Das Oktoberfest ist nicht nur ein Besuchermagnet. Es übt auch offenbar eine starke Anziehungskraft auf Sanitäter und Ärzte aus. In Zeiten des Fachkräftemangels habe die Wiesn-Klinik etwa hundert Bewerbungen ablehnen müssen, sagt Philip Kampmann, die Arbeit hier sei sehr beliebt. Kampmann, eigentlich Hausarzt im Umland von München, ist für die Zeit des Oktoberfests Chefarzt des Sanitätsdienstes auf der Theresienwiese. An diesem Dienstag hat er zusammen mit Wiesn-Chef Clemens Baumgärtner und Betriebsleiter Michel Belcijan bei einer Pressekonferenz seine Wiesn-Klinik vorgestellt.
In der temporären Ambulanz ist 15 Tage lang Action: Wunden nähen, kleben, tackern. Gefahren einschätzen, Menschen auf der Liege durch die Menge transportieren. „Als Sanitäter hat man hier die Garantie, dass man was zu tun hat. Sonst muss man in dem Beruf auch oft warten“, sagt Kampmann. Hier stecke außerdem „viel Herzblut“ drin, so der Arzt. „Das spricht sich rum. Wir haben hier Sanitäter aus dem höchsten Norden Deutschlands, aber auch aus Südtirol und Österreich.“
Insgesamt 530 Menschen, darunter 55 Ärzte, werden hier in den kommenden Wochen arbeiten. Betrieb ist rund um die Uhr, auch vormittags, wenn es eher darum geht, für die Mitarbeiter des Oktoberfests eine Art hausärztliche Sprechstunde anzubieten. Auch nachts, während das Oktoberfest offiziell pausiert. Da komme es auch mal vor, dass der Rettungswagen offensichtlich „herumliegende“ Wiesn-Besucher außerhalb der Theresienwiese direkt zu ihnen zur Versorgung bringe, anstatt sie in ein Krankenhaus zu fahren, erzählt Kampmann.
Früher sei im Sanitätszelt alles darauf ausgerichtet gewesen, die Menschen schnell in die Krankenhäuser der Stadt zu verlegen, erzählt Kampmann. Von diesem Konzept sei man längst abgekommen. Mittlerweile gehe es darum, den Notaufnahmen zur Wiesn-Zeit den Rücken freizuhalten, sie möglichst nicht zusätzlich zu belasten. In einer Schicht im Hochbetrieb arbeiten hier elf Ärzte gleichzeitig, stets mit leitendem Notarzt. Und so ist die Ambulanz zu Füßen der Bavaria immer mehr zu einer soliden Notaufnahme herangewachsen, dieses Jahr führt sie bereits zum fünften Mal die Aicher Ambulanz.
Das sieht man auch an den Zahlen: Von den 8157 Patienten, die im vergangenen Jahr auf dem Festgelände versorgt wurden, mussten Kampmann zufolge nur drei Prozent in ein tatsächliches Krankenhaus transportiert werden. Der Rest konnte an Ort und Stelle behandelt werden. Einige auch zur Not etwas länger, mit quasi stationärem Aufenthalt zum Ausnüchtern über Nacht. Bis sie sich zum Beispiel wieder erinnern konnten, in welches Hotel sie eigentlich müssten, erzählt Kampmann.
In weniger als 15 Sekunden können die Wiesn-Ärzte eine Hirnblutung feststellen
Neben Alkoholvergiftungen und Platzwunden haben sie hier besonders den Kopf im Blick. Denn darauf könne ein Besucher schon mal gefallen sein oder etwas Schweres darauf bekommen haben, erklärt der Chefarzt. Dann müsse festgestellt werden, ob eine Hirnblutung entstanden ist. Bei einer solchen schweben die Menschen in akuter Lebensgefahr, ohne es zu ahnen. Auch diese kann die Wiesn-Klinik im dritten Jahr in Serie vor Ort diagnostizieren: ein mobiler CT, also ein Computertomograf, steht einige Meter weiter vom Sanitätszelt in einem Container.




Ursprünglich als Idee während der letzten Züge der Coronavirus-Pandemie entstanden, um die Kliniken zu entlasten, habe man den CT mittlerweile fest bei sich integriert. Hier kann das CT-Team, für die Zeit der Wiesn vom LMU-Klinikum in Großhadern entliehen, in weniger als 15 Sekunden feststellen, ob der Patient ernsthaft gefährdet ist, etwa durch eine Hirnblutung oder auch durch einen Knochenbruch des Schädels.
Das Oktoberfest sei im Übrigen das einzige Volksfest mit einem CT, sagt Kampmann. Und es bewährt sich: 85 Prozent der CT-Patienten des vergangenen Jahrs konnten nach der Diagnostik wieder entlassen werden, das heißt, der Verdacht einer schweren Verletzung wurde ausgeräumt. So konnten einerseits die CT-Kapazitäten der Münchner Krankenhäuser unangetastet bleiben und andererseits tatsächlich gefährliche Verletzungen im Vorfeld festgestellt werden – um anschließend direkt in eine Klinik gebracht zu werden.
Für die besorgten Angehörigen, die sich, manchmal ebenso angetrunken, am Infopoint des Sanitätszelts nach dem Patienten erkundigen wollen, gibt es dieses Jahr übrigens eine Neuerung: Auf der Homepage find-my-buddy.com können sie sich direkt über den Behandlungsstatus informieren – in sechs gängigen Sprachen. Davon verspricht sich das Team, das während des Oktoberfests die Kliniken der Stadt entlastet, auch selbst mal etwas Entlastung.


