Oktoberfest Der Mythos Kotzhügel verblasst

Dieser Anblick ist auf der Wiese hinter der Wiesn seltener geworden - dem Sicherheitszaun sei Dank?

(Foto: dpa)

Der Bereich hinter den Wiesnzelten ist berüchtigt, weil hier einst die Betrunkenen noch schlimmer abstürzten. Doch in den vergangenen Jahren hat sich das geändert. Was ist passiert?

Von Benjamin Emonts

Menschen lehnen an Bäumen und würgen. Männer begrapschen Frauen, die ihren Rausch ausschlafen wollen. Und Scharen Schaulustiger fotografieren das Elend. Es sind Eindrücke, die vom westlichen Rand des Oktoberfests stammen - und die dafür gesorgt haben, dass der kleine Hang hinter den Festzelten den Spitznamen "Kotzhügel" hat. Doch dem aufmerksamen Beobachter fällt auf: Die Magnetwirkung scheint nachgelassen zu haben. Verliert der Münchner Kotzhügel seinen Status? Verblasst der Mythos gerade?

Auf dem Areal, das zeigt sich bei mehreren Besuchen, ist kaum noch was los. Der Eindruck entsteht schon am ersten Wiesnsamstag, erfahrungsgemäß einer der turbulenteren Tage. Normalerweise lagen bereits am späten Nachmittag unzählige Alkoholleichen hier auf der Wiese und schliefen. Aber dieses Jahr? Gegen 15 Uhr kauert nur ein einziger Mensch auf dem Hügel, ein anderer Mann fasst sich an den Bauch und erbricht. Ansonsten wirkt die Szenerie fast schon harmonisch. Auf dem Gras blühen vereinzelte Blümchen, ein Pärchen schmust, eine Gruppe junger Mädchen macht Selfies. Ähnliche Bilder ergeben sich abends unter der Woche, wenn in den Zelten längst die meisten im Delirium sind. Eine recht nüchtern wirkende Frau im Dirndl telefoniert: "Das Meeting lief gut", sagt sie. Der einstige Friedhof der Fertigen ein Ort für Geschäftsgespräche?

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Was ist passiert? Die Verunsicherung begann mit dem Zaun rund um die Wiesn im Jahr 2016. Eine Legende besagt, dass einst viele Betrunkene den Fluchtweg auf die Theresienhöhe nahmen und dann an der Steigung scheiterten. Mit dem Zaun setzte sich dann wohl irgendwann in den Köpfen fest: Der Weg über den Hügel ist ohnehin versperrt. Oder liegt es am Wetter? War es schlicht zu kalt für eine Ruhepause am Panorama-Hang? An plötzlicher Nüchternheit jedenfalls kann es nicht liegen: Der Alkoholkonsum ist stabil.

Die Münchner Polizei gibt vor, eine Erklärung zu haben: Man habe sich um die Entwicklung bemüht. "Wir können das bestätigen. Hier ist nicht mehr viel los", sagt Michael Riehlein, der Sprecher der Wiesnwache. Seit diesem Jahr wird der Hügel nachts beleuchtet, die Zahl der Videokameras wurde erhöht. "Wir haben permanent ein Auge auf den Hügel. Mit Zoom-Funktionen können wir jedes Detail erkennen."

Wenn die Polizisten vom "Kotzhügel" sprechen, sagen sie "Westhügel" und meinen den von der Theresienwiese aus betrachtet rechten Teil. In den Büschen dort und unter den Bäumen war es in den vergangenen Jahren vermehrt zu Straftaten, insbesondere zu sexuellen Übergriffen, gekommen. Stark alkoholisierte Menschen, die auf Hilfe angewiesen waren, wurden teilweise übersehen. Der Zaun schreckt manche offenbar ab und lässt andere, die rund um die Wiesn früher auf Gelegenheiten warteten, gar nicht nah genug rankommen. Die Zahl der Straftaten und der Hilflosen sei dort deutlich gesunken, sagt Riehlein.

Eine weitere Änderung, neben dem Zaun: mehr Sicherheitspersonal. Die Wachleute sind inzwischen angehalten, den Ort rund um die Uhr zu beobachten und abends mehrere Kräfte permanent dort zu platzieren. Für Taschendiebe und mögliche Sexualstraftäter wirke die Präsenz des Sicherheitsdiensts abschreckend, sagt Riehlein. Betrunkene, die sich auf dem Hügel niederlassen, würden vom Sicherheitsdienst sofort angesprochen. In besonders kritischen Fällen könne auf diese Weise schnell Hilfe geleistet werden.

"Die Maßnahmen haben sich absolut gelohnt. Wir haben eine deutliche Reduzierung der Straftaten und eine auffällige Beruhigung in diesem Bereich", bilanziert Wiesnwachen-Sprecher Riehlein. Der erste Eindruck hat sich in den 16 Tagen also verfestigt: Der Hügel des Grauens ist nicht mehr ganz so düster wie früher. Die Schaulustigen müssen sich wohl nach Alternativen umsehen.

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