Oktoberfest-Anstich:Zwischen Normalität und Schizophrenie

Lesezeit: 2 min

Oktoberfest 2015

Tausende Wiesnbesucher feiern im Hacker-Zelt auf dem Oktoberfest.

(Foto: dpa)

Mit zwei Schlägen eröffnet Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter das 182. Oktoberfest. Aber darf man ausgelassen feiern, wenn gut einen Kilometer entfernt Flüchtlinge am Hauptbahnhof ankommen?

Von Thierry Backes

Dieter Reiter hat diesmal nicht viel Zeit gehabt zu proben, eine halbe Stunde vielleicht. Doch mehr scheint der Münchner Oberbürgermeister (SPD) schon im zweiten Jahr seiner Amtszeit nicht zu brauchen, um souverän anzuzapfen: Als BR-Moderator Christoph Deumling die Sekunden herunterzählt, nimmt Reiter den Schlegel in die Hand, haut damit zweimal kräftig auf den Wechsel und sagt das, was im Schottenhamel alle hören wollen: "O'zapft is! Auf eine friedliche Wiesn!"

So weit, so unspektakulär. Doch die Frage, die an diesem ersten Wiesnsamstag über dem Oktoberfest schwebt, ist ausnahmsweise mal nicht die, wie gut sich der OB beim Anstich macht. Es ist die Frage: Darf man das? Darf man ausgelassen feiern, wenn gut einen Kilometer entfernt Menschen am Hauptbahnhof ankommen, die aus ihrer Heimat vor Krieg und Hunger geflohen sind?

Wiesn-Chef Josef Schmid (CSU) hat am Donnerstag schon seine Antwort auf diese Frage gegeben. Er sagte: "Wir blenden natürlich nicht aus, was um uns herum passiert." Es sei aber auch gut und wichtig, dass "das normale Leben weitergeht". München freue sich auf die Wiesn.

Am Samstag steht Schmid mit seiner ersten Spaten-Mass in der Anzapfbox und spricht von einer "sehr entspannten Stimmung" im Zelt. Er erhoffe sich kein Halligalli, sondern eine "ruhige, fröhliche Herbstwiesn". Oben auf der Empore der Festhalle, wo die Politiker traditionell Platz nehmen, um bei Hendl und Bier den Anstich zu feiern, würden sie das wohl alle so unterschreiben. Nur die grüne Fraktionsvorsitzende im Landtag, Margarete Bause, diagnostiziert "eine gewisse Schizophrenie", wenn sie an die Flüchtlinge denkt und die feiernden Massen im Zelt sieht.

Reiter ist "nicht stolz, aber glücklich"

Die Massen, die halten sich am Samstagnachmittag noch zurück mit exzessivem Feiern. Um 13.20 Uhr wird zwar schon die erste Bierleiche eingeliefert, aber auf dem Festgelände ist es ziemlich ruhig. Natürlich, das Wetter spielt mit, das entzerrt die Besucherströme. Die Zelte sind zu, es gibt lange Schlangen vor den Toiletten, der neuen Riesenschaukel "Konga" oder vor dem Ochsensemmeleingang der Ochsenbraterei, aber die Blaskapelle Wielenbach kann gegen 15 Uhr noch problemlos durch die Wirtsbudenstraße marschieren. Nirgendwo herrscht Hektik, beim Roten Kreuz warten sie auf Einsätze.

Auch Dieter Reiter wirkt gelassen, er posiert für Selfie-Jäger, unterschreibt auf Bierkrügen. "Die Stimmung ist mindestens so gut wie im letzten Jahr", sagt er. Und man sieht ihm an, dass ihm diese oktoberfestliche Aufmerksamkeit durchaus gut tut nach all den anstrengenden Tagen am Hauptbahnhof.

Überhaupt sieht man den Oberbürgermeister viel strahlen an diesem Tag. Er sei "nicht stolz, aber glücklich", sagt er nach dem Anstich mit zwei Schlägen - der übrigens erwarten lässt, dass es in den kommenden Jahren ziemlich langweilig in der Anzapfbox werden könnte. "Es ist gut gelaufen und immer angenehmer, zwei Schläge zu begründen als fünf".

Dass Reiter so gut gelaunt auftritt, hat wohl auch damit zu tun, dass er einen Schluss gezogen hat aus den vergangenen Wochen: "Wir haben in München gezeigt, dass wir Empathie für die Flüchtlinge haben. Und wenn während der Wiesn weiter so viele kommen, dann werden wir auch das meistern."

Dass am Samstag kaum Flüchtlinge in München ankommen, erleichtert die Arbeit der Behörden. Doch selbst, wenn sich das in den kommenden Tagen ändern sollte: Irgendwie hat man das Gefühl, dass Dieter Reiter Recht behalten wird. Die Wiesn feiern, das ist schon okay.

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