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Wiesn und Kultur:Der Wiesn-Italiener ist genauso Zerrbild wie der Wiesn-Münchner

Die Wiesn entfaltet dabei eine integrative Kraft. Sie ist eine Tradition, die seit 185 Jahren besteht und über die Jahre nichts von ihrer Anziehung verloren hat, weil sie - ähnlich wie früher die Samstagabendshows im Fernsehen - ein alle verbindendes Gemeinschaftserlebnis schafft.

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Die Wiesn ist aber nicht nur Touristenattraktion, Bayern-Abziehbild und Konsensgenerator, der die Menge vor dem wärmenden Lagerfeuer versammelt. Sie ist auch eine Klischeefabrik. Der Wiesn-Italiener ist dabei genauso ein Zerrbild des Italieners an sich wie der Wiesn-Münchner ein Zerrbild des Bayern und des Deutschen an sich ist.

Die Uniformierung der Wiesnbesucher verstärkt die Klischees. Eine handgefertigte Hirschlederne zu tragen, das ist auch dann okay, wenn man nur ein Zuagroaster ist. Man ist Teil der Wiesn-Familie, sagt dieser Aufzug. Mit der Kleidung betont man hier nicht die eigene Individualität, sondern fügt sich ein in das Kollektiv. Es gibt eine Lust am Klischee und hinter dieser Lust steckt mehr, als dass man Klischees braucht, um sich in einer zunehmend komplizierter werdenden Welt zurechtzufinden. Es ist der Wunsch, den ewigen Zwang, besonders sein zu wollen, hinter sich zu lassen, Es ist derselbe Grund, warum Menschen nach Mallorca fahren, obwohl sie keine Sauftour planen, sondern einfach entspannt Urlaub machen wollen und sich nicht von der Masse abheben wollen müssen.

Dort, wo moderne Großstadtmenschen ansonsten - beim Essen, Einkaufen oder eben im Urlaub - stets bemüht sind, nicht gewöhnlich zu wirken, herrscht auf der Wiesn nicht einmal Ironiezwang. Anders als ein 90er-Jahre Batik-Shirt oder Buffalo-Schuhe lassen sich Dirndl und Lederhose ohne Zwinkersmiley tragen.

Cultural Appropriation, also kulturelle Aneignung, nennen es Soziologen, wenn die herrschende Gruppe in einer Gesellschaft die kulturellen Symbole einer Minderheit zu kapitalistisch verwertbaren Accessoires verkommen lässt. Also etwa, wenn westliche Frauen Indianerblusen tragen oder weiße Männer sich Rastazöpfe flechten lassen.

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Kultursensible Wiesn-Italiener

Man könnte auch in Bezug auf die bayerische Tracht auf der Wiesn von einer kulturellen Aneignung sprechen. Schließlich ist das Geschäft mit Dirndln und Lederhosen vollständig durchkommerzialisiert. Vom 60-Euro-Komplettpaket im Discounter bis zum Luxusdirndl vom Designer - die "Saupreißn" können aus einer riesigen Produktpalette wählen, ohne auch nur einen Hauch vom Hintergrund dieser Tradition zu erfahren. Dabei immerhin sind die Wiesn-Italiener kultursensibler. Sie tragen kaum Dirndl und Lederhosen. Beliebter sind Gruppenkostüme, um zu dokumentieren, dass sie Teil eines Junggesellenabschieds sind.

Das Befremden über die Wiesn kommt oft von Menschen, die noch nie dort waren. Die es von vornherein als größte Drogenparty der Welt, Touristennepp oder bayerische Folklore-Veranstaltung abtun.

Das greift viel zu kurz. Die bayerische Kultur war schon immer sehr vielschichtig. Neben dem Bayern, für das die CSU stand, gab es in den Achtzigerjahren etwa die Kabaretttruppe Biermösl Blosn, die gegen den Bau neuer Autobahnen und die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf protestierte. Es gab vor allem auf dem Land eine Lust am Widerspruch gegen die Obrigkeiten, den die CSU allerdings stets gut integrieren konnte. Möglicherweise ändert sich das gerade. Es könnte sein, dass der CSU die Deutungsmacht über das, was außerhalb als Bayern und als bayerisch wahrgenommen wird, abhandenkommt.

Mittlerweile versteht man im Rest der Republik, dass Bayerischsein auch bedeuten kann, Ökobauer auf dem Land zu sein und grün zu wählen. Einen Janker oder ein Dirndl tragen, kann man dabei trotzdem. Das Bayern-Bild, das auf der Wiesn geprägt wird, ist anschlussfähig in mehrere Richtungen. Wenn das so weitergeht, könnte die Tracht bald befreit sein von der Last, ein bestimmtes Lebensmodell zu symbolisieren. Die Wiesn wäre dann eine Großveranstaltung wie viele andere auch und die amerikanischen Touristen, sie werden sich weiter begeistern für all die Menschen, die diese Stadt in der Stadt in so kurzer Zeit aufgebaut haben.

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