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Oktoberfestanschlag:Gedenktafel für größten rechtsradikalen Anschlag in Deutschland

Gedenktafel zum Oktoberfest Attentat wird im Münchner Rathaus enthüllt.Hier OB Dieter Reiter gemeinsam mit Opfer des Attentates und Initiator für die Gedenktafel Dimitrios Lagkadinos.

38 Jahre danach: Oberbürgermeister Dieter Reiter (l.) und Initiator Dimitrios Lagkadinos enthüllen eine Gedenktafel für die Opfer des Oktoberfest-Anschlags.

(Foto: Catherina Hess)

Versäumnisse vergangener Jahrzehnte klammert die Tafel am Münchner Rathaus nicht aus: "Rechtsextreme Taten fordern unsere Wachsamkeit."

Von Martin Bernstein und Annette Ramelsberger

"Es geht mir gut", sagt Dimitrios Lagkadinos. Der 55-Jährige sitzt im Rollstuhl, doch er fühlt sich "frei im Kopf". Jener 26. September vor 38 Jahren beherrscht das Leben des Münchners nicht mehr: "Wenn ich mich erinnern will, dann kram' ich das raus." So wie am Dienstag. Lagkadinos ist ins Rathaus gekommen, um dort gemeinsam mit Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) eine Gedenktafel zu enthüllen, die auf Deutsch und Englisch daran erinnert, was damals auf dem Oktoberfest geschah. Zwölf Todesopfer forderte die Bombenexplosion. 211 Menschen erlitten zum Teil schwerste Verletzungen.

Auch der Attentäter starb. Gundolf Köhler, ein damals 21 Jahre alter Rechtsextremist. Ein Einzeltäter? Vieles spricht dagegen. Generalbundesanwaltschaft und Landeskriminalamt haben im Dezember 2014 die Ermittlungen zu möglichen Drahtziehern und Hintermännern wieder aufgenommen. Einen Schlussstrich, sagt Reiter bei der Feier, könne es schon deshalb nicht geben.

Die Tafel, initiiert von Lagkadinos, fachlich betreut von Sabine Schalm vom Kulturreferat und geschaffen vom Bildhauer Toni Preis, stellt die Opfer in den Vordergrund - und klammert Versäumnisse vergangener Jahrzehnte nicht aus. "Ihr unbeachtetes Leid mahnt uns zur Fürsorge", steht da. Aber auch: "Rechtsextreme Taten fordern unsere Wachsamkeit." Anlass zu dieser Wachsamkeit, sagt Reiter, gebe es auch in München genug: die Morde des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), der rechtsextremistisch und rassistisch motivierte Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum vor zwei Jahren.

Ein halbes Dutzend Wiesnwirte sind der Einladung der Stadt zur Gedenkfeier gefolgt. Darunter ist auch Anneliese Haberl, die Wirtin der Ochsenbraterei. Ihr Zelt steht ganz nah am Eingang, wo die Bombe explodierte. Sie war damals im Zelt, sie hat den Knall gehört, und dennoch hat zunächst niemand mitgekriegt, was geschehen war. Es gab ja noch keine Mobiltelefone, kein Internet, niemand hat Bilder ins Netz gestellt. Die Wahrheit über den Knall hat sich erst langsam verbreitet in den Zelten. Anneliese Haberl erinnert sich noch, wie ein Stammgast an diesem Abend ein wenig früher ging - direkt in die Explosion. "Das ist schon richtig, dass man sich auch an diese Seite des Oktoberfests erinnert", sagt sie.

Neben ihr steht Michael Käfer, der Wirt der Käferschänke. "Diese Erinnerung kommt genau zur rechten Zeit", sagt er. Auch er hat mitgekriegt, was in den vergangenen Tagen in Chemnitz passiert ist. Auch er hat den Prozess gegen die Terrorbande NSU verfolgt. "Man vergisst immer, dass es in München den größten rechtsradikalen Anschlag in Deutschland gegeben hat", sagt Käfer.

Das Mahnmal am Tatort soll jetzt um Informationen zu Hintergründen der Tat ergänzt werden. Es steht an der Stelle, an der Lagkadinos am 26. September 1980 um 22.20 Uhr vorbeikam. Der damals 17 Jahre alte Lehrling war mit seiner Firma auf der Wiesn, seine damalige Freundin Gabriele Deutsch mit ihren Kolleginnen. Immer mal wieder traf man sich zwischen den Zelten. Dann wollte der junge Mann heim. Sie solle weiterfeiern, sagte er seiner Freundin. Doch sie wollte ihn unbedingt zum Taxi begleiten. Als die beiden am Haupteingang waren, explodierte der Sprengsatz, den Köhler in einem Abfallkorb versteckt hatte. Die junge Frau stand zwischen der Bombe und ihrem Freund. Gabriele Deutsch, 18 Jahre alt, hatte keine Chance; die Metallsplitter trafen sie mit voller Wucht in den Rücken. "Sie hat mir das Leben gerettet", sagt Dimitrios Lagkadinos.

© SZ vom 05.09.2018/huy
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