Jeder Trubel wirkt an diesem Samstag auf dem Hof in Emmering ganz weit weg. Auf der weitläufigen Wiese grasen Pferde, kaum ein Geräusch durchbricht die Ruhe. Es ist kurz nach zwölf, als Franz Göttler auf die Uhr schaut. „Um die Zeit ist nächste Woche Anstich“, sagt der 63-Jährige. Er sitzt auf einer Bank in der Sonne, die Arme entspannt auf der Bank hinter sich abgestützt. Aber die Aufregung wird kommen, das weiß er schon. In wenigen Tagen wird er mit seinen Pferden bei einer der größten Veranstaltungen der Welt im Einsatz sein, unzählige Kameras sind dann auf sein Gespann gerichtet.
Seit 41 Jahren ist Göttler als Kutscher bei den Festumzügen zur Wiesn dabei; er hat schon viele Personen gefahren, die Rang und Namen haben. Darunter war unter anderen auch Arnold Schwarzenegger. Am Samstag sitzen die Festwirtsfamilien Able und Strobl in seiner Kutsche, auf dem dazugehörigen Marstall-Wagen fährt Thomas Gottschalk mit. Am Sonntag steigt Ministerpräsident Markus Söder bei Göttler ein.
Göttler lächelt und winkt ab: „Mich interessieren die Promis Null.“ Sie sind nicht der Grund, warum er die Kutschfahrten liebt. Es ist vielmehr die Leidenschaft für Pferde. Seine Familie hält die Tiere seit 1970, damals war Göttler acht Jahre alt. Lange saß er selbst im Sattel, ging als Springreiter auf Turniere. Die Arbeit als Karosseriebauer machte das zeitintensive Hobby irgendwann jedoch unmöglich.
Ein Leben ohne die Tiere konnte er sich nicht vorstellen. Irgendwann, sagt Göttler, gehören sie einfach zur Familie. Als junger Mann stieg er daher vom Sattel auf den Kutschbock um, an den Wochenenden ließen sich Hochzeiten und Festumzüge leichter nebenberuflich unterbringen als intensiver Reitsport.

Auf die Wiesn-Umzüge durfte Göttler erstmals 1984 – nur durch Zufall, wie er sagt: Ein anderer Kutscher sei spontan ausgefallen, „sonst kommt man da nicht rein“. Wenig später kutschierte er die ersten prominenten Gäste, zunächst Ministerpräsident Max Streibl, dann die Münchner Oberbürgermeister Christian Ude und Dieter Reiter. Schließlich fragte der Festring an, ob er auch Markus Söder fahren könne. Die blauen Türen an einer seiner Kutschen würden so gut zum bayerischen Ministerpräsidenten passen.
Göttler sieht das pragmatisch. Man verbringe zwar ein paar Stunden miteinander und ratsche auch mal. Die Gespräche beschränken sich laut Göttler aber auf Small Talk, über Politik werde in der Kutsche nicht debattiert. „Er kennt uns mittlerweile auch schon.“ Beim Einsteigen grüße Söder ihn daher recht vertraut. „Dann sage ich auch: Servus, grias di.“
Als Kutscher spürt Göttler eigenen Worten zufolge hautnah den Trubel, der den Ministerpräsidenten umgibt. Söder habe eigene Fotografen dabei, unzählige Kameras seien auf ihn gerichtet. Die Kutsche werde vorab gründlich durchsucht, erzählt er. Während der Fahrt laufen mehrere Polizisten und Leibwächter nebenher. „Alles muss perfekt sein“, sagt Göttler. Festzüge sind für Kutscher nicht immer gemütlich. Erschrickt ein Pferd, etwa durch laute Geräusche, kann es gefährlich werden. Vor und hinter Göttlers Gespann sind Fanfarenzüge und Trachtengruppen unterwegs. Ein durchgehendes Tier könnte schlimme Auswirkungen haben.

Eine Woche vor dem Anstich war der Kutscher noch einmal mit seinen Pferden unterwegs, um zu üben. Es sei wichtig, sie regelmäßig an den Lärm zu gewöhnen, so Göttler, er fährt daher mit ihnen auch an Straßen entlang. Läuft alles nach Plan, sollen die vier Schimmel Gomez, Lou, Carli und Berni den Ministerpräsidenten ziehen. „Man muss seine Pferde kennen“, sagt Göttler. Manche reagieren etwa auf kleinste Stimmkommandos, andere weniger, manche erschrecken leichter als andere. „Ich würde nie ein Pferd mitnehmen, bei dem man sich fragen muss, ob alles gut geht.“ Die größte Herausforderung sei, die Tiere ruhig zu halten.
Das gelinge nur durch eine jahrelange Vertrautheit mit den Pferden: „Man macht es nicht fürs Geschäft.“ Göttler ärgert sich daher, wenn Festzüge pauschal als Tierquälerei bezeichnet werden. Auf seinem Hof kann man sich davon überzeugen, dass er seine Pferde gut versorgt; sie haben mehrere Hektar Weidefläche zur Verfügung.
Auch das Prozedere am ersten Wiesn-Wochenende kennen die Tiere schon. Um drei Uhr morgens steht der Kutscher auf und füttert sie. Bereits am Vorabend werden sie gewaschen, ihre Mähnen geflochten. So kann es am Samstag um sechs Uhr Richtung Innenstadt losgehen.

Dass Göttler dann aufgeregt sein wird, weiß er schon vorher. Eine gewisse Anspannung sei wichtig, wie er sagt. „Wenn einem alles wurscht wäre, müsste man daheim bleiben.“ Sobald er unterwegs ist, kann der Kutscher die Fahrt dann trotzdem genießen, erzählt er. Ein Festzug sei immer etwas Besonderes, „und die Wiesn ist der schönste Umzug im ganzen Jahr“. Dennoch: „Am Sonntagabend bin ich dann wirklich platt.“ Wenn alles vorbei ist, falle viel von ihm ab. Kürzlich habe seine Frau ihn gefragt, ob er nicht langsam aufhören wolle. Der 63-Jährige lächelt verschmitzt. Freilich sei es stressig, „aber man will es nicht anders“.
Nach der Wiesn bleibt Göttler wieder mehr Zeit für seine Kutschensammlung, die über die Jahre stetig gewachsen ist. Er weiß gar nicht mehr so genau, wie viele er hat – um die 20 müssen es sein, schätzt er. Ein Teil davon steht an seinem Hof, ein weiterer in großen Garagen an seinem Wohnhaus in Emmering. Unter den Modellen sind auch echte Raritäten, zum Beispiel eine Original-Postkutsche von 1900 oder ein Reise-Omnibus aus den Niederlanden von 1970. „Aber jetzt ist Schluss“, sagt Göttler lachend.

In den vergangenen knapp 25 Jahren arbeitete Franz Göttler für das Fürstenfeldbrucker Landratsamt; Beruf und Kutschen-Leidenschaft waren nicht immer leicht zu verbinden. Seit einem Jahr ist er in Altersteilzeit und hat mehr Freiraum, auch für private Ausfahrten mit der Familie. Oft gehe es dann in einen Wald. Dort könne er abschalten, erzählt er. Das sei wie Spazierenfahren – ganz ohne Trubel.


