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Oktoberfest in Denver:Was Amerikaner unter einer Brezn verstehen

Steve Young, 30, nippt an einem Stein, der amerikanischen Version eines Masskruges. 32 Unzen passen hinein, 945 Milliliter. Man könnte auch schreiben: Füllt man ihn richtig, hat man mehr Bier als bei einer durchschnittlichen Wiesnmass. So ein Stein kostet 25 Dollar, hinzu kommen zwölf Dollar pro Betankung. Wer auf einen Stein verzichtet, muss sein Bier aus dem Becher trinken (halbe Größe, halber Preis).

Young trägt eine echte Lederhose aus München zum Tommy-Hilfiger-Hemd, 299 Euro hat er bezahlt, als er vor zwei Jahren auf der Wiesn war, Socken, Haferlschuhe inklusive. Er steht jetzt oben auf der Bühne, die nächste Runde im "Steinhoisting" beginnt, dem Masskrugstemmen. Die Herausforderung: zwei volle Krüge so lange wie möglich mit ausgestreckten Armen auf Schulterhöhe halten. Young lehnt sich weit nach hinten, was nicht erlaubt ist, winkelt die Arme an, was nicht erlaubt ist, aber wer wird denn hier so streng sein?

Oktoberfest in Denver

Wer hält länger durch? Zwei Besucher messen sich im "Steinhoisting", dem Masskrugstemmen.

(Foto: Thierry Backes)

Er setzt die Krüge als Letzter nach 4:20 Minuten ab, das ist weit entfernt von den 10:49 Minuten, die jemand gleich nach ihm stemmt. "Die hätte ich auch locker geschafft", sagt Young, als er wieder unten ist. "Beim Finale nächste Woche bin ich richtig vorbereitet."

Pause beim Steinhoisting. Aus den Boxen dröhnt DJ Ötzi, "Gemma Bier trinken". Schnell weiter, an dem Riesenpimmel vorbei, der die Spitze eines Junggesellinnenabschieds markiert. Vorbei an dem Typen, der seinen leeren Stein an den Gürtel geheftet hat und an den Jungs mit den "original German hats" aus Plastik, die sich gerade im Irish Pub ein neues Bier geholt haben.

Durch eine Marihuana-Wolke hindurch, die in Denver Alltag ist, zum "Keg-Bowling", noch so eine amerikanische Oktoberfest-Erfindung. Man schnalle einen "keg", ein metallenes Bierfass, auf einen Wagen und kegele damit eine Pyramide von neun weiteren Fässern um. Hat etwas von Donkey Kong. Und wenn wir schon bei den Tieren sind: Am kommenden Freitag starten bis zu 60 Dackel beim zwölften "Long Dog Derby", um den schnellsten "Wiener" in sechs Rennkategorien zu ermitteln.

Vor dem Stand der Styria Bakery hat sich eine beachtliche Schlange gebildet, die längste auf dem Festgelände. Das bringt uns zu der Frage: Wie schmecken eigentlich die Brezn auf dem Denver Oktoberfest? Amerikaner lieben diese Dinger, die sie Pretzel nennen. Sie kommen meist in Öl gebadet, frisch aus der Mikrowelle und werden ab und an mit einer Art Nachokäse serviert, meist mit scharfem, körnigem Senf. Schmeckt in etwa so wie es klingt.

Doch hier liegen tatsächlich Brezn für 6 Dollar aus, die schon optisch was hermachen. "Das Geschäft brummt", sagt Norman Lurschield, 49, wickelt eine weitere Pretzel in weiß-blaues Papier und händigt sie aus. Er sagt übrigens wirklich "brummt", Lurschield stammt aus dem Rheintal, ist 1999 in die USA gezogen. Nun arbeitet er für einen Unternehmer aus der Steiermark. "Unsere Pretzel", sagt er, "ist immer noch sehr fluffig, aber viel besser als das Zeug, das man hier sonst so bekommt." Das macht zwar noch lange keine knusprige Wiesn-Brezn aus, aber wer wird denn da so streng sein?

© SZ.de/mmo/sks

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