Er habe selten einen Menschen erlebt, der sich so in eine Person hineinversetzen könne, sagte Horst Lichter über den Schauspieler Oliver Stokowski, der für den Fernsehfilm „Es werde Lichter – Keine Zeit für Arschlöcher“ in die Rolle des ehemaligen Fernsehkochs und „Bares für Rares“-Moderators schlüpfte. „Er ist wirklich zu meinem zweiten Ich geworden, ohne mich kopieren zu wollen.“ Die enorme Wandlungsfähigkeit und sein präzises, unprätentiöses Spiel machen Stokowski zu einem der gefragtesten deutschen Schauspieler im Film und auf der Bühne. Ob als Alkoholiker im Kinofilm „Vollmond“, als SZ-Journalist in „Die Ibiza-Affäre“, als „Der Ermittler“ in der gleichnamigen TV-Krimiserie oder als Hamlet im Residenztheater. Auch in dieser Woche muss er wieder viel Text lernen, denn in der kommenden Spielzeit spielt Stokowski Hauptrollen in zwei Theaterstücken, die im Residenztheater München Premiere haben: Ödön von Horváths Drama „Kasimir und Karoline“ (26. September) und „Der zerbrochne Krug“ (28. November). Zunächst aber ist er im Fernsehen zu sehen: Im ARD-Film „Auf der Walz – Drei Jahre und ein Tag“ (Freitag, 15. August, 20.15 Uhr, und in der Mediathek) spielt er einen Tischler, für den eine Welt zusammenbricht, weil seine Tochter nicht den Familienbetrieb übernehmen will, sondern stattdessen drei Jahre lang „Auf die Walz“ gehen will.
Montag: Boot fahren in München

Der Tag beginnt für mich im Zug auf der Rückreise von Hamburg, wo ich als Gast in der Talksendung „DAS“ eingeladen war. Ein wenig Innehalten, Text lernen, E-Mails schreiben und Ausruhen. Gleich nach meiner Ankunft in München schnappe ich mir meinen achtjährigen Sohn. Ich freue mich immer auf das fröhliche Kindergesicht! Mit den Rädern geht’s zum Bootsverleih am Kleinhesseloher See im Englischen Garten, Tretboot fahren oder Ruderboot, je nach Tagesform. Besonders zu Wochenbeginn, wenn es im Park nicht so voll ist, genießen wir diese gemeinsame Zeit im Grünen sehr. Danach holen wir uns vielleicht einen Steckerlfisch bei der Fischer-Vroni im Biergarten Seehaus oder am Chinesischen Turm. Wir sparen uns das Kochen, und abends bleibt mehr Zeit für Gesellschaftsspiele zu Hause.
Dienstag: Wie Theater entsteht

Endlich ist es so weit, und wir haben Zeit, ins Deutsche Theatermuseum zu gehen. Es sind ja Ferien, und das heißt nicht nur länger schlafen und chillen, sondern auch etwas mit der Familie unternehmen und für die Sinne tun. Gemeinsam mit meiner Frau wollen wir die Sonderausstellung „Making Theatre – Wie Theater entsteht“ besuchen. In der Ausstellung betritt man den Backstagebereich des Residenztheaters und begleitet die aktuelle Inszenierung von „Romeo und Julia“. Wie und unter welchen Bedingungen arbeiten die Menschen am Theater, und wie entsteht eine Theaterproduktion? Man blickt hinter die Kulissen und erfährt, welche Prozesse bis zu einer Premiere in den einzelnen Abteilungen ablaufen. Obwohl das ja mein Beruf ist und ich als Schauspieler in der Inszenierung mitwirke und miterlebt habe, wie das Team des Theatermuseums uns während der Proben begleitet hat, ist es für mich etwas Neues und sehr interessant, das Ganze von außen, sozusagen als Zuschauer, zu betrachten.
Mittwoch: Lernen und lauschen

Mittwochs ist meistens Schwabing-Tag. Während mein Sohn im Klavier-Unterricht ist (diesmal die letzte Stunde vor der Sommerpause) spaziere ich oft zur wunderschönen St.-Ursula-Kirche und setze mich auf die Stufen, um Text zu lernen. Manchmal gehe ich auch hinein und lausche einfach der Stille. Wenn man Glück hat, ist gerade jemand am Flügel und probt für eines der Kirchenkonzerte. Musik spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle. Bevor ich Schauspieler geworden bin, habe ich Klavier und Kontrabass studiert. Anschließend geht’s mit meinem Sohn zu Bartu in der Kaiserstraße. Hier gibt es unsere Lieblingspizza von unserem Lieblingspizzabäcker, Max. Und ein tolles Bio-Eis! Auf dem Rückweg bleiben wir oft noch in der Stadtbibliothek in der Hohenzollernstraße oder in der Buchhandlung Lehmkuhl auf der Leopoldstraße beim Stöbern hängen.
Donnerstag: Urlaubsgefühl am See

