Knapp zwei Wochen ist es her, da hat das Referat für Arbeit und Wirtschaft das diesjährige Wiesnplakat vorgestellt. Seitdem will die Debatte darüber, ob es das Werk eines Künstlers oder doch von künstlicher Intelligenz (KI) ist, nicht abebben. Doch worum geht es Kritikerinnen und Kritikern wirklich? Eine humoristische Antwort darauf haben Photo Director Ena Aichinger, Design Director Franziska Goppold und Journalistin Pauline Krätzig vom Münchner Studio of Creative Danger mit ihrem KI-generierten Plakat gefunden, bewusst spielen die drei Frauen dabei mit Klischees. Spricht man mit der 42-jährigen Aichinger über die Botschaft dahinter, dann wird jedoch schnell klar: Es geht in der Debatte um weit mehr als nur den Einsatz von KI.
SZ: Frau Aichinger, die wichtigste Frage zuerst: Wie lange haben sie drei gebraucht, um mit der KI das Wiesnplakat zu erstellen?
Ena Aichinger: Ich glaube unter zehn Minuten, das ging wirklich schnell. Pauline (Krätzig, Anm. d. Red.) hat alles geprompted, aber am Ende hat die Maschine alles gemacht.

Und jetzt im Ernst: Wann haben Sie von dem Wettbewerb und der KI-Diskussion erfahren, die um das Siegerplakat entstanden ist?
Wir drei haben ehrlicherweise erst so richtig etwas von dem Wettbewerb mitbekommen, als das Plakat präsentiert wurde.
Was war Ihr erster Gedanke?
Oh, krass, hat jetzt ein KI-Plakat gewonnen? Von den Regularien wussten wir da noch gar nichts. Erst danach haben wir gesehen, dass es schon eine Kontroverse zu dem Thema gibt.
Uns ging es darum, einen Denkanstoß zu liefern und in den Austausch mit der Stadt zu gehen.Ena Aichinger
Als Reaktion darauf haben Sie dann selbst ein KI-generiertes Plakat entworfen. Warum?
Uns hat die ganze Thematik wie viele andere Kreative aufgewühlt und wir wollten das nicht so stehen lassen. Unser erster Impuls war: Wir machen ein offensichtlich KI-generiertes Poster, also so richtig over the top. Wir mussten Grok von Elon Musk verwenden, weil das der einzige Generator war, der uns entsprechende Motive ausgespielt hat. Das Ergebnis ist offensichtlich Satire, uns ging es darum, einen Denkanstoß zu liefern und in den Austausch mit der Stadt zu gehen.
Zu dem Plakat haben Sie auf Instagram ein paar Gedanken geschrieben. Los geht es damit, dass sie den „drei männlichen Gewinnern“ gratulieren.
Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Ich bin kein großer Fan von einer Frauenquote, aber es passt schon irgendwie in die heutige Zeit, dass keine Frau unter den Gewinnern war: Viele Unternehmen machen in Sachen Diversity gerade eine Kehrtwende. Unabhängig vom Geschlecht finden wir: Die drei Gewinner bilden nicht die Bandbreite der Münchner Kreativbranche ab.
„Wer in der Kreativbranche arbeitet und kein(e) KI-Programm(e) nutzt, darf jetzt den ersten Stein werfen“, schreiben Sie weiter.
Entscheidend ist, ob man KI als Hilfsmittel verwendet oder ein komplettes Bild damit erstellt. Es geht aber noch um etwas anderes: Die Verzweiflung, aber auch das Frustrationslevel in der Kreativbranche sind ziemlich hoch. Durch den Einsatz von KI fallen gerade viele Jobs weg. Dann ist da ein Wettbewerb, für den man neben Geld vor allem Sichtbarkeit und Wertschätzung bekommt. Und anstatt dass die Stadt das nutzen würde, um die lokale Design- und Kreativ-Community zu präsentieren und zu fördern, entsteht einmal mehr das Gefühl, egal zu sein.
Klingt so, als würde es gerade nicht so viel Spaß machen, als kreativer Mensch in München zu leben.
Man merkt deutlich, dass wir Kreativen zunehmend selbst dafür sorgen müssen, dass die Stadt lebenswert und kreativ bleibt. Ein bisschen fühlt sich der Wettbewerb an wie eine weitere vertane Chance zu sagen: „Hey, München ist auch ein Kreativstandort.“ Dabei wollen doch selbst die Leute, die bei Meta, Google oder der Stadt arbeiten, abends mal ein bisschen Kunst und Kultur.
Was bedeutet das alles für den Wettbewerb?
Die Diskussion rund um den Wettbewerb ist ja im Grunde eine Stellvertreterdebatte für das, was die Kreativbranche generell umtreibt. Das Gewinnerplakat wurde dabei zum Tropfen, der das Fass der Frustration zum Überlaufen gebracht hat. Die Stadt sollte deshalb mal überlegen, wer in dieser Fachjury sitzt und ob sie die Zusammensetzung nicht überdenkt. Außerdem sollte sie sich fragen, wo sie hinwill mit diesem Plakat. Das Oktoberfest braucht kein kommerzielles Marketing, das kennt jeder. Der gesamte Wettbewerb könnte also einen anderen Zweck erfüllen. Und wenn wir schon von Plakaten reden noch ein Appell an unseren aktuellen Oberbürgermeister (Anm. d. Red.: Dieter Reiter wirbt auf einem Wahlplakat mit „München. Reiter. Passt“): Nichts passt, die Kreativszene leidet.
Das klingt weniger nach Resignation als vielmehr nach Rebellion.
Absolut: München hatte mal eine Avantgarde. Wir als Studio of Creative Danger wollen wieder mehr von diesen progressiven, wilden Ideen. Humor ist das beste Mittel gegen Verzweiflung und Frustration.
Aktuell gibt es Ihr Plakat nur auf Instagram. Haben Sie damit noch etwas vor?
Vielleicht lassen wir Sticker mit dem Motiv drucken und verteilen sie zur Wiesnzeit. Was auch immer dann damit passiert: Wir sind nicht die Urheber, Elon Musk ist schuld.

