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Wiesn und Kultur:Gleichmacherin und Klischeefabrik

Oktoberfest: Wiesn-Besucherinnen im Hofbräuzelt

Wiesnbesucher im Hofbräuzelt: Mit traditioneller Tracht hat das wenig zu tun - aber irgendwann ist's egal.

(Foto: dpa)

Zusammen mit dem Bier bekommen die Gäste auf der Wiesn das Bild eines weltoffenen Deutschlands serviert. Doch das Image des Oktoberfestes und damit einhergehend das Bild von Bayern ist im Ausland meist positiver als im restlichen Deutschland.

Einer der besten Sätze dieser Wiesn, das steht schon jetzt fest, stammt von einer Amerikanerin. Die Amerikanerin, selbstverständlich hat sie sich für diesen Tag ein Dirndl gekauft, läuft an einem der ersten Wiesntage mit einer Freundin über die Matthias-Pschorr-Straße in Richtung Bavaria. Ihr Blick wandert über die herausgeputzten Standl, die in der Sonne glänzenden Fahrgeschäfte. Auch den riesigen, sich drehenden Masskrug auf dem Winzerer Fähndl kann sie schon sehen. "The Germans got the best engineers, 'cause they can build a whole city for just two weeks", sagt die Amerikanerin.

Sie hält, gute Nachricht, große Stücke auf die deutsche Ingenieurskunst, deren Ruf ja infolge des Skandals um die Schummel-Software bei Dieselautos etwas gelitten hat. Und sie sieht die Wiesn als eigene Stadt an, als eigenen Kosmos. Das trifft es ganz gut.

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Es ist eine Stadt, in der sich Touristen aus den USA, Italien, Japan, Australien, Brasilien mit Einheimischen aus Hadern oder Höhenkirchen-Siegertsbrunn mischen. In der zwei Wochen lang der Exzess zelebriert wird. In der sich Menschen erst zuprosten, dann gemeinsam schunkeln und sich irgendwann vielleicht in den Armen liegen und auch der, der anfangs fremdelte und nur halbgar mitwippte, irgendwann mitgerissen wird. Eine Stadt, in der eigene Gesetze gelten - und eigene Preise sowieso.

Über die Bierpreise auf der Wiesn zu granteln, ist ein spezielles Hobby der Münchner. Vergangene Woche lieferte die Großbank Unicredit Zahlenmaterial dafür, und zwar einen sogenannten Wiesn Visitor Price Index, kurz WVPI. Darin fließen die Kosten für zwei Mass Bier, ein halbes Hendl und eine Nahverkehrsfahrkarte ein. Die Volkswirte der Bank haben errechnet, dass der WVPI dieses Jahr um 3,3 Prozent gestiegen ist. Sie haben auch errechnet, dass sich der Bierpreis auf der Wiesn seit 1985 um 260 Prozent erhöht hat, die allgemeine Inflation seitdem jedoch nur 76 Prozent betrug.

Die Meldung stand auch in der italienischen Version des Wirtschaftsmagazins Business Insider. Dort war sie mit einem Bild des früheren FC-Bayern-Trainers Carlo Ancelotti versehen, das ihn beim Wiesnbesuch 2017 zeigte, grimmig dreinblickend. Ancelotti, der Weintrinker und Tortellini-Esser, ist nie richtig warm geworden mit der Wiesn. Das unterscheidet ihn von etlichen seiner Landsleute. Die Italiener sind eine der größten Gruppen unter den ausländischen Gästen auf dem Oktoberfest. Die Italiener kommen mit dem Flugzeug, mit Campingwagen oder mit Bussen, im Extremfall zwölf Stunden Nachtfahrt hin, zwölf Stunden Wiesn, zwölf Stunden Nachtfahrt zurück. Wer eine solche Tortur ohne bleibende Schäden übersteht, für den ist es vermutlich zweitrangig, ob der Bierpreis nun um 2,6 oder um 3,3 Prozent gestiegen ist. Und bis zu 11,50 Euro sind auch nicht viel, wenn man Bierpreise aus Rom und anderen italienischen Großstädten gewöhnt ist.

