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Oktoberfest:Warum nicht mal über eine Obergrenze reden?

Denn im Grunde genommen ist die Wiesn mittlerweile nichts als ein enthemmtes Volksbesäufnis geworden, bei dem Männer ungeniert auf halbnackte Brüste starren können und Frauen in chinesischen Minirock-Trachten so tun, als hätte ihr Outfit etwas mit Tradition zu tun. Bei dem 600 Polizisten, 50 Ärzte und noch mal 600 Sanitäter im Einsatz sind, um sich um eine Masse zu kümmern, die sich selbstverschuldet in Alkoholvergiftungszustände getrunken hat, für deren Behandlung am Ende die Stadt und die Krankenkassen aufkommen müssen.

Hinzu kommt, dass Menschen auf diesem Fest anscheinend auf dumme Gedanken kommen, die sie sonst vielleicht nicht gehabt hätten. Oder warum ist jedes Jahr erneut von den sogenannten Wiesn-Grabschern die Rede? Täglich liest man im Polizeibericht von Körperverletzungen, von Sexualstraftaten, Diebstählen und Trunkenheitsfahrten. Nach nur einer Woche ist dieses Jahr ein Mann tot.

Oktoberfest Nirgendwo liegen Knutschen und Kotzen so nah beieinander
Oktoberfest

Nirgendwo liegen Knutschen und Kotzen so nah beieinander

Das Hofbräuzelt auf der Wiesn ist das Epizentrum der Eskalation. Die Party ist ekelhaft und abstoßend, aber auch weltoffen und mitreißend.   Von Benjamin Emonts

Solche Ausschreitungen lassen sich nicht verhindern? Nun gut, ein Vorschlag, um zurückzukehren zu einem Volksfest, das einfach nur schön ist: Wollen wir nicht mal über eine Obergrenze für das Oktoberfest reden? München muss in 16 Tagen sechs Millionen Menschen aufnehmen, die größtenteils nicht nüchtern bleiben. Warum keine Obergrenze für Betrunkene, die München verkraften kann? Ist eh nicht durchsetzbar? Vielleicht, aber wir können ja mal darüber reden.

Gewiss: Zur Wiesn werden wir aus unserem Alltagstrott gerissen, weil alles für 16 Tage ein bisschen anders läuft. Aus der Reihe der Dinge, die uns in letzter Zeit aus dem Takt gebracht haben, ist die Wiesn bei Weitem noch der verträglichste Aufruhr.

Und klar, die allermeisten feiern friedlich und fröhlich. Es gibt die Frauen, die ihre viel zu betrunkene Freundin sicher nach Hause bringen. Ebenso wie es die Männer gibt, die heldenhaft dazwischengehen und sich für einen Abend als Freund einer Frau ausgeben, wenn ein Betrunkener einfach nicht kapieren will, dass sie kein Interesse hat. Aber warum muss das überhaupt sein? Warum müssen wir das überhaupt hervorheben? Das sollten doch die Grundlagen anständigen Verhaltens sein.

Wenn alle sich so verhalten würden, wenn die Wiesn ein richtiges Volksfest wäre, also ein Fest für das Volk, dann gäbe es gar nichts mehr gegen sie einzuwenden. Gut gelaunte Menschen, ein kühles Bier, Lieder, zu denen man hin und her schunkeln kann, Menschen aus der ganzen Welt, die man an einem Ort trifft. Zwischen den Zähnen knacken die gebrannten Mandeln und dann dreht man noch eine Runde auf dem Kettenkarussell, lässt die Beine baumeln, strahlt und fühlt sich für einen Moment, als könnte man fliegen.

Es gibt die schönen Seiten, aber man kann sie kaum erkennen

Kein Exzess. Nur eine leichte, noch kontrollierte Trunkenheit. Preise, die sich auch Senioren leisten können, ohne auf die Plätze auszuweichen, die in diesem Jahr tatsächlich für bedürftige ältere Menschen eingerichtet wurden. Einfach nur ein schönes Fest. Wäre das nicht toll? Für Münchner, für Menschen aus aller Welt und selbst die, die als Anwohner ganz nah dran wohnen?

Natürlich gibt es dieses schöne Fest schon längst. Und tatsächlich auch auf der Wiesn. Aber eben nicht nur. Auf dem Oktoberfest, wie es heute ist, muss man die Augen so fest vor allem Ekelhaften verschließen, dass man auch das Schöne nicht mehr sehen kann.

Es sei denn, man schaut der Wiesn vom Büro aus zu, aus der Ferne. Von oben, aus dem Hochhaus, erscheint sie so richtig schön. Wenn die Sonne untergegangen ist, der Himmel rötlich schimmert und in der anbrechenden Dunkelheit das Festgelände leuchtet. So friedlich tanzen die vielen Lichter durch den Abendhimmel, so schön dreht sich das Riesenrad, irgendwo schwenkt der Arm des XXL-Racers, der das XXL doch gar nicht bräuchte. Das Gekreische ist weit weg. Die Grabscher sind weit weg. Die besinnungslos Besoffenen sind weit weg. Da ist einfach nur ein friedliches Leuchten. So ist die Wiesn schön. So könnte man sie fast liebgewinnen. Wenn nur der Heimweg in die Innenstadt nicht wäre.

Oktoberfest Was machen die Münchner da nur?

Oktoberfest für Anfänger

Was machen die Münchner da nur?

Bayern, bitte wegschauen. Dieser Text richtet sich an Menschen, die das Wort "Wiesn" für einen Plural halten und "Mass" mit langem "a" aussprechen.   Von Camilla Kohrs