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Oktoberfest:So wird der Abschied vom Wiesn-Wahnsinn gefeiert

Oktoberfest 2015 - Kehraus

Im Hofbräuzelt ist der Abschied von der Wiesn mit "Angels" besonders stimmungsvoll. Auch die Bedienungen steigen dann auf die Bänke.

(Foto: Felix Hörhager/dpa)

16 Tage durcharbeiten - und plötzlich Schluss? Wirte und Schausteller haben für den letzten Wiesn-Abend ihre ganz eigenen Rituale. Eine Auswahl.

Scheiden tut weh, das weiß ein jeder aus dem Kindergarten. Auch wenn es in dem Kinderlied um den Winter geht: Bei der Wiesn ist das nicht anders. "Merkwürdigerweise können es unsere Leute gegen Ende zu gar nicht erwarten, dass Schluss ist", sagt Gerhard Müller-Rischart vom Café Kaiserschmarrn und grinst ein bisschen, "aber wenn es dann soweit ist, sind doch alle wieder traurig, dass es vorbei ist." Klar, dann wird noch ein bisschen im kleinen Kreis gefeiert, und manchmal singt man sogar selbstgedichtete Gstanzl über die abgelaufene Wiesn im Kaffeezelt.

Schlussrituale müssen sein, sie machen den Abschied leichter. Manche Leute streiten noch einmal grundlos, wenn es ans Trennen geht, weil dann der Abschied leichter fällt und plötzlich einen Sinn bekommt. Andere zelebrieren den "kleinen Tod", wie der französische Schriftsteller Alphonse Allais den Abschied einmal nannte, mit großem Pomp. In den Bierzelten werden mit dem Schankschluss Sternwerfer, große Wunderkerzen, an alle verteilt, die Lichter gehen aus, und die Kapelle spielt das traditionelle Abschiedslied.

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Im Hofbräuzelt ertönt schon seit einigen Jahren "Angels" von Robbie Williams. Dazu geht das Licht aus und tausende Wunderkerzen illuminieren das Zelt. Auch im Hacker-Zelt geht es traditionell stimmungsvoll zu. Wenn die Gästeschar sich zum Chor vereint und "Sierra Madre" singt. Ähnlich romantisch ist "Weus'd a Herz hast wia a Bergwerk" von Rainhard Fendrich im Schützenzelt. Was im Löwenbräu-Zelt abgeht, ist noch offen. Wirtin Stephanie Spendler sucht das Abschiedslied kurzfristig aus. In jedem Zelt herrscht eine ganz eigene Stimmung. Und überall kann man dann auch mit den Bedienungen anstoßen, bevor sie am nächsten Tag in Scharen die Therme Erding bevölkern.

Den Anfang vom Ende macht das Böllerschießen vor der Bavaria am letzten Tag um zwölf Uhr Mittag. Damit verabschieden sich die bayerischen Sportschützen, die im Schützenzelt alljährlich ihr Landesschießen austragen, von der Wiesn. Als Nächstes ist dann die Festleitung im Behördenhof an der Reihe. Dort darf im Besprechungsraum um 16 Uhr der Wiesn-Chef und Zweite Bürgermeister Josef Schmid ein Fass Bier für seine Mitarbeiter anzapfen - antizyklisch, sozusagen: ausgerechnet zum Schluss! Seit zwei Jahren hat Schmid auch sein persönliches Abschiedsritual: "Da gehe ich im Schottenhamel-Festzelt auf die Bühne und wünsche den Gästen alles Gute für die Zeit bis zur nächsten Wiesn."

Aber auch die kleinen Zelte und die Schausteller haben vereinzelt ihre Schlussrituale. "Wir machen in unserem Weißbiergarten am Familienplatzl um halbzwölf eine Flasche Prosecco auf", erzählt Edmund Radlinger, Vorsitzender der Münchner Schausteller und Marktkaufleute, "dann gibt es für jeden Mitarbeiter ein Glas, und wir stoßen auf die abgelaufene Wiesn an." Ein Schaumgetränk in Form von Sekt gibt es auch am Mandelstand der Familie Fischer zwischen der Bräurosl und dem Ammerzelt. "Wir stoßen am ersten Tag um zwölf Uhr auf die Wiesn an und grüßen damit auch unsere verstorbenen Vorgänger im Himmel", erzählt Ernst Fischer und lacht, "unsere Familie hat den Stand seit mehr als 30 Jahren. Und wenn alles aus ist, machen wir das noch einmal so!"

Mit derlei Ritualen hat es sich dann aber schon bei den meisten Standlleuten und den Fahrgeschäften. Bei vielen Karussells, Autoscooter, Achterbahnen und anderen technischen Apparaturen bleibt es bei einer letzten, verlängerten Ehrenrunde fürs eigene Personal, danach beginnt schon der Abbau. Denn Zeit ist schließlich Geld, von zwei Uhr nachts an dürfen die ersten Laster das Festgelände schon verlassen, und viele sind dann schon unterwegs zum nächsten Volksfest.

Memmingen steht als nächstes an, oder Bremen. Letzteres ist zum Beispiel das Ziel für den Fünferlooping, der danach noch weiter nach England fährt, wo man offenbar auch noch bei Spätherbsttemperaturen durch die Lüfte geschleudert werden will. Da bleibt natürlich keine Zeit für ausschweifende Abschiedsszenen.

Leichter tut sich da Feldls Teufelsrad, denn das wird nur auf der Wiesn aufgestellt. Chefin Elisabeth Polaczy lässt zum Abschluss ganz viele Luftballons steigen: Dann kommt der Ballon eben mal nicht von oben, wie sonst im Zelt. Drinnen legen die Rekommandeure dann das vor zehn Jahren extra komponierte "Teufelsrad-Lied" auf, eine Rock'n'Roll-Nummer mit dem sinnigen Text: "Kommt's zu uns ins Teufelsrad, alle Buam und alle Madl, Teufelsrad, ja des is gwiss, weil des a echte Gaudi ist."

Beim "Skyfall", dem Fahrgeschäft mit dem freien Fall aus fast 80 Metern Höhe, beginnt der Abschied schon früh am Tag. Da kommen nämlich die Köche und Bedienungen vom Käferzelt in voller Montur vorbei, bringen etwas zu essen mit und dürfen dafür kostenlos abstürzen. Zum eigentlichen Ende in der Nacht wird dann "Time to say goodbye" aufgelegt, wie bei vielen anderen Fahrgeschäften auch.

Und auch das große Riesenrad arbeitet mit einer doppelt so langen Ehrenrunde zum Schluss und Wunderkerzen für die Mitarbeiter. Das sieht zwar sehr hübsch aus in der letzten Wiesnnacht, weckt aber auch zwiespältige Gefühle, nicht nur beim Riesenrad-Juniorchef Sebastian Willenborg: "Oft ist das schon auch ein bisschen traurig." Wie jeder Abschied eben.

Gute Wiesn-Gschichten bleiben gut. Dieser Text wurde zuerst am 30.09.2016 veröffentlicht.

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