Literatur:Wiener Melange

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Literatur: Sinn fürs Schaurige: Oliver Pötzsch verbindet Verbrechen und Geschichte.

Sinn fürs Schaurige: Oliver Pötzsch verbindet Verbrechen und Geschichte.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Oliver Pötzsch hat mit "Das Mädchen und der Totengräber" den zweiten Band seiner neuen historischen Krimiserie vorgelegt - eine wunderbare Mischung aus Fakten und Fiktion.

Von Sabine Reithmaier

Erstaunlich, in welchem Tempo Oliver Pötzsch einen historischen Krimi nach dem anderen vorlegt. Gefühlt hat der Erfinder der "Henkerstochter" gerade erst - es war im Juni 2021 - den ersten Band seiner neuen Reihe um den jungen Polizeiinspektor Leopold von Herzfeldt vorgelegt. Jetzt ist mit "Das Mädchen und der Totengräber" (Ullstein-Verlag) schon die zweite, 494 Seiten starke Folge erschienen. Und wieder ist Pötzsch eine wunderbare Mischung aus Fakten und Fiktion, historischer Realität und seiner Fantasie gelungen, ausgezeichnet zu lesen und sehr unterhaltsam.

Die Geschichte spielt im Jahr 1894 in Wien. Wie im ersten Band hält ein Serienmörder die Polizei in Atem. Doch während der Killer Nummer eins vorzugsweise junge Frauen umbrachte - er trennte ihnen den Kopf ab und pfählte sie -, so hat es der Mörder jetzt auf junge Männer abgesehen, die er ihrer Männlichkeit beraubt und zerstückelt. Nicht besonders angenehm, vor allem für die Tatortfotografin. Die schaurigen Verbrechen allein genügen aber nicht, Herzfeldt muss noch einen zweiten Fall aufklären. Denn im Kunsthistorischen Museum ist in einem Sarkophag die Leiche eines berühmten Ägyptologen aufgetaucht, mumifiziert nach allen Regeln der Kunst.

Bloß gut, dass der junge Inspektor wieder Augustin Rothmayer an seiner Seite hat. Der Totengräber vom Wiener Zentralfriedhof, ein bleicher, dürrer Geigenspieler, schreibt gerade ein wissenschaftliches Buch über Totenkulte und kennt sich wie kein zweiter mit Mumifizierungstechniken aus. Hilfe kommt natürlich auch von Herzfeldts Freundin Julia Wolf, Mutter einer gehörlosen Tochter und inzwischen zur Tatortfotografin der Wiener Polizei avanciert.

Ein Zeitphänomen waren die "Völkerschauen"

Der turbulente Krimi fängt den Wiener Zeitgeist kurz vor der Jahrhundertwende auf vielerlei Ebenen ein. Beschreibt unaufdringlich den latenten Antisemitismus, mit dem sich der elegante Herzfeldt, Sohn einer jüdischen Bankiersfamilie aus Graz, ständig konfrontiert sieht. Wobei er manchen Kollegen auch wegen seiner neumodischen Ermittlungsmethoden ganz schön auf die Nerven geht. Ein Zeitphänomen waren auch die "Völkerschauen", Spektakel zur Volksbelustigung, in denen Menschen aus fernen Ländern, oft mit falschen Versprechungen nach Europa gelockt, wie Tiere begafft wurden. Allein in Wien fanden zwischen 1870 und 1910 mehr als 50 dieser entwürdigenden Schauspiele statt, schreibt Pötzsch in seinem Nachwort.

Nicht erfunden hat er auch die Begeisterung für Mumien, die manche Adlige auf ihren Orientreisen außer Landes schmuggelten. Bereits Theodor Fontane erzählt in den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" von einer skurrilen Mumien-Party in Schloss Dreilinden. Gastgeber Friedrich Karl von Preußen hatte zum Auswickeln eingeladen. "Die bunte Kartonhülle wurde geöffnet, die Mumienbinden gelöst und der braune, wohlerhaltene Körper einer Jungfrau ... enthüllte sich vor den Blicken der Anwesenden. Kein Amulett, kein Schmuckgegenstand, keine Papyrusrolle fand sich an dem Leibe der heiligen Tempelmagd vor. Die Enttäuschung war eine allgemeine." Das wenigstens bleibt den gesellschaftlichen Spitzen Wiens im Krimi erspart. Ihre Mumien sind deutlich besser ausgestattet.

Oliver Pötzsch: Das Mädchen und der Totengräber (Ullstein Verlag). Die Buchpremiere am 9. April im Hofspielhaus ist ausverkauft. Noch Karten gibt es für die Lesung am Mittwoch, 27. April, 19 Uhr, im Interim, Am Laimer Anger 2 (Benefizveranstaltung mit Musik für die "Aktion Deutschland hilft"). Karten unter Telefon 089/54674111

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