Oktoberfest Was Sicherheitsexperten zu den Wiesn-Plänen sagen

Polizisten sind immer präsent auf dem Oktoberfest. Wer die Taschen kontrollieren soll, ist aber noch unklar.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Das Oktoberfest kann man nicht absolut sicher machen, sagt Baustatik-Professor und Risikoforscher Norbert Gebbeken. Maßnahmen wie Taschenkontrollen sollten Besucher aber akzeptieren und einplanen.
  • Für Sicherheitsexperte Volker Zintel klingen die Pläne der Stadt nicht nach Terrorabwehr, sondern als wolle man die Menschenmassen besser lenken.
  • Die Experten sind sich einig: Entscheidend sind die Informationen der Nachrichtendienste, nicht Kontrollen auf der Theresienwiese
Von Elisa Britzelmeier

Für viele klingt es nach dem Ende der Wiesn, wie man sie kennt: Taschenkontrollen, mehr Sicherheitskräfte und ein Zaun, der im Notfall vor den Eingängen aufgespannt werden kann. Vergangene Woche wurden die Pläne für ein neues Sicherheitskonzept auf dem Oktoberfest bekannt, am Dienstag sind sie Thema im Wirtschaftsausschuss des Münchner Stadtrats. Das Ziel: das Oktoberfest sicherer machen. Aber geht das überhaupt?

Norbert Gebbeken, Professor für Baustatik und Sprecher des Risiko-Forschungszentrums der Bundeswehr-Uni in Neubiberg, sagt: Ja und Nein. "Man kann eine Veranstaltung wie das Oktoberfest nicht absolut sicher machen, so traurig das ist", sagt er. "Aber man muss dankbar sein für die Maßnahmen, die man eben doch ergreifen kann." Zum Beispiel: es potenziellen Attentätern durch Kontrollen möglichst schwer machen, Sprengstoff auf das Gelände zu transportieren.

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Seit 2009 gilt ein verschärftes Sicherheitskonzept mit Zufahrtskontrollen und versenkbaren Pollern. "Dass man nun auch den Personenzugang kontrollieren will, ist die logische nächste Stufe", sagt Gebbeken. Die Planer müssen abwägen, welche Einschränkungen nötig sind und auf welche Maßnahmen man verzichten kann. Und im Zweifel wählen sie lieber eine Strategie, mit der sie sich im Nachhinein keine Vorwürfe machen müssen.

Eines gilt als sicher: Die verstärkten Kontrollen bedeuten in erster Linie, dass Besucher mehr Zeit einplanen müssen. Spontan mal ein Stündchen über das Gelände zu schlendern, könnte schwierig werden. "An Stoßzeiten würde es natürlich Behinderungen geben, das muss man dann eben akzeptieren und einkalkulieren", sagt Gebbeken. Oberflächliche Stichpunktkontrollen brächten jedoch relativ wenig.

Was die Kontrollen für Besucher bedeuten

Dem schließt sich auch Volker Zintel an, der jahrelange Sicherheitschef des Frankfurter Flughafens. Für ihn klingen die Pläne der Stadt allerdings nicht so, als ginge es um Terrorismusabwehr. Er hat eher den Eindruck, man wolle die Menschenmassen ausreichend sichern und lenken, vor dem Hintergrund von Katastrophen wie dem Loveparade-Unglück in Duisburg. "Wenn es wirklich um Terrorabwehr ginge, müsste ein Konzept auf den Tisch, in das Feuerwehr und Polizei zwingend eingebunden sind", sagt Zintel. Sie sollten ihre Erfahrungen einbringen können und in ihrer originären Verantwortung stehen. Was bislang über die Pläne der Stadt bekannt ist, klingt für ihn dagegen noch unausgegoren.

Zintel gibt zu bedenken, was umfassende Kontrollen mit langen Schlangen an den Eingängen bedeuteten: dass sich das mögliche Ziel eines Anschlags schlicht verschieben würde - hin zur Schlange am Einlass. Der frühere Polizist erinnert an das Oktoberfestattentat von 1980: Damals war die Rohrbombe nicht etwa in der Mitte des Festgeländes oder in einem Zelt, sondern ganz in der Nähe des Haupteingangs deponiert. 13 Menschen kamen ums Leben, mehr als 200 wurden verletzt.

Schwer vorstellbar ist für ihn auch, wie umfassende Kontrollen aussehen sollen, etwa am Eingang beim U-Bahnhof Theresienwiese. Dort sei schlicht zu wenig Platz, man müsse Rückstau auf den Rolltreppen und am Bahnsteig befürchten. "Eigentlich müsste man dann eine U-Bahn-Station vorher schon dichtmachen."

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Was den Zaun angeht, der im Notfall vor den Eingängen ausgerollt werden soll, geben sich beide Sicherheitsexperten entspannt. "Es gibt sogenannte intelligente Zäune mit Sensorik, die messen können, was passiert", sagt Baustatik-Professor Gebbeken. "Ein solcher Zaun könnte in die eine Richtung ein Hindernis sein, während er in die andere Menschen durchlässt." Dass Menschen auf eine Schließung beunruhigt reagierten und möglichst schnell rauswollten, sei kein allzu wahrscheinliches Szenario.

"Panik entsteht nicht so schnell", sagt auch Zintel. Und mit der Loveparade in Duisburg sei die Lage auf der Wiesn sowieso nicht zu vergleichen: Viele Besucher kennen das Gelände bereits aus vergangenen Jahren, dass sie sich plötzlich unsicher und desorientiert fühlen, erscheint unwahrscheinlich. Außerdem gebe es auf dem Oktoberfest eine bestimmte "Personenzusammensetzung", sprich: auch Familien, und nicht nur Betrunkene. "Alkohol führt zwar zu Aggressionen, aber nicht so schnell zu Angstzuständen und Panik", so Zintel.