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Oktoberfest-Bedienungen unzufrieden:Jünger, durstiger, sparsamer

Sind die teuren Bierpreise schuld? Die Gäste auf dem Oktoberfest geben weniger Trinkgeld.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Kundschaft auf der Wiesn hat sich verändert, klagen die Bedienungen - und sprechen von großen Umsatzeinbußen. Es komme mehr Partyvolk und dafür blieben viele Münchner aus. Das habe nicht nur mit den neuen Reservierungsregeln zu tun.

Hildegard ist richtig sauer. "Eine Katastrophe" nennt sie die neue Reservierungspolitik auf dem Oktoberfest. Seit 16 Jahren arbeitet die Frau, die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, als Bedienung im Löwenbräuzelt in einem Bereich, in dem bisher reservierte Tische standen. Nun müssen die Plätze frei gehalten werden. Hildegards Fazit bis jetzt: 50 Prozent weniger Einnahmen für sie, mehr junge Partygäste, mehr Touristen - aber keinesfalls mehr Münchner. Wiesnchef Dieter Reiter kann diese Aussage zwar nicht ganz nachvollziehen, er schließt eine Korrektur der jetzigen Reservierungspraxis aber auch nicht aus.

Ob im Hofbräuzelt, im Schottenhamel oder auch in der Bräurosl: Wer in diesen Tagen mit Bedienungen über die Wiesn spricht, hört viele Klagen. Der Bierpreis mache ihnen ohnehin zu schaffen, lautet eine Beschwerde. Je weiter sich der Preis für die Maß Bier der Zehn-Euro-Grenze nähere, desto schlechter werde das Trinkgeld, sagt zum Beispiel Bedienung Gabi, die seit 13 Jahren auf dem Oktoberfest arbeitet. Aber: "Das mit dem Bierpreis ist nichts Neues, das ist ja schon immer so."

Was sich jedoch für sie persönlich geändert habe, seien ihre Gäste. Früher, als sie noch an den reservierten Tische bedient habe, hätten diese nicht nur Bier bestellt, sondern auch etwas zu essen. Oft nicht nur Hendl oder irgendein anderes warmes Gericht, sondern auch ein Brotzeitbrettl und ein Dessert. Am ersten Wiesnsamstag, sagt sie, habe sie von morgens bis nachts "genau zehn Essen verkauft". Am Mittwoch waren es nur drei, "den ganzen Tag bis zum Dienstende".

Auch die großzügigen Trinkgelder, die sie früher von Münchner Firmen erhalten habe, blieben aus. "Normale Gäste runden ja gerade mal den Maßpreis auf eine gerade Summe auf, mehr kriegst da ned." Am Ende der Wiesn werde sie mit nur mehr der Hälfte ihres bisherigen Umsatzes nach Hause gehen, ist auch sie überzeugt. Das liege vor allem daran, dass ihre Gäste jünger seien als früher - und oft auch "nur" Touristen. "Und die geben nicht so viel aus. Anders als die g'standenen Münchner, aber die kommen ja nicht", so das Fazit.

Auch die Wirte klagen

Ähnliches ist von Wirten zu hören, wenngleich sie nicht über Umsatzeinbußen in größerem Stil klagen. Aber sie bemerken auch, dass die Kundschaft sich verändert. Tendenziell kämen noch mehr junge Menschen in sein Zelt, sagt zum Beispiel Christian Schottenhamel - und auch mehr Touristen, die auch ohne Reservierung Platz fänden. Das sei vor allem an den Werktagen und tagsüber der Fall. Die Münchner, so sagt er, müssten arbeiten. Früher hätten sich die Menschen einen Tag frei genommen, wenn mittags reserviert gewesen sei. "Ohne Reservierung kommen die gar nicht spontan auf die Wiesn." Höchstens auf die Oide Wiesn, die, wie Schottenhamel meint, auf jeden Fall positiv zu einer Entzerrung der Publikumsmassen beigetragen habe.

Andere Wirte sehen das ähnlich, und auch Brauereichefs, Michael Möller von Hofbräu etwa. Auch er hat Veränderungen entdeckt: Mehr junge Menschen in den Zelten und weniger Wechsel an den Tischen. "Die jungen Leute sind froh, wenn sie einen Platz ergattert haben und gehen dann auch nicht mehr weg. Leider wirkt sich das schon auf den Umsatz aus, wir sind aber trotzdem zufrieden." Die Bilanz von Wirtesprecher Toni Roiderer fällt ähnlich aus. "Es ist ganz einfach: Es sind definitiv mehr junge Leute da als früher."

Das war aber ursprünglich nicht im Sinne von Wiesnchef Reiter, der die neuen Reservierungsregeln im Stadtrat durchgesetzt hatte. Seinen Vorstoß, insgesamt mehr als 100.000 Plätze zusätzlich in den Zelten reservierungsfrei zu halten, hatte er damit begründet, vor allem älteren Münchnern wieder einen Spontanbesuch auf der Wiesn ermöglichen zu wollen. Inzwischen räumt auch er ein, mehr junge Menschen in den Zelten gesehen zu haben. Trotzdem meint er: "Es geht entspannt zu, viele reden bairisch, bisher läuft alles prima." Die Ursache für die Klagen der Bedienungen sieht er daher weniger in den Reservierungsregeln als im Bierpreis. "Mir wären 9,50 Euro für die Maß auch lieber gewesen, dann hätten die Bedienungen pro Liter 50 Cent Trinkgeld bekommen und nicht nur 15 wie jetzt."

Dass die Münchner Firmen so viel großzügiger gewesen sein sollen, die nun nicht mehr reservieren durften, glaubt Reiter indes nicht. Da habe oft allenfalls der Chef Trinkgeld gegeben, nicht aber der einzelne Mitarbeiter. Von den Wirten gebe es jedenfalls bislang keine Klagen über die neue Praxis, sagt er. Allerdings stelle das bevorstehende "Italiener-Wochenende" für alle noch einmal eine Herausforderung dar. "Man muss abwarten. Bislang bin ich sehr zufrieden, aber wie es gelaufen ist, weiß man erst am Ende." Dann, so sagt er, würden sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und "schauen, was wir verbessern können". Änderungen der neuen Reservierungsregeln sind dabei wohl nicht ausgeschlossen.

© SZ vom 27.09.2013/wib

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