaranch eine PR-Agentur angeheuert, die dem IOC den Friedensnobelpreis verschaffen sollte - der wird nun mal in Norwegen vergeben.

Groß war der Spott, als Medien die dreiste Strategie enthüllten, traurig das Ende der Nobelpreis-Posse: Samaranchs Aufruf, während der Lillehammer-Spiele die Waffen auf dem Balkan ruhen zu lassen, wurde vor der Eröffnungsfeier durch einen Granatenangriff auf Sarajewos Marktplatz pulverisiert.

Bei den Winterspielen 1998 kehrten Samaranch und sein Milliardenkonzern IOC zum Kerngeschäft zurück. Die Sause fand in Nagano statt, auf und nahe an den Besitztümern des japanischen Milliardärs Yoshiaki Tsutsumi. Dieser wollte seine Privatländereien mit dem Schnellzug verbinden lassen - auf Staatskosten, dazu brauchte er die Spiele. Also finanzierte Tsutsumi mit 20 Millionen Dollar Samaranchs Herzensprojekt, den Bau des Olympischen Museums in Lausanne.

... und plötzlich brennt das Archiv

In Nagano wurden Bauern zuhauf enteignet, und als nach drögen, grauen Winterspielen ein gewisser Korruptionsgestank die Behörden alarmierte, brannte plötzlich das Archiv von Nagano ab - samt der Bilanzbücher, wie die Veranstalter behaupteten. Mutige Reporter trieben einige Dokumente auf, zutage trat ein korruptes Bild. Allerdings waren die Nagano-Spiele vorbei, die Japaner begruben ihre Affäre in aller Stille. Dem Hauptprofiteur der Spiele, Tsutsumi, verschaffte das nur eine Galgenfrist; er musste 2005 wegen Bilanzfälschung ins Gefängnis.

Auch die Spiele 2002 in Salt Lake City wurden verkauft: Die Bewerber hatten IOC-Leute mit geldwerten Angeboten geködert. So, wie es auch andere taten, doch deckten nur die Amerikaner ihre Affäre auf. Das IOC musste einige Hinterbänkler hinauswerfen und nahm ein paar Reformen vor.

Intern führte es eine subtilere Säuberungsaktion durch: Bei der Winterspielvergabe für 2006 strafte es den - am besten benoteten - Schweizer Topfavoriten Sion ab. Denn es war der Schweizer IOC-Vorständler Marc Hodler, der die Salt-Lake-Affäre entzündet hatte. Er hatte von "klarer Korruption" in Utah gesprochen, von organisiertem Stimmenkauf und verwerflichem Wirken der Agenten: Er kenne keine Stadt, der die Spiele auf "unangreifbare Weise" zugefallen seien.

Samaranch erteilte Hodler einen Maulkorb. Zu spät, die Affäre war am Rollen - und der Favorit Sion erledigt: Als der Winterort 2006 gewählt wurde, verfiel das IOC jäh dem Charme der faden Industriemetropole Turin. Im Hintergrund zog großzügig Gianni Agnelli die Fäden, der superreiche Fiat-Chef.

Die 2010-Spiele holte Vancouver ganz knapp vor Pyeongchang, das dem IOC eine allzu bizarre Zukunftsperspektive bot mit Un Yong Kim, der Galionsfigur der Bewerbung. Bald darauf wanderte der frühere Geheimdienstler in Seoul hinter Gitter. Ein steiler Absturz - noch 2001, als es um Samaranchs Nachfolge ging, lag Kim aussichtsreich im Rennen. Für den Fall seiner Wahl soll er Mitgliedern Geld geboten haben. Doch die Bewegung brauchte nach all den Affären eine Verschnaufpause, manche ahnten wohl, dass Kims Ende bevorstand. Gewählt wurde der affärenfreie Arzt Jacques Rogge.

Der tut nun, was in seiner Macht steht. Doch hat er nicht den eisernen Griff auf das von Vorgänger Samaranch handverlesene IOC. Rogge stand 2007 auch nicht hinter Sotschi, Putins Palmsprengel im kaukasischen Unruhegebiet. Pyeongchang scheiterte damals erneut hauchdünn. Und diesmal?

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SZ vom 02.07.2011/tob
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