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Oktoberfest-Attentat:"Da verdichtet sich etwas"

Bomben-Attentat beim Münchner Oktoberfest

Am 26. September 1980 war eine Bombe am Eingang des Festgeländes inmitten einer Menschenmenge explodiert.

(Foto: Istvan Bajzat/dpa)
  • Die Ermittlungen zum Oktoberfest-Attentat wurden im Dezember wieder aufgenommen - nun gibt es neue Hinweise.
  • Eine Zeugin hat laut dem Bayerischen Rundfunk Aussagen gemacht, die auf mögliche Hintermänner des Attentats hindeuten.
  • Im Zentrum steht dabei eine abgetrennte Hand, die damals in der Nähe des Tatorts gefunden worden war. Sie könnte zu einem möglichen Mittäter gehören.

Am 11. Dezember hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen zum Attentat auf das Münchner Oktoberfest vor 34 Jahren wieder aufgenommen, und schon bald wird er sich mit neuen, bisher völlig unbekannten Hinweisen befassen müssen. Wie der Bayerische Rundfunk berichtet, ist nun eine weitere Zeugin aufgetaucht, die Mitteilungen zu möglichen Hintermännern des Attentats machen kann.

Alles dreht sich um eine Hand, die nach dem Attentat 25 Meter vom Tatort entfernt gefunden wurde. Die Ermittler hatten sich schon 1980 festgelegt: Diese Hand gehört dem Attentäter, dem rechtsradikalen Studenten Gundolf Köhler. An dieser These gibt es seit Jahren Zweifel, vor allem, seit bekannt wurde, dass die Bundesanwaltschaft diese Hand im Jahr 1997 zur Vernichtung freigegeben hatte - obwohl es da schon die Möglichkeiten der DNA-Analyse gab. Nun werden diese Zweifel durch die neuesten Recherchen bestärkt.

Zeugen und Experten stärken die These des BR-Reporters

BR-Reporter Ulrich Chaussy, der seit Jahrzehnten zu den Hintergründen des Oktoberfestanschlags recherchiert, hat eine ganze Reihe von Zeugen und Experten aufgetan. Und sie untermauern seine These: Die Hand gehöre nicht Gundolf Köhler, sondern möglicherweise einem Mittäter, der unerkannt entkam. Bei dem Attentat am 26. September 1980 wurden 13 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt, viele lebensgefährlich. Es war der größte Anschlag in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Chaussy hat den ehemaligen Sprengstoffexperten des Bundeskriminalamts, Gerd Ester, gesprochen, der mit Kollegen die Bombe rekonstruiert hat. Die Experten brachten die Bombe auch zur Explosion. Ihr Ergebnis: Die Hände Köhlers müssen durch die Detonation atomisiert worden sein, es könne keine Hand Köhlers geben, die man später hätte finden können. Chaussy hat auch den Polizisten aufgespürt, der die Hand fand - weit außerhalb des Suchkreises der Polizei, beim Regeln der an- und abfahrenden Rettungswagen. Der Beamte war auf etwas Schwammiges, Weiches getreten und hatte es mit der Fußspitze gewendet: das Fragment einer Hand. Die Blutgruppe war nicht mehr zu bestimmen, aber es konnte ein Fingerabdruck gesichert werden - dieser Fingerabdruck fand sich aber nicht im Wagen, mit dem Köhler an den Tatort gefahren war und auch nicht in seinem Zimmer. Sondern nur an ein paar Studienunterlagen. Für die Ermittler war das dennoch der Beweis, dass die Hand zu Köhler gehörte.

Der Mann sei wie ein Held im Bett gesessen, sagt die Krankenschwester

Chaussy hatte immer gesagt, er gehe davon aus, dass irgendwo in der rechten Szene ein einarmiger Mann herumlaufe - der Mann, dem die abgerissene Hand gehöre. Unterstützt wird diese These nun von einer Zeugin, die sich erst im Januar gemeldet hat. Die Frau war zum Tatzeitpunkt 20 Jahre alt, sie arbeitete als Krankenschwester im Oststadt-Klinikum in Hannover. Auf ihrer Station lag ein junger Mann in ihrem Alter, dem der rechte Unterarm abgerissen war.

Die Krankenschwester versuchte ihn zu trösten. Doch sie war erstaunt, dass dieser Mann keinen Trost wollte. Er habe sich geweigert, etwas zur Ursache der Verletzung zu sagen. Er sei wie ein Held im Bett gesessen, geradezu gut gelaunt, erinnert sie sich. Und nach fünf, sechs Tagen sei er verschwunden - es waren noch nicht einmal die Fäden gezogen. Die Frau erinnert sich auch deswegen so gut, weil der junge Mann einer ihrer ersten Patienten war - direkt nach der Prüfung. Die hatte sie Anfang September 1980 abgelegt. Das Attentat ereignete sich am 26. September 1980.

Durch diese Aussage gewinnt auch ein Hinweis an Bedeutung, der längst in den Akten der Rechercheure untergegangen war. Werner Dietrich, der Anwalt vieler Oktoberfest-Anschlagsopfer, hatte 1983/84 einen anonymen Anruf erhalten: Da hatte ein Mann angerufen, sehr kurz, ohne seinen Namen zu nennen. Der Mann sagte: In einer Klinik in Norddeutschland sei ein Mann ohne Arm behandelt worden. Und der sei nach ein paar Tagen wieder abgehauen. Dietrich sagte der SZ, er habe den Anruf selbst in Empfang genommen. Der Mann habe gehetzt geklungen, als wenn jemand hinter ihm stehe und ihn bedrohe. Nachfragen habe der Mann nicht zugelassen.

"Da verdichtet sich etwas", sagt Chaussy. Seine Dokumentation über die Hintergründe des Oktoberfestattentats "Attentäter - Einzeltäter?" wird am Mittwochabend nach dem Film "Der blinde Fleck" über das Attentat in der ARD gesendet. Weitere Einzelheiten legt Chaussy in einem 90-minütigen Web-Special des BR dar, in dem O-Töne vom Tatort zu hören sind, Berichte von Überlebenden, dazu Skizzen, wo die Hand gefunden wurde.

Die Bundesanwaltschaft hält es dagegen für ausgeschlossen, dass der Mensch, zu dem die abgetrennte Hand gehörte, das Attentat überlebt hat. Denn die Hand sei geradezu verkocht gewesen, bei Temperaturen von 2700 Grad. Es sei absolut unwahrscheinlich, dass der Besitzer dieser Hand noch die Kraft gehabt habe davonzulaufen. Weil sonst keinem der Opfer eine Hand fehlte, wurde das Handfragment dann Gundolf Köhler zugeordnet.

Die Hinweise auf Hintermänner des Anschlags mehren sich. Bereits im Sommer hatte sich bei Opferanwalt Dietrich eine Zeugin gemeldet, die angab, sie habe am Morgen nach dem Attentat im Spind eines Schülers Flugblätter mit einem Nachruf auf Gundolf Köhler gesehen, dazu zwei Pistolen. Der Mann, der ihr als rechtsradikal aufgefallen war, habe gesagt, er gehe nun nach Argentinien. Später hatte sie den Mann in München wiedergetroffen. Die Bundesanwaltschaft prüft derzeit alle Angaben.

© SZ vom 04.02.2015/ahem
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