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Oktoberfest in München:Die Wiesn - sinnlos, unvernünftig, wunderbar

Schaustellerstraße, Schausteller Oktoberfest, Wiesn

Barry Cornish (Mitte mit hellgrünem Shirt) versucht sich auf dem Teufelsrad zu halten.

(Foto: Florian Peljak)

Hier sind die üblichen Regeln außer Kraft gesetzt: Unvernunft und Verschwendung herrschen. Wohl nirgendwo lässt sich das besser beobachten als an Orten wie Höllenblitz, Teufelsrad oder vor dem Café Mohrenkopf.

Es ist Mittwochnachmittag kurz nach drei, als der Elektriker Barry Cornish seinem Ziel ganz nahe kommt. Aus der südenglischen Hafenstadt Portsmouth ist er mit zwei Freunden angereist, um drei Tage lang "the Oktoberfest" zu feiern. Ein kleiner Mann mit rundem Bauch und vor Begeisterung weit aufgerissenen Augen. So steht er neben seinen Kumpels auf der Empore von Feldl's Teufelsrad und klatscht feste in die Hände - drei grauhaarige Herren in kindlicher Verzückung.

Barry spricht keinen Satz Deutsch, aber als der Moderator die Runde für alle Männer über 45 ankündigt, versteht der Brite sofort, dass seine Stunde geschlagen hat. Mit einem Hechtsprung stürzt er sich als einer der Ersten in die Arena und erwischt einen Platz fast in der Mitte der Drehscheibe. Sein Freund ist auch dabei, der Dritte aus der Männerreisegruppe bleibt lieber am Rand stehen. "I'm not silly", sagt er. Und nach zwei Runden siegt auch schon die Zentrifugalkraft und schleudert Barry Cornish in die Bande. "Dabei hatte ich heute erst ein Bier!", sagt er lachend. Egal, die nächste Chance kommt bald. Aber vorher gibt es erst einmal eine Extrarunde für die Firma Microstep: Ein Dutzend Investmentbanker hat heute die Businessanzüge gegen Tracht getauscht, statt Risiko- und Portfoliomanagement steht Nervenkitzel auf dem Karussell auf dem Programm.

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Ein homoerotisches NDW-Liebeslied bringt es auf dem Oktoberfest zum Bierzelt-Hit. Ein anderer Klassiker besteht nur aus acht Worten. Und was passiert eigentlich, wenn man in München wirklich Rosis Nummer wählt?

Jenseits der Bierzelte ist das Oktoberfest ein riesiger Spielplatz, auf dem auch Erwachsene noch einmal sein dürfen wie die Kinder. Wenn man mitten auf der Schaustellerstraße für einen Moment die Augen schließt, merkt man erst, wie viele Eindrücke gleichzeitig auf einen einprasseln: Das Rauschen des Wasserfalls vom "Höllenblitz", die Sprüche des Berggeists aus den Lautsprechern, das Johlen der Besucher im Olympia Looping, das Krachen von Hau den Lukas, der Duft gebrannter Mandeln und Hendl.

Wie im Skyfall für Sekunden die Schwerkraft ihre Wirkung verliert, so sind auf der Wiesn für zwei Wochen die üblichen Regeln außer Kraft gesetzt. Alles, was hier passiert, ist sinnlos und unvernünftig und gerade deshalb so wunderbar. Soziologen sprechen von der "Außeralltäglichkeit" des Erlebnisses auf Volksfesten. Eine Gegenwelt, in der die Unvernunft und die Verschwendung herrschen, wo der Rausch und das Unzivilisierte ihren Ort haben. Vor der Gegenwart der Sensation verblassten die Sorgen, die sich aus der Angst vor der Zukunft ergeben oder aus der Schuld, die man in der Vergangenheit möglicherweise auf sich geladen hat, erklärt der Freizeitexperte und Volksfestforscher Sacha Szabo.

Statt sich von der S-Bahn auf schnellstem Weg zur Arbeit bringen zu lassen, lässt man sich durch die Olympia Loopings schleudern, um am Ende adrenalingetränkt auszusteigen: Nicht ankommen ist das Ziel, sondern der Rausch der Fahrt. "Der Rausch hebt für einen kurzen Moment die Regeln auf, die unser soziales Miteinander bestimmen", sagt Szabo. Ein weiteres Beispiel ist der Autoscooter, der die Verkehrsregeln ins Gegenteil verkehrt: Nicht die Verkehrssicherheit sondern der Unfall ist das Ziel.

