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Oktoberfest:Die Wiesn ist der Exzess, den München dringend braucht

Lesezeit: 5 min

Das ausschweifende Feiern auf dem Oktoberfest ist für München fast so wichtig wie das Granteln und die A-bisserl-was-geht-immer-Haltung. Es bringt das nötige Chaos in die sonst so saubere, beherrschte Stadt.

Von Oliver Klasen

Bis vor einigen Jahren hatte der Exzess einen eigenen Raum in München, ein Refugium, das praktischerweise den gleichen Namen trug wie er selbst und in dem er sich das ganze Jahr austoben durfte. In die Bar, vielleicht sechs mal sechs Meter groß, quetschten sich so absurd viele Menschen, dass selbst schwer Besoffene nicht umfielen. Halbseidene und Hallodris, Draufgänger und Durchgeknallte, Glücksuchende und Gestrandete - sie alle waren Teil einer Masse, anarchisch, durch nichts im Zaum zu halten, sogar die New York Times hat einmal anerkennend darüber geschrieben. Irgendwann war es den Anwohnern zu viel, der Wirt musste umziehen, doch die Magie ließ sich nicht an einen anderen Ort übertragen. Seitdem ist der Exzess in München heimatlos. Lediglich zwei Wochen im Jahr, während der Wiesn, wird ihm gnädigerweise Asyl gewährt.

Graue Suppe nach bester Hamburger Art

Doch das Asylrecht wurde verschärft, für den Exzess gelten erschwerte Bedingungen. Erstens ist heuer ein Zaun zu überwinden und eine Kette von Sicherheitsleuten, die darüber wachen, dass niemand Taschen auf das Festgelände bringt, in die mehr als drei Milchtüten passen. Zweitens war das Wetter in den ersten Wiesntagen ausgemacht greislig - graue Suppe nach bester Hamburger Art, höchstens 16 Grad, andauernder Regen.

Doch der Exzess hat sich davon nicht beeindrucken lassen. Wie jedes Jahr hat er langsam Besitz ergriffen von der Masse, auch wenn die Masse diesmal etwas kleiner war als sonst während des Oktoberfestes. Stichprobe im Hacker-Zelt, abends um halb neun: Die Bedienung benutzt die Krüge, die sie vor sich herträgt, als Rammbock, um sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Menschenreihen auf Bierbänken, Menschentrauben davor, Zusammengesunkene, die unterschätzt haben, wie stark das Bier ist. Frauen in geschmackvollen Dirndln, Frauen in billigen Dirndln, Männer in edlen Lederhosen, Männer in fürchterlichen Lederhosen. Schatzi schenk mir ein Foto. Komm' hol das Lasso raus. Atemlos durch die Nacht.

Nun könnte man leicht dem Versuch erliegen, das Ganze als reines Saufgelage zu betrachten. So wie die in Berlin erscheinende taz, die vor fast 20 Jahren einen Artikel über das Oktoberfest mit "Massenintoxikation in München" betitelte. Im Text ging es "um eine internationale Szene von sechs Millionen Drogengebrauchern", die sich "zur weltweit größten Orgie mit Suchtmitteln" trifft. Hübsche Satire, okay, aber die Autoren disqualifizierten sich allein schon dadurch, dass sie das Schottenhamel-Zelt mit zwei m schrieben. Unverzeihlich!

Es stimmt ja: Eine Wiesn ohne Bier ist wie eine Weißwurst ohne süßen Senf. Aber genau wie der Senf zwar ein notwendiger Bestandteil, aber nicht alleinentscheidend ist, ist auch der Alkohol nur ein Vehikel, mittels dessen sich der Charakter dieses Festes besser erfassen lässt. Die Bilder schwankender Neuseeländer im Hofbräuzelt lenken leider allzu sehr davon ab, dass die Wiesn eigentlich ein riesiges soziologisches Experiment und der Exzess, der dort zelebriert wird, eine geradezu magische Wirkung hat.

Jenen Exzess braucht München fast ebenso sehr wie das Granteln über den Zustand der Welt und die A-bisserl-was-geht-immer-Haltung von Monaco Franze - also dem echten aus der TV-Serie und seinen Tausenden Nachahmern in der Realität.

In einer Stadt, in der das Kreisverwaltungsreferat mithilfe der von ihm durchgesetzten Freischankflächenverordnung für Lokale im Normalfall jedweden Exzess schon im Ansatz verhindert, ist es wohltuend, dass es zwei Wochen gibt, in denen ausschweifend gefeiert werden darf. Das Oktoberfest geht auf eine mehr als 200-jährige Tradition zurück, die dazu noch vom bayerischen Königshaus begründet wurde. Da fallen Anwohnerbeschwerden, und seien sie noch so hartnäckig, eben nicht so ins Gewicht.

