Als im 19. Jahrhundert die Fotografie erfunden wurde, waren die Menschen fasziniert: Die detailreiche Darstellung, aber auch das Verfahren an sich, bei dem kein Maler zum Pinsel greifen musste, sondern die Natur sich quasi „selber gemalt“ habe, löste Begeisterung aus, erzählt Kathrin Schönegg, Leiterin der Fotografiesammlung im Münchner Stadtmuseum.
Durch reisende Fotografen kamen die Menschen auf Jahrmärkten oder in Cafés mit der neuen Technik bereits kurz nach ihrem Entstehen in Berührung. Auch auf dem Oktoberfest wurden bereits 1841 die ersten Fotos gemacht. Die Ergebnisse konnten die Münchner allerdings erst zwei Wochen später auf der Auer Dult bestaunen. Was da genau zu sehen war, ob die Besucher die Bilder kaufen konnten – das weiß man heute nicht mehr. Denn die frühen Fotos sind nicht erhalten, nur einige Berichte über sie. „Es liest sich eher so, als wären die Fotos auf der Dult ausgestellt worden“, sagt Mascha Erbelding von der Schaustellerei-Sammlung im Stadtmuseum. Doch schon bald sollten Fotos zum beliebten Wiesn-Souvenir werden.
In der eher kleinen, aber sehr inhaltsreichen Ausstellung „Jedes Bild ein Treffer“, die derzeit im Museumszelt auf der Oidn Wiesn zu sehen ist, zeichnen Schönegg und Erbelding nach, wie Entwicklungen in der Fotografie sich in der populären Nutzung auf dem Oktoberfest niederschlugen. Bereits in den 1860er-Jahren entstanden demnach in Fotobuden die ersten Porträts. Bereits nach wenigen Minuten konnten die Menschen ihre Bilder mit nach Hause nehmen.

Möglich machte dies das neue Verfahren der „Amerikanischen Schnellphotografie“, der Ferrotypie. Dabei wurde auf Blechscheiben mit nur wenigen Minuten Entwicklungszeit ein Positivbild erzeugt. „Das war günstig herzustellen, schnell zu machen und günstig zu verkaufen“, sagt Schönegg. 1896 hielt der erst kurz zuvor erfundene Bosco-Automat auf der Wiesn Einzug, der aussah wie eine kleine Litfaßsäule. Mit diesem konnten die Menschen mittels Selbstauslöser ihre eigenen Fotos schießen.

Beliebt waren auch die sogenannten Fotogranaten oder auch Wunderkanonen, denen wohl sowohl ihre längliche Form als auch das Verfahren den Namen gaben. Denn mit diesen Apparaten konnten auf hintereinander gestapelten runden Platten zügig Miniatur-Porträtfotos geschossen werden.

Während die Porträtfotografie mit Aufkommen fester Fotostudios und der Verbreitung von Kompaktkameras nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung verlor, hat sich die Scherzfotografie bis heute erhalten. Im 19. Jahrhundert ließen sich die Volksfest-Besucherinnen und -Besucher hinter gemalten Wänden beispielsweise als König Ludwig II. abbilden. Als besonders lustig wurden offenbar auch Nachttopf-Motive empfunden, wie Erbelding erzählt. Allzu anzüglich erschien den Behörden 1958 eine Adam-und-Eva-Fotowand, sie wurde kurzerhand konfisziert.

Dass es auch im 20. Jahrhundert noch regelrechte Fans der Scherzfotografie gibt, lässt sich in der Ausstellung auf einem Monitor sehen, auf dem das Stadtmuseum von Münchnerinnen und Münchnern eingesendete Scherzfotos zeigt: Hier sticht ein Paar hervor, das sich wieder und wieder auf der Wiesn hat fotografieren lassen. Auch zu sehen: Fotograf Stefan Moses und sein Sohn schlüpften 1964 auf der Wiesn in die Rolle von Boxkämpfern.

Die Vielzahl der Fotobuden auf der Wiesn – zur Hochzeit 1926 waren es sieben – ist spätestens mit dem Aufkommen des Smartphones obsolet geworden. Es gibt noch einen Scherzfotografen und den Hoffotografen. Nicht mehr vorhanden sind hingegen Buden, in denen man sein Foto nicht nur metaphorisch, sondern tatsächlich schießen konnte.

In diesem Setting lösten die Volksfestschützen an der Schießbude den Auslöser einer Kamera aus, indem sie in den Mittelpunkt einer Zielscheibe trafen. Ein irres Szenario, bei dem die Schützen „gleichzeitig Subjekt und Objekt“, „gleichzeitig Fotograf und Fotografierter“ waren, wie Schönegg sagt.

In der Ausstellung sind auf einem Bildschirm zahlreiche dieser Sofortbild-Aufnahmen zu sehen, bei denen sich oft zahlreiche Zuschauer im Hintergrund drängen. Die Verbindung von Fotografie und Volksfest – anschaulicher könnte sie kaum sein.