Michaela von Schultz steht an diesem Tag völlig nüchtern vor der "Wilden Maus". Sie ist mit ihrer Mutter gekommen und auf einer Reise in die Kindheit. Vor 30 Jahren sei sie das letzte Mal auf der Wiesn gewesen, sagt sie, "damals war ich neun". Zusammen mit ihrer 71 Jahre alten Mutter ist sie gerade eine Runde "Wilde Maus" gefahren. "Früher gab es diesen Superjet", schwärmt Dagmar von Schultz. "Da hat es einen rumgehauen, ich musste meine Brille festhalten!" Die beiden meiden die Bierzelte, die sind ihnen zu groß und zu voll. Zuhause auf der Regensburger Dult ist alles ein Nummer kleiner und familiärer.

Schaustellerstraße, Schausteller Oktoberfest, Wiesn

Elektriker Barry Cornish aus England kämpft auf Feldl's Teufelsrad gegen die Fliehkraft.

(Foto: Florian Peljak)

Auf der Oiden Wiesn haben sich Mutter und Tochter zusammen noch einmal das Marionettentheater angesehen. "Ein Münchner im Himmel" - immer wieder toll, finden sie. Aber jetzt will die Mutter wissen: "Wo steht denn der Flohzirkus? Da sollen Flöhe winzige Kutschen ziehen. Und als Belohnung dürfen sie dann ein bisschen Blut beim Zirkusdirektor saugen." So hat sie es auf jeden Fall gehört und das will sie unbedingt mit eigenen Augen sehen.

Der Jahrmarkt hat prominente Fans und trotzdem einen schlechten Ruf als billiges Vergnügen für die Massen im Gegensatz zur angeblich wertvolleren Hochkultur. "Wo Jahrmarkt ist, ist pures Leben", schwärmte Pythagoras mehr als 500 Jahre vor Christi Geburt. Und Papst Johannes XXIII. war der Meinung: "Es ist kein Blumenbeet zu schade dafür, dass man nicht darauf ein Karussell für Kinder bauen könnte."

Linke Theoretiker kritisieren dagegen, dass der Rummel nur dazu dient, die herrschenden Verhältnisse zu stabilisieren. Schließlich wurde auch das Oktoberfest einst ins Leben gerufen, um eine Einheit von Souverän und seinem Volk herzustellen. Das Bemühen des Deutschen Schaustellerverbands um die "Anerkennung der gelebten Volksfestkultur in Deutschland als immaterielles Kulturerbe" durch die Unesco ist indes bislang nicht von Erfolg gekrönt.

Eine Gruppe schwarzer Amerikaner steht vor dem Café Mohrenkopf. Fesche junge Kerle, allesamt in Lederhosen. Zusammen mit ihren asiatischstämmigen Freunden ziehen sie sich eine Runde Schnupftabak in die Nasen. "Das ist ja härter als Koks", findet einer.

Schaustellerstraße, Schausteller Oktoberfest, Wiesn

Friedhofsgärtnerin Elisabeth Schewe bei der Traditionspflege im Autoscooter.

(Foto: Florian Peljak)

Wenn es stimmt, dass Volksfeste eine identitätsstiftende Funktion haben für die Gemeinschaft in einem Dorf oder einer Stadt, dann ist das Oktoberfest wohl inzwischen zum identitätsstiftenden Volksfest im globalen Dorf geworden. Nicht nur die sozialen Grenzen zwischen einfachem Volk und Eliten sind aufgehoben, Elektriker und Investmentbanker sind nicht zu unterscheiden, es gilt das globale Du. Wenn alle die oberbayerische Gebirgstracht tragen, verschwimmen auch die Grenzen zwischen den Stämmen und Nationen. Und auch die des sozial erlaubten und des guten Geschmacks: Nirgendwo anders würde ein Café Mohrenkopf heute wohl noch toleriert.

Was sie hier mache, sei Traditionspflege, sagt Elisabeth Schefe mit Überzeugung in der Stimme. Gerade ist die 65-Jährige einem Boxauto entstiegen, in dem sie erfolgreich Jagd auf ihre Mitarbeiterin gemacht hat. Einmal im Jahr macht sich die Friedhofsgärtnerei eine Gaudi. Das sei seit 25 Jahren so, sagt die Chefin des Familienbetriebs in Freimann: "Wir sind Bayern!"

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir den Engländer Barry Cornish im Teufelsrad fälschlicherweise gegen die Schwerkraft ankämpfen lassen. Es muss natürlich Fliehkraft oder Zentrifugalkraft heißen.

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