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Oktoberfestattentat:Die Brisanz von Spur 253

Eine Gedenkstätte am Eingang der Wiesn erinnert an die 13 Toten des Attentats von 1980

(Foto: imago stock&people)

"Es stellen sich einige neue Fragen": 34 Jahre nach dem Oktoberfestattentat hofft Opferanwalt Werner Dietrich auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Er hat Einblick in bislang verschlossene Akten, die belegen: Die Fahnder hatten eine Spur ins rechte Milieu - haben die aber nicht weiterverfolgt.

Von Florian Fuchs

Es sind 28 Ordner, 887 Spuren und knapp 10 000 Seiten zum Oktoberfestattentat, die das Bayerische Landeskriminalamt bislang unter Verschluss gehalten hat. Anwalt Werner Dietrich, der mehrere Opfer des Anschlags vom September 1980 vertritt, hat nun erstmals Einsicht in diese Spurenakten erhalten - und wieder Hoffnung, dass es doch noch zu einer Wiederaufnahme der Ermittlungen kommen könnte.

Denn Spur Nummer 253 sei brisant genug dafür: Offenbar brachten die Ermittler damals Untersuchungen gegen den rechtsradikalen Waffenlieferanten Heinz Lembke in Zusammenhang mit dem Münchner Anschlag. Sie führten die beiden Ermittlungsverfahren sogar zusammen - nur die Spur Lembke verfolgte dann niemand mehr mit Nachdruck.

Zweifel an der Einzeltäter-These

Am 26. September 1980 detonierte die Bombe am Haupteingang des Oktoberfests. 13 Menschen starben, 200 wurden verletzt, 68 davon schwer. Schnell machten die Ermittler den rechtsextremen Gundolf Köhler, der bei der Explosion starb, als Attentäter aus. Für die Behörden stand auch rasch fest, dass er ein Einzeltäter war. Opfer, Journalisten und Juristen widersprechen dieser These aber bis heute. Selbst der Bayerische Landtag und die Stadt München haben Zweifel und fordern bislang vergeblich eine Wiederaufnahme des Verfahrens.

Nach der Einsicht der bislang verschlossenen Akten sieht sich Opfer-Anwalt Werner Dietrich in seiner Forderung bestätigt. "Es stellen sich einige neue Fragen", sagt Dietrich. So belege die Spur Nummer 253 Versäumnisse, die dazu führen könnten, dass das Verfahren doch noch einmal neu aufgerollt wird. Bereits einen Tag nach dem Attentat sagten inhaftierte Mitglieder der neonazistischen Deutschen Aktionsgruppen bei Befragungen aus, dass der rechtsradikale Heinz Lembke zahlreiche Waffenlager habe und dies in Zusammenhang mit dem Oktoberfestattentat stehen könnte.

Polizisten und Staatsanwälte fuhren zu dem Haus des ehemaligen NPD-Mitglieds in Niedersachsen, fanden aber nur ein leeres Magazin und eine Zündschnur. Erst ein Jahr später, am 26. Oktober 1981, entdeckte ein Revierförster in der Nähe des Hauses zufällig eine Kiste mit Waffen und Munition, die im Waldboden vergraben war.

Lembke nannte bei Befragungen mehrere weitere Depots mit Sprengstoff, Handgranaten, Munition, Panzerfäusten, diversen Schusswaffen und sogar chemischen Kampfstoffen. Er erklärte sich sogar noch zu einer weiteren Aussage bereit und wollte auch die Namen von Hintermännern nennen. Am Morgen der geplanten erneuten Befragung fand man ihn erhängt in seiner Zelle.

Fahnder verfolgten eine Spur ins rechte Milieu nicht

Kritiker der These vom Einzeltäter hatten bislang angenommen, dass die Ermittlungsverfahren zu Lembke und zum Oktoberfestattentat getrennt voneinander geführt wurden. Sie warfen der Generalbundesanwaltschaft deshalb vor, die Fälle nicht abgeglichen zu haben. Dietrich kann nun beweisen, dass diese Annahme falsch war. Die Fahnder hatten die Fälle zusammengeführt, sich aber nicht darum gekümmert, die Spur weiter zu verfolgen.

