Oktoberfest:"Mit Umtata haben wir gerechnet, aber nicht mit Britney Spears"

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Überrascht von den Speisen, aber am Ende ziemlich nüchtern: Shara Tibken. (Foto: N/A)

Unsere Autorin ist US-Amerikanerin und das erste Mal auf der Wiesn. Welchen Eindruck sie und ihre Freunde haben? Als würde man durch ein merkwürdiges Musical aus den Sechzigern schweben.

Von Shara Tibken

To dirndl or not do dirndl. Das ist die Frage, die ich mir vor meinem ersten Wiesnbesuch stelle. Normalerweise lebe ich in San Francisco, gerade bin ich für zwei Monate in München. So gut wie jeder in den USA hat schon einmal vom Oktoberfest gehört. Aber obwohl das Oktoberfest so bekannt ist, gibt es vieles, was wir Amerikaner nicht wissen. Dass das Oktoberfest Wiesn heißt und dass es im September stattfindet. Oder dass es Fahrgeschäfte gibt und Familien hingehen, nicht nur betrunkene Erstsemesterstudenten. All das werde ich herausfinden, ich werde sogar Tipps vom bayerischen Finanzminister bekommen, aber erst einmal muss ich mir darüber klar werden, was ich anziehe.

Schon im August, als ich nach Bayern komme, sehe ich überall Leute in Dirndl und Lederhosen. Ich will eigentlich kein Geld ausgeben für ein Kleid, das ich kaum mehr als einmal tragen werde. Ein billiges kommt aber auch nicht in Frage. Das Problem ist ja, dass "Dirndl" in den USA meistens Halloween-Verkleidungen sind und um einiges schlüpfriger aussehen als das, was echte Bayern tragen. Man kauft sie im Kostümverkauf oder bei Amazon.

Nach eineinhalb Wochen fester Entschlossenheit gebe ich nach. Zufällig komme ich an einem Trachtenladen vorbei - und kann es erst mal nicht glauben, als ich die Preise sehe. Fast nichts unter hundert Euro, manche kosten sogar tausende. Hochzeitskleider-Preise! Schließlich entdecke ich die Ecke mit den Angeboten. Perfekt.

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Wenn Amerikaner an Deutschland denken, haben sie normalerweise Bayern vor Augen. Also Dirndl, Lederhosen, herzhafte Mahlzeiten aus Schweinshaxen und Knödel, Brezen und riesige Biere. Für viele ist das Oktoberfest der einzige Grund, nach München zu kommen (damit liegen sie ganz eindeutig falsch!). Typischerweise fährt man während des Studiums einmal hin. Viele planen so eine Reise jahrelang, und die, die schon da waren, erzählen, wie absolut verrückt ihr Oktoberfesterlebnis war. Und natürlich würde dabei niemals jemand von der "Wiesn" reden.

Es ist mein erstes und womöglich mein letztes Oktoberfest, ich will also alles richtig machen. Ich frage so gut wie jeden, den ich treffe, nach Ratschlägen. Sei vor acht Uhr morgens da, um einen Platz zu kriegen, sagen die einen. Ohne Reservierung geht gar nichts, sagen die anderen. Man kann reservieren auf dem Oktoberfest? Nie gehört. In den USA denken die meisten, man läuft einfach in so ein Zelt und bestellt Bier, fertig. Öfter höre ich, am zweiten Wochenende sollte ich lieber nicht gehen, das sei das "Italienerwochenende" und es werde richtig voll. Das erste Wochenende sei aber auch voll. Mir wird empfohlen, auf dem Heimweg noch Toboggan zu fahren, oder mit dem Riesenrad. Beides macht mir Angst.

Markus Söder rät mir, es ruhig angehen zu lassen mit dem Bier. Ich treffe ihn bei einem Pressetermin in der Brauerei von Hofbräu. Ich sollte zweimal auf die Wiesn gehen, findet der Finanzminister. "Das erste Mal am besten ins Bierzelt, und dann zu den vielen anderen guten Orten, auf die Oide Wiesn, zu den Achterbahnen."

