Oktoberfest-Pfarrer:Der Mann, dem die Schausteller alle Türen öffnen

München: OKTOBERFEST - Schaustellr-Gottesdienst im Marstallzelt

Im Marstall-Zelt versammelten sich die Schausteller, Marktkaufleute, Wiesnwirte und Wiesnmitarbeiter zur traditionellen Messe. Mittendrin: Pfarrer Sascha Ellinghaus.

(Foto: Johannes Simon)

Wiesn-Pfarrer Sascha Ellinghaus ist für viele Schausteller fast ein Familienmitglied - und für Messdiener sowas wie "ein lebender Fahrchip".

Von Anne Kostrzewa

Um "ein bisschen mehr Sonne" hatte Sascha Ellinghaus beim Wiesn-Gottesdienst im Marstall-Zelt gebeten. Und geht es nach dem katholischen Pfarrer, wurde sein Wunsch an höchster Stelle erhört: Fast durchgängig wird seitdem bei bestem Spätsommer-Wetter auf der Festwiese gefeiert. Für Oktoberfest-Besucher ist das schön - für Schausteller ist es überlebenswichtig. Denn jeder Regentag nagt am Kontostand und damit an der Psyche. Kaum einer weiß das besser als Sascha Ellinghaus. Ihm öffnen die Schausteller die Türen ihrer Wohnwagen. Ihm schütten sie ihr Herz aus.

Als Leiter der Circus- und Schaustellerseelsorge ist Ellinghaus 170 Tage im Jahr in ganz Deutschland unterwegs, reist von Volksfest zu Volksfest. Er begleitet die Schausteller bei schönen Ereignissen wie Taufen und Hochzeiten, und hilft ihnen durch schwere Zeiten, wenn ein Familienmitglied krank wird oder stirbt. "Viele Familien kenne ich seit Jahren", sagt Ellinghaus. "Wenn sie mich anrufen, bin ich da, egal wann sie sich melden." Sein Handy lässt er immer an, auch nachts. Braucht jemand Hilfe, läuten in der Tasche des Pfarrers Kirchenglocken. "Dann ist es nicht so peinlich, wenn ich es in der Messe nicht lautlos gestellt habe."

Wenn er spricht, faltet Ellinghaus die Hände über dem Bauch. Erzählt er von den Schaustellern, legt sich ein warmes Lächeln auf sein Gesicht. "Manche begrüßen mich wie ein Familienmitglied, sie laden mich in ihren Wohnwagen ein und sagen mir, ihr Zuhause sei auch meins." Für ihn als Sohn einer Kaufmannsfamilie, als Einzelkind, sei das anfangs eine ziemliche Herausforderung gewesen. "Ich war da eher zurückhaltend, weil wer in einen Wohnwagen kommt, der steht mitten im Privaten dieser Familie." Im fahrenden Zuhause gebe es schließlich keine Türen, kein Wohnzimmer. "Im Wohnwagen offenbart mir die Familie, wer sie ist und wie sie lebt." Das sei etwas Besonderes. "Wenn man in der Wohnung Gäste empfängt, lässt man die ja auch nicht alle gleich in sein Schlafzimmer."

Mittlerweile empfindet Ellinghaus es als Ehre, wenn Schausteller oder Zirkusleute ihn herein bitten. Ein "Geschenk" sei es für ihn, herzlich begrüßt und eingeladen zu werden, als gehöre er zur Familie. Zur Familie gezählt zu werden, das bedeutet in seinem Fall auch: Streicheln und Taufen der Tigerbabys und Elefanten, Kosten von Lebkuchenherzen und Mandeln - und Einladungen auf Fahrgeschäfte. Bei Achterbahnen und Co. muss der Seelsorger aber immer häufiger passen. "Mit Mitte Dreißig wollte mein Magen das nicht mehr." Neulich erst habe er eine Bahn einweihen müssen. "Das war schon an der Grenze." Viele Fahrten überlasse er dann lieber den Messdienern, die ihn begleiten. "Für die bin ich ein lebender Fahrchip."

Unterwegs ist Ellinghaus mit einem weißen Transporter, seiner "fahrenden Kirche": Ein Pappkarton mit Hostien stapelt sich darin auf der Reise-Orgel und dem zusammengefalteten Altartisch, neben Kerzen und Liederheften. Seine Gewänder, die mit Clowns und Pferdchen bestickt sind, liegen auf der Rückbank. "Eine Festwiese ist kein Zeltlager", erklärt Ellinghaus diese Ausstattung. "Ich möchte eine sakrale Atmosphäre schaffen, auch wenn der Gottesdienst nicht in einer Kirche stattfinden kann."

Das sei wichtig, sagt Ellinghaus, denn für Schausteller sei der Alltag mit dem Kirchenleben nur schwer vereinbar. "Wochenenden und Feiertage sind die Haupt-Arbeitstage. Wenn andere in die Kirche gehen, müssen Schausteller auf die Festwiese." Als reisender Pfarrer hält Ellinghaus für die Schausteller auch unter der Woche Gottesdienste ab, tauft und firmt die Kinder. Um das alles im Voraus zu organisieren, braucht es viele Telefonate, Mails und, am allerwichtigsten, "Improvisationstalent." Natürlich könne ein Schaustellerkind nicht wie in einer Gemeinde auf die Erstkommunion vorbereitet werden. "Für jedes Sakrament finden wir eigene Lösungen."

Eines Tages wieder in einer normalen Pfarrei tätig zu sein, das kann sich Sascha Ellinghaus nur schwer vorstellen. "Da würde ich vermutlich wie ein D-Zug durchrauschen." Die tägliche Kreativität, das Herumreisen und die bunte Welt der Schausteller, glaubt Ellinghaus, habe ihn "für feste Gemeinden vielleicht verdorben". Offenhalten will er sich die Option indes schon. Letztlich habe das außerdem nicht er selbst in der Hand. Ebenso wenig wie das schöne Wetter auf der Wiesn.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: