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Olympische Winterspiele:Dabei sein ist für München nicht alles

So hätte Münchens neues Olympisches Dorf an der Dachauer Straße aussehen sollen.

(Foto: Léon Wohlhage Wernik Architekten)

Die Winterspiele 2018 werden am Freitag in Pyeongchang eröffnet. Wie wäre es wohl gekommen, wenn München sich die Olympischen Spiele gesichert hätte? Ein Gedankenspiel.

Wahrscheinlich würden gerade Service-Kolonnen durchs Olympiastadion wieseln. Um dem frisch aufpolierten Schmuckstück den letzten Schliff für die Eröffnungsfeier zu verpassen. Nebenan, im Schatten des Olympiaturms sowie an der Stelle des ehemaligen Radstadions, würden zwei funkelnagelneue Eisarenen glänzen, an der Dachauer Straße im neuen Olympischen Dorf wären vermutlich schon die Betten bezogen. Und natürlich gäbe es Ärger, weil für die Anreise der internationalen Sportlerprominenz Fahrspuren auf der Flughafenautobahn und am Mittleren Ring gesperrt werden müssten. Olympic Lanes. Die Fahnen mit den fünf Ringen wären überall im Stadtbild zu sehen. München 2018 stünde kurz vor dem Start.

Wenn jener denkwürdige Entscheidungstag vor sieben Jahren im südafrikanischen Durban anders abgelaufen wäre, könnte München in einer Woche Gastgeber der Olympischen Winterspiele sein. Aber an jenem 6. Juli 2011 entschieden sich die IOC-Mitglieder mit einer überraschend deutlichen Mehrheit schon im ersten Wahlgang für den südkoreanischen Bewerber Pyeongchang, wo alles erst komplett neu in die Landschaft geklotzt werden musste. In München hatte man sich hingegen der Illusion hingegeben, der internationale Sport wisse ein Konzept der Nachhaltigkeit zu schätzen. Pustekuchen.

Die Münchner Delegation verließ Südafrika in schlechter Stimmung. Und als schlechter Verlierer, man sparte nicht mit Kritik am erfolgreichen Mitbewerber aus Korea. Thomas Bach, damals Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds und heutiger IOC-Chef, musste eine Fehleinschätzung eingestehen. Er hatte stets von einer sehr positiven Stimmung für München geschwärmt. Später scheiterte auch noch der Versuch einer erneuten Bewerbung für 2022 - mit einem Bürgerentscheid. Es dürfte auf absehbare Zeit der letzte gewesen sein, noch einmal Olympia an die Isar zu holen.

Der Ruf des IOC ist schlecht in den westlichen Industriestaaten. Oslo, Graubünden, Krakau, Stockholm - es wimmelt inzwischen von zurückgezogenen oder gar nicht erst eingereichten Bewerbungen. Für 2022 setzte sich Peking gegen den einzigen verbliebenen Konkurrenten Almaty durch. Der Unwille, sich dem als korrupt und undurchschaubar verrufenen IOC zu unterwerfen, dürfte auch in München maßgeblich zum knappen Nein beim Bürgerentscheid beigetragen haben. Vom leidenschaftlichen Olympia-Befürworter Christian Ude stammt der schöne Satz, der Bürgerentscheid sei nicht in München oder Garmisch verloren worden, sondern in Sotschi und Katar. Der internationale Sport liebt die Beton-Retorte, den Glanz des komplett Neuen. Gut möglich, dass ein Olympia-Bürgerentscheid inzwischen noch viel deutlicher ausfiele - gegen die Spiele.

Dennoch war die Bewerbungsphase für 2018 eine spannende Zeit. Willy Bogner, Katarina Witt, Franz Beckenbauer, sie alle agierten als Olympia-Trommler. Christian Ude reiste zur IOC-Sitzung nach London, um das Münchner Konzept vorzustellen. Ein Hauch von Internationalität durchwehte das Rathaus, als zwischen den repräsentativen Säulen der Kassenhalle eine Olympia-Zentrale eingerichtet wurde. Im Frühjahr 2011 reiste die Evaluierungskommission unter der Leitung der Schwedin Gunilla Lindberg an und besichtigte vorhandene Sportstätten sowie die Bauplätze für weitere, teilweise auch nur temporäre Stadien. Die Kommission stapfte durch den Münchner Olympiapark und schwebte mit der Seilbahn über der Garmischer Kandahar-Abfahrt. Immer verfolgt von einem Tross Journalisten, der in zeitlichem Abstand per Bus dieselbe Route bereiste. Das IOC war stets sorgfältig abgeschottet, gab sich zugeknöpft.