Ich bin also gut vorbereitet. Und trotzdem: Nichts kann mich darauf vorbereiten, wie das Oktoberfest wirklich ist. Ich habe Glück und werde zu einer Reservierung im Schottenhamel eingeladen. Aber allein, um den Tisch zu finden, brauche ich eine Viertelstunde. Jeder Ordner schickt mich woanders hin. Am Ende schaffe ich es nur, weil meine Freunde mir entgegen schreien. Mir ist heiß, ich habe Durst, ich bin überwältigt. Nie im Leben werde ich auf einer Bierbank stehen und mitsingen, denke ich. Ein paar Stunden später schmettere ich Backstreet-Boys-Melodien und ein deutsches Lied, das die Kapelle immer wieder spielt. Ich habe keine Ahnung vom Text, aber das hält weder mich noch andere davon ab, mitzusingen. Dazu schwenken wir riesige Krüge.

"Es ist, als würde man in einem merkwürdigen Musical aus den Sechzigern durch eine Traumszene schweben", sagt ein Freund. Wir sind alle überrascht von der Musik. Mit Umtata haben wir gerechnet, aber nicht mit Britney Spears. Wir haben auch nicht ganz so viele Menschen in Dirndl und Lederhosen erwartet, und nicht so viele Fahrgeschäfte. Die Zelte haben wir uns als wirkliche Zelte vorgestellt, nicht also diese wuchtigen Gebilde. Irgendwann sehen wir einen kleinen Jungen im Schottenhamel, meine Freunde sind schockiert. Familien und Oktoberfest, das passt in unseren Köpfen nicht zusammen.

Kurz vor Zeltschluss - wir haben auch immer gedacht, das Oktoberfest geht die ganze Nacht - sind wir mit der Dessertkarte durch. Mit unserer Reservierung bekamen wir so viele Essensgutscheine (zwei halbe Hendl pro Person, aus welchem Grund auch immer), dass wir sie irgendwie loswerden wollen. Also stopfen wir Apfelstrudel, Bayerisch Creme und Kaiserschmarrn in uns hinein.

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Dann beeilen wir uns, rauszukommen, wir wollen ja noch Toboggan fahren. Aber als wir ankommen, stehen schon Dutzende in der Schlange. Am Ende hüpfen wir in die U-Bahn statt aufs Fließband. Merkwürdigerweise fühlen wir uns relativ nüchtern. Bis auf einen Freund, der nach Garmisch-Partenkirchen will. Dort kommt er nie an. Stattdessen landet er in Murnau auf einer Party bei jemandem, den er im Zug getroffen hat.

Als ich eine Weile in New York lebte, ging ich öfter zu einer der vielen Oktoberfest-Kopien. Dort servierte man deutsche Spezialitäten wie Piroggen. Allen war egal, dass Piroggen nicht wirklich ein deutsches Gericht sind. Und sie schmeckten! Oktoberfest ist eines dieser Feste, die wir Amerikaner uns zu eigen gemacht haben, wie St. Patrick's Day, Cinco de Mayo oder so ziemlich alle anderen Gelegenheiten zum Trinken. Eines der besten Oktoberfeste der USA, in Cincinnati, Ohio, wirbt damit, dass Leute dort ihre Dackel als Hot Dogs verkleiden.

Um das Original kennenzulernen, halte ich mich an Söders Ratschlag und gehe am Montag noch einmal hin. Kein Vergleich zum Wochenende. Wir kommen in jedes Zelt, bei dem wir es versuchen. Nach einem Hendl, Bier und Gesang auf der Bierbank will ich heim - und verirre mich wieder. Ich laufe im Kreis, bis ich es irgendwann zur U 5 schaffe. Vielleicht muss ich noch ein drittes Mal auf die Wiesn, um zu wissen, wo es langgeht.

Shara Tibken ist Reporterin bei der IT-Nachrichtenseite CNET in San Francisco. Als Stipendiatin des Arthur F. Burns Fellowship arbeitet sie zwei Monate für die Süddeutsche Zeitung in München.

© SZ vom 22.09.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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