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Oktoberfest-Originale:Helden der Wiesn

Der Schichtl "enthauptete" Besucher, der bayerische Herkules konnte mit einem einzigen Finger Felsen heben und der Vogeljakob unterhielt mit "Goaßbuamhüatl" die Massen. Manch eine der traditionellen Attraktionen gibt es noch heute.

Von Franz Freisleder

Originelle Persönlichkeiten, die zu ihrer Zeit allen Wiesn-Besuchern ein Begriff waren, hat es in der nun schon fast 200-jährigen Geschichte des Oktoberfestes viele gegeben. Vom Wirken so mancher dieser Figuren zehrt es heute noch.

Wenn sich zum Beispiel die Münchner am ersten Wiesn-Samstag auf den Weg machen können, um den Einzug der Wirte, der Musiker, der fröhlich von den Wagen winkenden Kellnerinnen und der aufgeputzten Bräurösser zu erleben, so verdanken sie das dem Steyrer Hans. Ihn feierte man Ende des 19. Jahrhunderts als "Bayerischen Herkules", der auch in Berlin, Wien und Paris das Publikum begeisterte.

Zwischen zwei Stühlen stehend, hob er mit dem Mittelfinger einen Stein von 508 Pfund. In seiner Wirtschaft, zuletzt dem "Tegernseer Garten" in Obergiesing, bot er den Gästen gern eine Prise aus seiner 40 Pfund schweren Schnupftabaksdose an oder ließ seinen Sprössling an einem Spazierstock turnen, den er waagrecht mit beiden Armen hinaushielt. Weil er einen riesigen Schnurrbart trug, sagten die Münchner von ihm, er habe "Oachkatzl g'schnupft".

1879 pachtete Steyrer erstmals eine Festbude und zog samt Blaskapelle, Inventar und Bedienungspersonal auf acht geschmückten Wagen in Richtung Theresienwiese. Doch er kam nicht weit. Der Magistrat hatte für diesen Werbegag kein Verständnis und ließ den kleinen Festzug von der Polizei aufhalten.

In einem Gerichtsverfahren verurteilte man den neuen Wiesn-Wirt wegen "Störung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit" zu einer Geldstrafe. Das förderte aber nur seine Popularität.

Und bei einem seiner nächsten - inzwischen genehmigten - Einzüge führte er in München eine spektakuläre Neuheit ein; er hatte sie in Wien kennen gelernt: die silberbeschlagenen Prunkgeschirre der Brauereigespanne, die seitdem vom Oktoberfest nicht mehr wegzudenken sind.

Früher Schauder, heute Gaudi

Auf der Wiesn besitzt ein seit 1872 estehendes "Zaubertheater" dank der einstigen Popularität seines Gründers nach wie vor Zugkraft. Und im bayerischen Sprachschatz zählt dessen Standard-Spruch auch heute - 93 Jahre nach seinem Tod - noch zu den geflügelten Worten: "Auf geht's beim Schichtl!"

Legendär waren die Spassetteln und Grobheiten, mit denen er sein Programm anpries. Damals - weil recht blutrünstig serviert - mit Schauder, heute stark abgemildert und nur noch als Gaudi genossen: die "Enthauptung einer lebenden Person mittels Guillotine".

Ebenfalls mit seinen Sprüchen seit Ende der Zwanzigerjahre bis 1960 "die" Attraktion am Wiesnrand: das Verkaufsgenie Jakob Tresenreiter, alias Vogeljakob, der seine Pfeiferl in eigener Fabrikation herstellte.

Gleich mehrere Nachahmer, darunter auch immer einer auf dem Oktoberfest, sorgen dafür, dass die Traditionsfigur samt Goaßbuamhüatl, Holzhammer (für die Begriffsstutzigen) und altem Trichtergrammophon der Nachwelt erhalten bleibt. Das kommt wohl auch daher, dass sein Name nicht geschützt ist. Laut Gerichtsurteil gilt er nämlich juristisch als "Volksgut".

Albert Einsteins Ferienjob

Lange musste man sich in den Bierbuden mit Petroleumfunzeln begnügen. Auf dem Festplatz gab es zwar seit 1885 ein paar mit Strom gespeiste Bogenlampen; doch erst 1896 bekam Michael Schottenhamel als erster Wiesn-Wirt für seine neue Halle elektrisches Licht, eingerichtet von der Firma J. Einstein aus der Müllerstraße.

Und als "Ferien-Jobber" fleißig mitgeholfen hat dabei ein Gymnasiast - insofern ein Original, als er sich bald als einer der originellsten hellen Köpfe der Welt erweisen sollte: Albert Einstein, der damals 17-jährige Neffe des Firmeninhabers.

© münchen erleben/3-2004
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