Oktoberfest Warum es der Wiesn guttut, dass nicht so viele Besucher kommen

Regen und kühle Temperaturen zu Beginn des diesjährigen Oktoberfests haben nicht für einen Besucheransturm gesorgt.

(Foto: dpa)

Oder ist das nur ein Trugschluss und das Oktoberfest steuert auf einen neuen Besucherrekord zu? Die Wahrnehmungen sind extrem verschieden.

Kolumne von Laura Kaufmann

Es ist, als gäbe es dieses Jahr zwei Wiesn. Die eine ist die, vor der am Anstichtag Leute in Regencapes anstanden, um dann im Schweinsgalopp zum Lieblingszelt zu rennen. Diese Wiesn hatte Startschwierigkeiten mit Kälte und Nässe, was die Menschen zwar in die Zelte trieb, aber nicht in die Fahrgeschäfte. Bis die Sonne kam, Kinder in Karussells ihre Runden drehten und die Zelte Schilder mit "Wegen Überfüllung geschlossen" an die Türen hängten.

Auf der anderen Wiesn hingegen sah es düster aus. Kein Mensch kam. Alle, die sich Geld von dem Fest versprochen hatten, litten. So schlimm sei es noch nie gewesen, sagten Bedienungen dort, und jeder hatte gehört, dass doch erschreckend wenig los sei auf diesem Fest.

Oktoberfest

Fast drei Millionen Gäste und 60 verspeiste Ochsen

Wo sich diese andere Wiesn befindet, ist nicht genau auszumachen. Sie scheint in einem Paralleluniversum zu existieren, womöglich in einer anderen Filterblase; es mag sich ein Wurmloch an einem der Eingänge befinden, das Besucher auf die andere Wiesn saugt. Fans der Serie "Stranger Things" mögen dabei an das "Upside Down" denken, einen unheimlichen Abklatsch dieser Welt in einer parallelen Realität.

Es scheint aber Überschneidungen zu geben zwischen den beiden Wiesn, der düsteren und der normalen. Denn es kommt zu Szenen, in denen einer dem anderen im Gedränge vor dem verschlossenen Eingang eines Zelts erzählt, es sei so leer wie nie auf dem Oktoberfest, alle würden das sagen, auch eine befreundete Bedienung.

Um die Realitäten aneinander anzugleichen, gibt es Erklärungsmöglichkeiten. Vielleicht war die Person letztes Jahr nicht da und ihre befreundete Kellnerin auf der Oiden Wiesn beschäftigt, wo sich an den ersten Werktagen abends problemlos ein Plätzchen finden ließ. Die Oide Wiesn ist von dem anfangs spärlich besuchten Oktoberfest im vergangenen Jahr verschont geblieben, da an ihrer Statt das Zentral-Landwirtschaftsfest stattfand. Hatte man also noch die Rekordjahre davor im Kopf, wirkte die Oide an den ersten Abenden eher wie das Hintertupfinger Volksfest.

Das Oktoberfest ist so lang wie selten

Abgesehen davon dauert das Oktoberfest in diesem Jahr 18 Tage; es herrscht keine Eile, es zu besuchen. 2016 aber, als die ersten Tage ähnlich ungemütlich waren, hätte man, überspitzt gesagt, im Augustinerzelt ein Volleyballnetz aufspannen können, um sich spielend die Zeit zu vertreiben. Das war nicht das Gefühl, das man von der Wiesn kannte. Aber die Menschen überwanden ihre Bedenken, und das Festgelände füllte sich jeden Tag etwas mehr, bis zum Finale wieder alle gemeinsam auf der Bank oder vor verschlossenen Türen standen.

Nein, eine Rekordwiesn wurde das nicht. Aber die wollte auch niemand. Die Rekordwiesn 2011 verzeichnete 6,9 Millionen Besucher. 2012 und 2013 waren es 6,4, im folgenden Jahr 6,3 Millionen Gäste. Wer damals an einem Samstagmittag über die Nahkampfzone Wirtsbudenstraße an den abgeriegelten Biergärten vorbeiging, dem wurde ein wenig anders dabei, wie sich die Masse Schulter an Schulter vorwärts schob. Ohne Reservierung einen Platz im Zelt zu ergattern, war ein Ding der Unmöglichkeit.

Dieses Jahr ist das anders. Es mag nicht aus den schönsten Gründen geschehen, dass manch einer das Oktoberfest meidet. Dem Fest selbst tut es gut. Mit Kindern lässt es sich tagsüber bedenkenlos bummeln, abends ist die Stimmung in den Zelten ausgelassen. Bleibt zu hoffen, dass das Wurmloch nicht weiter unschuldige Besucher ansaugt.

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Wiesn

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