Die Italiener auf der Wiesn kaufen sich ein sehr spezielles Stück Deutschland. Sie geben bereitwillig viel Geld aus, um für ein paar Stunden Teil dieses Deutschlands zu sein. Sie trinken Bier aus viel zu großen Gläsern, zur Not auch schon morgens um zehn. Sie setzen sich alberne Hüte oder Perücken auf - und sie kommen mit diesen Deutschen ins Gespräch.

Die Wiesn fungiert dabei als große Gleichmacherin. Egal ob Maurer oder Manager, jung oder alt, schwarz oder weiß: Zehn Leute haben an einem Biertisch Platz. So sitzen oft Menschen beieinander, die sich im normalen Leben nie begegnet wären und verstehen sich irgendwie, immer in der Schwebe gehalten von andauerndem Zuprosten und oft wiederholten Trinksprüchen. Mit ein wenig gutem Willen könnte man sagen, die Wiesn ist ein bisschen wie die Veranstaltung "Deutschland spricht", zu der jetzt der Bundespräsident eingeladen hat, um Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenzubringen und den Respekt vor Andersdenkenden zu fördern. Nur, dass die Sprache auf der Wiesn eben manchmal etwas verwaschen ist.

Promis auf dem Oktoberfest

"Ich sehe Bombe aus im Dirndl"

"Die Welt zu Gast bei Freunden", der alte Slogan des, wie man mittlerweile weiß, korruptionsbelasteten Fußball-WM-Sommermärchens von 2006, könnte als Motto auch über der Wiesn stehen. Denn die Stimmung in den zwei Wiesnwochen ist ähnlich wie damals in den vier Fußballwochen. Die ausländischen Gäste bekommen zusammen mit dem Bier das Bild eines weltoffenen Deutschlands serviert. Seht her, die Deutschen sind gar nicht so verkniffen. Sie sind entspannt, können genießen und ausgelassen feiern und müssen nicht, wie sonst so oft, die notorischen Besserwisser geben.

Im Ausland ist das Bayern-Bild eher positiv, im restlichen Deutschland eher negativ

Jedes Bild, das von der Theresienwiese in die ganze Welt gesendet wird, dokumentiert diese Weltoffenheit. Zwar sind diese Bilder nur ein winziger Ausschnitt dessen, was Deutschland ausmacht. Doch dieser Ausschnitt bestimmt einen überproportional großen Teil des Deutschland-Bildes im Ausland, weil diejenigen, die diese Weltoffenheit in den Zelten erlebt haben, es zu Hause weitersagen.

Die Wiesn und all die Menschen, die dort traditionelle Trachten tragen, prägen auch einen Gutteil des Bildes, das Menschen von außerhalb sich von Bayern machen. Hier zeigt sich ein Widerspruch: Denn im Ausland ist das Bayern-Bild eher positiv. Es steht für Tradition, Wärme, Gemütlichkeit. Von diesem positiven Bayern-Bild schließen die ausländischen Gäste auf ganz Deutschland, ihr Eindruck von diesem Land ist gewissermaßen bavarisiert.

In den anderen deutschen Bundesländern jedoch ist das Bayern-Bild eher negativ. Für ein paar Tage wirft sich der nord- oder westdeutsche Tourist auf der Wiesn gerne in landestypische Verkleidung, aber sonst will er mit den Bayern lieber nicht so viel zu tun haben. Es sind Vorurteile, die sich aus Kultur, Politik und auch vom Fußball her speisen. Die Bayern, so das Klischee, sind derb, hinterwäldlerisch, arg konservativ, rechthaberisch und immer einen Tick zu selbstgerecht. Man ärgert sich über bayerische Politiker, die einige Male zu oft betonen, dass ihr Freistaat das beste Abitur und die niedrigste Arbeitslosenquote habe und überhaupt in eigentlich sämtlichen Belangen besser sei als die anderen. Lange konnte die seit mehr als 60 Jahren regierende CSU dieses Gewinnergefühl erfolgreich für sich beanspruchen. Sie war die "Partei, die das schöne Bayern erfunden hat", wie der Journalist Herbert Riehl-Heyse einst schrieb. Bayerischsein und CSU, das gehörte irgendwie zusammen.