In den Bierzelten gelten zwar ein paar Regeln, diese dienen jedoch in erster Linie der Absicherung eines Zustands größtmöglicher Freiheit. Und sie werden bei Bedarf sehr flexibel ausgelegt. Eine Stehmass im Gang? Gibt es eigentlich nicht. Später am Abend, wenn man die Bedienung höflich fragt, aber doch. Einlass ohne Reservierung am Samstag? Eigentlich unmöglich. Aber a bisserl was geht immer.

Fast alles, was man auf der Wiesn tun kann, ist ungesund

Normalerweise ist München eine reibungslos funktionierende Stadt. Niemand streikt, alle gehen arbeiten und nur bei Grün über die Ampel, die Isar plätschert friedlich hindurch, die U-Bahnen fahren pünktlich, das Fahrrad ist auch noch da, wo man es ursprünglich abgestellt hat und abends um elf sind alle brav im Bett, weil sie am nächsten Morgen wieder früh raus müssen. Die Wiesn fügt dieser allzu strikten Choreografie ein chaotisches Element hinzu, das der Stadt sonst abgehen würde.

Plötzlich ist der Gehsteig nicht mehr so sauber, dass man fast davon essen kann. Plötzlich ist nachts überall Leben auf den Straßen. Plötzlich sind Halbseidene und Hallodris, Draufgänger und Durchgeknallte, Glücksuchende und Gestrandete auf die halbe Stadt verteilt. Und plötzlich hat man das Gefühl, als sei München nicht bloß eine Großgemeinde östlich von Germering, wie ein geschätzter Kollege mal gelästert hat, sondern eine pulsierende Metropole.

Offene Bühne mit wechselnden Akteuren

Ob Bier trinken, Haxn essen oder Tabak schnupfen - fast alles, was man auf der Wiesn tun kann, ist ungesund. Der Exzess, der im Bierzelt zelebriert wird, ist eine Ode an die Unvernunft und eine Absage an den Selbstoptimierungszwang unserer modernen Gesellschaft. Weil das Oktoberfest so tief in der Kultur verankert ist, liefert es eine willkommene Legitimation für den Müßiggang. Schon okay, heute nicht an der Isar zu joggen oder ins Fitnessstudio zu gehen.

Die Wiesn, dafür wird sie seit jeher gerühmt, ist eine große Gleichmacherin. So ein Biertisch ist eben keine geschlossene Gesellschaft, sondern eine offene Bühne mit wechselnden Akteuren. Schüchternheit, Sprachbarrieren und soziale Unterschiede verschwimmen. Da treten der Hubsi aus Ampermoching und die Rosi aus Köln-Kalk gemeinsam mit dem Min-jun aus Südkorea auf und alle verstehen sich irgendwie, immer in der Schwebe gehalten von regelmäßig wiederkehrenden Trinksprüchen und andauerndem Zuprosten.

Der Exzess macht schließlich die harte, böse Realität besser erträglich. Wer sich fallen lässt, mit der Masse eins wird, die nüchtern-analytische Distanz aufgibt und vollends dem Gefühl erliegt, der ist geschützt vor den Frustrationen des Alltags. Da hilft es, dass die bayerische Landtagswahl seit mehr als 20 Jahren immer um die Wiesn-Zeit stattfindet.

Vielleicht sind das Oktoberfest in München und der Karneval in Köln in mancher Hinsicht vergleichbar. In beiden Fällen wird eine ganze Stadt von Exzess erfasst, in beiden Fällen kostümieren sich die Teilnehmer mit seltsamen Gewändern und in beiden Fällen ist das Feiern ein Ausweis von Außeralltäglichkeit, davon, dass alles auch ganz anders sein könnte, wie es derzeit gehandhabt wird.

Doch während in Köln alle Karnevalisten am Aschermittwoch Buße tun müssen und an ihre Vergänglichkeit erinnert werden, steht der Wiesnbesucher heuer nach 17 Tagen Exzess am 3. Oktober Punkt 22:30 Uhr im Hacker-Zelt, in der einen Hand die brennende Wunderkerze, in der anderen den Masskrug mit dem letzten Noagerl und sagt wie einst Monaco Franze: "Aus is und gar is und schad is, dass's wahr is."

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