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Oktoberfest:Neue Pacht für Wiesnwirte: Um fast 120 Millionen Euro verrechnet?

Marstall-Zelt

Marstall-Zelt Essen, Fleisch, Knödel, Wurst, Hendl, Kartoffelsalat

(Foto: Florian Peljak)
  • Wiesnchef und Zweiter Bürgermeister Josef Schmid (CSU) will eine neue Umsatzpacht für Festzelte einführen.
  • Bislang zahlen die Wirte feste Standgebühren, in Zukunft sollen die Gebühren nach ihrem Gesamtumsatz berechnet werden.
  • Schmid will damit die erhöhten Sicherheitskosten ausgleichen. Die Wirte kritisieren, er rechne mit unrealistischen Zahlen.

Von Franz Kotteder

Die Mehrkosten für die Sicherheit auf dem Oktoberfest möchte Wiesnchef und Zweiter Bürgermeister Josef Schmid (CSU) durch eine neu eingeführte Umsatzpacht in den Festzelten wieder hereinholen. Bislang zahlen die Wirte feste Standgebühren, die regelmäßig angepasst werden. Künftig sollen diese Gebühren vom tatsächlichen Umsatz abhängen, wie es in der normalen Gastronomie nicht unüblich ist und zum Beispiel auch beim Tollwood-Festival praktiziert wird.

Schmid nannte bereits erste Zahlen. Demnach rechnet sein Referat für Arbeit und Wirtschaft, das für die Stadt das Oktoberfest offiziell veranstaltet, mit einem Gesamtumsatz in kleinen und großen Festzelten von rund 240 Millionen Euro. Mit einer Umsatzpacht von "vier bis fünf Prozent", so Schmid, ließen sich die Sicherheitskosten finanzieren.

Aber wie kommt Schmid auf diesen Gesamtumsatz? Die Wiesnwirte lachen nur gequält, wenn man sie darauf anspricht. "Das wäre schön", lautet häufig der erste Kommentar. Wirtesprecher Toni Roiderer vom Hackerzelt spricht von "reinen Fantasiezahlen, die mindestens um die Hälfte zu hoch sind". Schmid beruft sich hingegen auf eine Besucherbefragung aus dem Jahr 2014, bei dem man auf einen Gesamtumsatz von geschätzten 364 Millionen Euro auf der Wiesn gekommen ist; zwei Drittel davon seien nach den Angaben der Besucher auf Ausgaben für Gastronomie entfallen.

Außerdem gebe es da noch eine Bachelor-Arbeit zum Thema "Wirtschaftsfaktor Bierzelt". Dort sei man auf einen durchschnittlichen Verzehr von Speisen und Getränken im Wert von 30 Euro pro Gast im Bierzelt gekommen. Alles zusammengenommen ergebe einen Gesamtumsatz von 240 Millionen Euro an den üblichen 16 Wiesntagen.

Ganz anders sieht die Lage freilich aus, wenn man die offiziellen Zahlen zugrunde legt, die die Stadt jedes Jahr in ihrem Abschlussbericht zum Oktoberfest des Vorjahres nennt. Dort ist zum Teil bis auf den Liter und das Kilogramm genau angegeben, was in den Festzelten getrunken und gegessen wurde. Für das Jahr 2015 - die Zahlen für 2016 liegen noch nicht vor - kommt man zum Beispiel auf genau 7,774 Millionen Liter Bier.

Mit den Zahlen der Stadt kommt man nicht auf Schmids 240 Millionen

Legt man dafür einen durchschnittlichen Preis von 10,60 Euro pro Mass zugrunde, so kommt man auf einen Gesamtumsatz von 82,4 Millionen Euro. Die übrigen Getränke - Wein, Sekt, Champagner, Schnaps, Kaffee bis hin zu Limo und Wasser - machen noch einmal rund 22 Millionen Euro aus. Und das bei einigermaßen großzügiger Rechnung, etwa einem Literpreis für Schnaps von 325 Euro und für Sekt von 155 Euro.