Es war wohl auch den Funktionären längst bekannt, dass sich in München und im Oberland eine Widerstandsbewegung gegründet hatte. Wie bei Olympia-Bewerbungen schon fast die Regel. Ausgehend von Garmisch, wo sich ein Grundstücksbesitzer weigerte, eine Fläche nahe der Zieleinfahrt der Kandahar freizugeben, bildete sich eine starke "NOlympia"-Allianz von Umweltschützern und IOC-Kritikern. Ganz vorne standen die beiden Grünen-Politiker Ludwig Hartmann und Katharina Schulze, denen ihr damaliges Engagement auch karrieretechnisch weitergeholfen hat. Ihre Bekanntheit sowie ihr politischer Einfluss wuchsen enorm. Sie führen heute die Landtagsfraktion der Grünen.

Ein Ballon mit dem Logo der Münchner Bewerbung auf dem Marienplatz.

(Foto: Robert Haas)

München sähe heute an einigen Stellen anders aus, wenn das IOC sich für das deutsche Konzept entschieden hätte. Das aus den Sechzigerjahren stammende Eisstadion wäre ebenso aus dem Stadtbild verschwunden wie die Verwaltungsriegel der Bundeswehr an der Dachauer Straße. Dort sollten die Turmbauten eines neuen Olympischen Dorfes entstehen, in das nach Ende der Spiele Münchner Bürger einziehen sollten. Die MVG ergänzte im U-Bahnhof Olympiazentrum schon einmal die Wegweiser zum alten Olympiadorf mit der Jahreszahl 1972 - in der aus heutiger Sicht irrigen Meinung, es werde in München bald eine zweite derartige Anlage geben, die man ja nicht mit den Bauten aus den Siebzigerjahren verwechseln dürfe. Die Jahreszahl steht immer noch auf den Schildern, als unauffällige Erinnerung, dass es beinahe einmal München 2018 gegeben hätte.

Die Medaillen für Biathleten, Rodler und Slalomfahrer hätten auf dem Marienhof verliehen werden sollen, an einer sogenannten Medal Plaza. Das Loch, das sich heute an dieser Stelle befindet, wäre dann hoffentlich längst geschlossen gewesen - es galt als ausgemachte Sache, dass die zweite Stammstrecke der S-Bahn bis zu den Olympischen Spielen fertig wird. Ob das wirklich geklappt hätte, muss freilich offen bleiben. Den angeblichen Spezial-Olympiaetat für das Projekt gab es nie, und wer ehrlich ist, muss einräumen, dass sich die Bedeutung dieser Tunnelstrecke für die Winterspiele in Grenzen gehalten hätte. Klar ist nur: Eine riesige Baustelle hätte man nicht brauchen können, wenn die sogenannte olympische Familie zu Besuch ist. Aber den Schwung, den Olympia nach München gebracht hätte, und die damit verbundenen finanziellen Privilegien, wollte man unbedingt dazu nutzen, die seit langem angekündigte Tunnelstrecke endlich zu bauen.

Nun aber wird das Olympiastadion am 9. Februar leer bleiben. Kein Thomas Bach auf der Tribüne, keine Bundeskanzlerin, und auch kein Christian Ude, der wohl ein gefeierter Ehrengast gewesen wäre. Der Ex-OB hätte in die Fußstapfen von Hans-Jochen Vogel treten können, der Olympia 1972 nach München geholt hatte, bei der Eröffnungsfeier aber schon nicht mehr Rathaus-Chef war. 1966 war die Münchner Delegation noch im Triumph aus Rom nach Hause gereist, die damals entstandenen Bauten zählen bis heute zu den beeindruckendsten Beispielen für moderne Architektur. Von München 2018 ist nur ein Konzept geblieben, das wohl in einer Schublade verstauben wird. Die Party steigt 8500 Kilometer weiter östlich: in Pyeongchang.

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