Süddeutsche Zeitung

München 1972:Was von der Olympia-Euphorie in Afrika geblieben ist

Lesezeit: 3 min

Von keinem anderen Kontinent kommen 1972 so viele Olympia-Neulinge nach München wie aus Afrika. Doch heute bremst die Korruption die Staaten aus. Und die Athleten leiden unter der Inkompetenz und Lethargie ihrer Funktionäre.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Dafür dass der afrikanische Kontinent noch nie Olympische Spiele ausgerichtet hat, gibt es dort eine erstaunliche Anzahl olympischer Stätten: vom Olympic Park Stadium in der südafrikanischen Stadt Rustenburg über das Stade Olympique nahe der Hauptstadt der Elfenbeinküste bis hinauf nach Tunis, wo es sogar ein ganzes olympisches Viertel gibt. Nahe Kairo entsteht derzeit die "Egypt International City for Olympic Games", obwohl von einer Vergabe der Olympischen Spiele dorthin nichts bekannt ist. Man sollte die Namensanleihen nicht so eng sehen: "Olympisch" steht in Afrika wie auch sonst auf der Welt einfach für groß und gut, ist eine Art Qualitätssiegel, das aber nicht immer Qualität verspricht.

Dabei hat Afrika vielleicht mehr Anspruch, sich mit olympischen Federn zu schmücken, als andere Erdregionen, schließlich wurde in der ägyptischen Stadt Alexandria 1914 das erste Mal die olympische Flagge entrollt, bei den Panägyptischen Spielen. Der Schöpfer der Flagge, der Franzose Pierre de Frédy, Baron de Coubertin, hatte seinem Freund Angelo Balonaki, einem dort beheimateten IOC-Mitglied, gestattet, die Flagge erstmals bei einer Sportveranstaltung zu hissen. Für fünf Kontinente stehen die Ringe auf der Fahne, den afrikanischen Kontinent haben die Spiele aber bis heute nicht richtig erreicht.

Ägyptens Militärregierung hat angekündigt, sich um die Austragung 2036 zu bewerben

"Die Olympischen Spiele müssen vor allem mal nach Afrika", sagte Willi Daume bereits 1985. Doch sehr viel ist seitdem nicht passiert, Kapstadt bewarb sich einmal vor fast 25 Jahren, landete aber nur auf Rang drei der damals fünf Kandidaten. Seitdem haben verschiedene hohe Funktionäre den dringenden Wunsch geäußert, die Spiele nach Afrika zu vergeben, so auch IOC-Chef Thomas Bach. Der verkündete bei seinem Amtsantritt 2013, es sei sein absoluter Traum, dies noch als Präsident mitzuerleben. Mittlerweile hat Bach eingestanden, dass Afrika wohl frühestens 2036 oder 2040 an der Reihe sei, "also wenn ich nicht mehr im Amt wäre". Was insofern erstaunlich ist, als dass Bach anscheinend mit dem Gedanken spielt, zu Lebzeiten freiwillig abzudanken.

Vielleicht überlegt er es sich aber auch noch anders, 2036 wäre er schließlich erst 81 Jahre alt, zudem hat Ägyptens Militärregierung angekündigt, sich für dieses Jahr zu bewerben. Ein Teil der olympischen Stadt steht ja bereits. Die Unterstützung anderer Olympia-Komitees in Afrika hätte das Land am Nil womöglich, von einer großen Solidaritätskampagne in der Afrikanischen Union ist aber nichts zu spüren. Der olympische Geist macht in Afrika derzeit ein Nickerchen.

Das war 1972 in München anders: Damals kamen von keinem anderen Kontinent so viele neue Länder, die erstmals bei Olympia mitmachten: Gabun, Lesotho, Malawi, Somalia, Swasiland, Togo, Benin und Obervolta, das heute Burkina Faso heißt. Südafrika und Rhodesien, das heutige Simbabwe, mussten hingegen draußen bleiben, wegen der Apartheid und der Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung. Die übrigen der damals 26 Teilnehmernationen aus Afrika hatten die Ausladung mit einer Boykottdrohung kurz vor den Spielen durchgesetzt. Die Münchner Abendzeitung schrieb über die schwarzafrikanischen Staaten, dies sei "ihr erster Olympiasieg".

Was ist von der Euphorie von damals geblieben? Sie ist immer noch da, nur ist Afrika eben kein Land, sondern ein Kontinent von 55 Ländern, und jedes jubelt im Zweifelsfall für sich. Burkina Faso war 1972 zum ersten Mal dabei, erstmals eine Medaille gewann das Land bei den Spielen in Tokio 2021: Der Hochspringer Hugues Fabrice Zango holte Bronze, ausgerechnet am Unabhängigkeitstag, das ganze Land jubelte.

2026 sollen zumindest schon mal die "Youth Olympics" in Senegal stattfinden

Zango trainiert wie viele afrikanische Spitzensportler im Ausland, was an der Sponsorensituation liegt und daran, dass in Europa und den USA die Trainingsstätten besser sind. Das IOC versucht, die Infrastruktur in Afrika zu verbessern, 40 olympische Zentren in 35 Ländern wurden gebaut. Was sich nicht verändert hat: Die Athleten leiden unter Inkompetenz und Lethargie ihrer Funktionäre, die oft nur den eigenen Geldbeutel im Blick haben. Mit den Geschichten über Korruption wäre ein Buch zu füllen.

Während der Spiele in Tokio machten Videos nigerianischer Athleten die Runde, die per Hand ihre Trainingssachen wuschen, anstatt zu trainieren - obwohl Hauptsponsor Puma genug Trikots geliefert hatte. Die wurden aber von Nigerias Funktionären nicht weitergegeben, angeblich weil ihre verfeindeten Vorgänger einen unrechtmäßigen Deal abgeschlossen hatten. Die Nachfolger vergaßen zudem, Sportler zu Dopingtests anzumelden, was zu Startverboten führte, nach Jahren der Vorbereitung.

Die Fälle zeigen: Ob Olympia nach Afrika kommt, liegt auch in der Hand der dortigen Funktionäre und Verbände. Ein Anfang soll zumindest 2026 gemacht werden, mit den ersten "Youth Olympics" in Senegal. Das Stadion steht schon. Es sieht auch sehr schön aus.

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