Fehlen noch die Ausgaben fürs Essen. 2015 wurden laut städtischen Angaben genau 503 500 ganze Hendl verzehrt. Das macht bei einem sehr hoch angesetzten Durchschnittspreis von zwölf Euro fürs halbe Hendl, dem Standardgericht auf dem Oktoberfest, etwas mehr als zwölf Millionen Euro aus. Sehr beliebt sind auch Brat- und Schweinswürstl, eine gute Million Stück wird davon auf der Wiesn verkauft, bei einem Durchschnittspreis von drei Euro in den Zelten kommt man damit auf weitere drei Millionen Euro. Weitere Zahlenbeispiele: 79 000 Schweinshaxen zu je 20 Euro bringen noch einmal 1,4 Millionen Euro, die 120 Ochsen in der Ochsenbraterei ergeben eine knappe Million Euro, denn aus jedem Ochsen lassen sich 370 bis 420 Portionen gewinnen.

Mit diesen Gerichten kommt man alles in allem auf noch weitere knapp 18 Millionen Euro Umsatz. Rechnet man 15 480 Enten, 48 Kälber und knapp 52 000 Kilo Fisch und weitere Speisen noch hinzu, erhöht sich der Umsatz vielleicht noch um weitere drei Millionen Euro. Macht insgesamt 125 Millionen Euro Gesamtumsatz in den Zelten. Damit ist man ziemlich nahe an den Zahlen des Wiesnwirtesprechers Toni Roiderer, aber meilenweit entfernt von den 240 Millionen Euro, die Bürgermeister Josef Schmid nennt.

Kann also gut sein, dass die Stadt mit vier bis fünf Prozent Umsatzpacht nicht so weit kommt, wie sie sich das vorstellt. Genau wird man das erst wissen, wenn tatsächlich nachweisbare Umsatzzahlen vorliegen, denn die gibt es derzeit noch nicht.

Die Wirte krisitieren, die Stadt habe mit dem Sicherheitsdienst schlecht verhandelt

Relativ klar lässt sich jedoch schon sagen, was der Stadt die Sicherheit auf dem Oktoberfest kosten wird. Denn im vergangenen Jahr musste die Stadt fast 60 Euro pro Stunde für jeden zusätzlichen Sicherheitsposten zahlen. Bei einer ersten Ausschreibung im Februar hatte sich überhaupt kein Security-Unternehmen gemeldet, der Markt war wegen des großen Personalbedarfs für die Unterbringung Geflüchteter wie leergefegt. Schließlich musste man dann die horrend hohen Preise des Essener Sicherheitsunternehmens Kötter akzeptieren.

Wirtesprecher Roiderer ätzt noch heute, "dass wir Wirte Leute für 20 bis 24 Euro pro Stunde haben", die Stadt einfach zu spät und zu schlecht verhandelt habe und nun die Wirte dafür zahlen lassen wolle. Tatsächlich gibt es auch im Rathaus Unmut darüber, dass Wiesnchef Schmid im vergangenen Jahr dem Unternehmen Kötter auch eine Option für 2017 eingeräumt habe. Schmid verteidigt das aber vehement: "Wir haben für dieses Jahr bereits einen deutlichen Preisnachlass erreicht." Wie hoch der ist, möchte er nicht in der Zeitung lesen.

Einen Vergleich mit den Stundenpauschalen der Wirte lehnt er ab: "Das kann man nicht vergleichen. Die arbeiten seit vielen Jahren mit den hier ansässigen Firmen zusammen und mit Leuten, die hier leben." Damit sei der Markt weitgehend erschöpft und die Stadt müsse mit Ortsfremden zusammenarbeiten, die hier auch eine Unterkunft bräuchten und deshalb mehr Geld verlangten als ansässige Firmen: "Jeder weiß doch, was hier eine Unterkunft zur Wiesnzeit kostet."

© SZ vom 08.03.2017/eca
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