Olympia: Vergabepraxis Albertville - ein "ökologisches Negativbeispiel"

Wieso auch? Kein Mitglied ist an das Prüfdossier gebunden. Zudem gibt es für die IOC-Leute die wahre Lobbyarbeit, all die Flur- und Kamingespräche mit jenem Kreis ausgebuffter Berater und Agenten, die lieber ungenannt bleiben. Wen diese gut bezahlten Lobbyisten aufsuchen, wo und in welcher Mission - das zählt zu den tieferen Geheimnissen des Olymps. Auch München unterhält teure Berater, über deren Treiben so gut wie nichts verlautet. Aber was soll man tun? Winterspiel-Vergaben sind unberechenbar, sie folgen eigenen Regeln, die viele Bewerber von vornherein ins Abseits stellen - ohne, dass die es ahnen.

So kürte das IOC für den Winter 1992, als sich unter anderem Berchtesgaden bewarb, ein geschichts- und gesichtsloses Nest in Frankreich: Albertville war eine Entschädigung für das Land, das seinerzeit vor allem mit Paris um die Sommerspiele 1992 warb. Paris bot enorme Vorteile gegenüber Barcelona, für die katalanische Stadt aber sprach ein unschlagbares Argument: Sie war Heimat des amtierenden IOC-Chefs Juan Antonio Samaranch. Und Samaranch, den seine Landsleute nach dem Tod des von ihm geliebten Diktators Franco mit Protest aus dem Gouverneursamt gejagt hatten, wollte sein IOC-Mandat zur gesellschaftlichen Wiedergeburt nutzen.

Die Barcelona-Spiele stimmten die Landsleute versöhnlich. Paris musste also weichen; der Trostpreis hieß Albertville - wo die Umweltzerstörung dann so gravierend war, dass EU-Abgeordnete das Event als "ökologisches Negativbeispiel" geißelten.

Von sportpolitischen Eigeninteressen diktiert war auch die Wahl des Winterspielorts 1994: Lillehammer in Norwegen. Diese Spiele markierten den Wechsel auf einen Zwei-Jahres-Turnus für Winter und Sommer, sie waren wenig begehrt. Zugleich hatte Samaranch eine PR-Agentur angeheuert, die dem IOC den Friedensnobelpreis verschaffen sollte - der wird nun mal in Norwegen vergeben.

Groß war der Spott, als Medien die dreiste Strategie enthüllten, traurig das Ende der Nobelpreis-Posse: Samaranchs Aufruf, während der Lillehammer-Spiele die Waffen auf dem Balkan ruhen zu lassen, wurde vor der Eröffnungsfeier durch einen Granatenangriff auf Sarajewos Marktplatz pulverisiert.

Bei den Winterspielen 1998 kehrten Samaranch und sein Milliardenkonzern IOC zum Kerngeschäft zurück. Die Sause fand in Nagano statt, auf und nahe an den Besitztümern des japanischen Milliardärs Yoshiaki Tsutsumi. Dieser wollte seine Privatländereien mit dem Schnellzug verbinden lassen - auf Staatskosten, dazu brauchte er die Spiele. Also finanzierte Tsutsumi mit 20 Millionen Dollar Samaranchs Herzensprojekt, den Bau des Olympischen Museums in Lausanne.

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