Es zieht uns raus an „den See“! Genauer gesagt: nach St. Heinrich am Starnberger See. Wir fahren ans Ostufer, das uns sehr ans Herz gewachsen ist und wo man wunderbar ein bisschen Urlaubsgefühl inhalieren kann. Der Uferbereich ist ideal mit Kindern – es geht stellenweise mehrere Meter weit ganz flach ins Wasser, und die Kids können sich auf der Wiese austoben. An der Strandbar „Strand“ gibt es (nicht nur) die obligatorischen Pommes, sehr guten Kaffee und ein alkoholfreies Bier, um den wunderschönen Sonnenuntergang über dem glitzernden See zu betrachten. Nach so einem Tag am See fällt es uns gar nicht so leicht, wieder in die tobende Stadt zurückzukehren.
Freitag: Auf ins Ungewisse

Vormittags geht es zum Viktualienmarkt, Einkäufe fürs Abendessen machen und einen Imbiss in der Suppenküche. Am Nachmittag ins Museum, einfach Augen machen, und durch die Räume spazieren. Im Haus der Kunst gibt es eine Ausstellung für Kinder. Sie versammelt Kunstwerke von über 20 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die gezielt für ein junges Publikum geschaffen wurden. Sie beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet ein Kind zu sein? Abends wird dann gekocht, und anschließend schauen wir uns meinen Film „Auf der Walz“ im Ersten an. Ich spiele einen Tischlermeister, der versucht seinen Betrieb am Laufen zu halten, nachdem ihn seine Frau verlassen hat. Als seine Tochter beschließt, für drei Jahre auf die Walz zu gehen, bricht für ihn eine Welt zusammen.
Samstag: Beste französische Küche

Nach dem Frühstück geht’s mit Textbuch durch den Englischen Garten, Vorbereitung für die nächste Spielzeit. Massenweise Text lernen, „Kasimir und Karoline“ und „Der zerbrochne Krug“, für die Premieren im September und November am Residenztheater. Da die beiden Produktionen nahtlos ineinander übergehen, muss das Textlernen in den Ferien stattfinden. Am Abend wollen wir mit der Familie zu unserer lieben Freundin Claudia Lahm in die Brasserie La Bouche in der Haimhauser Straße in Schwabing. Hier gibt es die beste französische Küche, erlesene Weine und feinste Desserts. Alles frisch von der Chefin zubereitet. Der Tag könnte nicht besser enden.
Sonntag: Schäfchen zählen

Im Englischen Garten gibt es eine Schafherde, die im Nordteil des Parks weidet und von einem Schäfer oder einer Schäferin betreut wird. Wenn sie heute mal wieder draußen sein sollten, ist es das Highlight der Woche. Einfach diese wunderbaren Tiere beobachten, entspannen und abschalten. Schafe strahlen Sanftmut, Friedfertigkeit und Ruhe aus. Noch dazu ist es überaus inspirierend fürs Rollenstudium. Dieses Schauspiel ist faszinierend. Man kann nicht wütend sein, wenn man an ein Schaf denkt. Funktioniert auch mit einem Pinguin. Und der Tag endet mit einem Lächeln.
Oliver Stokowski wurde 1962 in Kassel geboren. Er studierte zunächst Musik in Kassel, später Schauspiel an der „Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Graz“. Nach dem Studium war er am Staatstheater Hannover im Ensemble. Von 1993 bis 2001 gehörte er zum Ensemble des Residenztheaters München und bekam für seine Rolle als Hamlet 1999 den Kurt-Meisel-Preis. Im ZDF war er von 2001 bis 2005 in der Krimireihe „Der Ermittler“ zu sehen und gewann den Deutschen Schauspielerpreis. Er spielte in „Crossing Lines“ und in Hollywoods „The Book Thief“ mit Geoffrey Rush und Emily Watson. 2014 erhielt er den Grimme-Preis sowie den Deutschen Schauspielerpreis für „Zeit der Helden“. Es folgten Engagements am Schauspielhaus Bochum, Zürich und ab 2013 am Burgtheater Wien. Seit der Spielzeit 2019/2020 ist er wieder festes Ensemblemitglied am Residenztheater. Zudem ist er als Schauspieler in TV-Produktionen wie „Horst Lichter – Keine Zeit für Arschlöcher“, „Ein Schritt zum Abgrund“, „München Mord“ und jetzt in „Auf der Walz“ zu sehen.