In den Dokumenten der Spur 253 sind die Hinweise auf Lembke - von den Aussagen der Mitglieder der Deutschen Aktionsgruppen bis zum Tod in der Zelle - auch in den Akten des Oktoberfestattentats zusammengefasst. "Es ist nicht zu erklären, warum die Ermittler in Bayern trotzdem keinen Finger gerührt haben", klagt Dietrich.

Asservate des Attentats wurden vernichtet

Warum haben die Attentats-Ermittler in der Soko Theresienwiese Lembke nicht selbst vernommen? Warum hat das Sprengwaffenbeseitigungskommando der Bundeswehr die gefundenen Waffen und Kampfmittel so schnell vernichtet, ohne sie zuvor mit der Oktoberfestbombe abgeglichen zu haben? Warum wird im Zuge der Ermittlungen über das Attentat nicht einmal die Frage der Herkunft des Sprengstoffs beleuchtet? Und warum steht in den Spurenakten der Vermerk: "Erkenntnisse über Lembke sind nur zum Teil gerichtsverwertbar"? Dietrich sagt: "Solche Vermerke gibt es normalerweise nur bei V-Leuten oder Mitarbeitern von Geheimdiensten."

Für den Anwalt passt dies in die gesamte Arbeitsweise der Ermittler. Kontakte des Attentäters Köhler zur rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann wurden heruntergespielt. 1997 ließen die Behörden die Asservate des Attentats, darunter Splitter der Bombe, vernichten - obwohl man mit neuen Ermittlungsmethoden heute ganz andere Erkenntnisse daraus gewinnen könnte.

Köhler hatte auch Kontakt zu einer Gruppe um den damaligen Neonazi Odfried Hepp, die während des Attentats im Libanon war und deren Mitglieder zu dieser Zeit für ein paar Tage als entführt galten. "Ein schönes Alibi", sagt Dietrich. Auch Informationen zu dieser Gruppe und den Umständen im Libanon stehen in den Spurenakten, wurden aber nie weiterverfolgt.

Zu den Versäumnissen gesellte sich nach Überzeugung von Dietrich auch die Voreingenommenheit der Ermittler, unbedingt die These vom Einzeltäter zu bestätigen. Aus zwei Protokollen von Lagebesprechungen führender Ermittler vom 8. Oktober 1980 und vom 14. Oktober 1980, die Dietrich zugespielt wurden, sei ersichtlich, dass plötzlich nicht mehr ergebnisoffen gefahndet worden war. Bei der ersten Besprechung, so zeigten es die Protokolle, seien alle Beteiligten von mehreren Tätern und einem rechtsradikalen Hintergrund ausgegangen, sagt Dietrich.

Diese Annahmen beruhten auf Aussagen des Zeugen Frank Lauterjung, der Attentäter Köhler kurz vor der Explosion mit zwei weiteren Personen streiten sah. Und auf dem Kontakt Köhlers zur neonazistischen Gruppe Hepp.

Rechtsanwalt hofft auf Einsicht in noch mehr Akten

In der nächsten Besprechung ein paar Tage später mit nahezu derselben Besetzung durch Mitglieder der Geheimdienste, der Generalbundesanwaltschaft, des Landeskriminaldienstes und des Bundeskriminalamts sei von rechtsterroristischem Hintergrund und Mittätern aber keine Rede mehr gewesen. "Ohne dass es irgendeinen nachvollziehbaren Grund dafür oder eine neue Erkenntnis gegeben hat", kritisiert Dietrich.

Der Rechtsanwalt hofft nun, Einsicht in noch mehr Akten zu bekommen. Selbst die Spurenakten hat er nur geschwärzt ansehen dürfen, sodass Namen, Adressen und Telefonnummer nicht zu entziffern und Nachfragen nicht möglich waren. Auch in Akten des bayerischen und des baden-württembergischen Verfassungsschutzes, des Bayerischen Innenministeriums und des Bundesnachrichtendienstes müsse es noch Aufzeichnungen zum Oktoberfestanschlag geben. Seine jüngste Anfrage an das Innenministerium versendete er Anfang Mai. Bislang ist seine Bitte nicht beantwortet worden.

© SZ vom 03.06.2014/ahem
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