Es war so heiß, da sei ihm der Schlegl fast aus der Hand gerutscht, sagte Dieter Reiter, nachdem es vollbracht war, und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
Lediglich zwei Schläge benötigte der Münchner Oberbürgermeister, dann war das 190. Oktoberfest am Samstag um 12 Uhr eröffnet. Auch in den vergangenen Jahren hatte Reiter genauso gut angezapft – es spritzte diesmal lediglich ein wenig mehr als sonst –, doch trotzdem überraschte die Leistung. Nicht nur wegen des glitschigen Schlegels. Denn Ende Mai war der SPD-Politiker an der Schulter operiert worden. In der Physiotherapie hatte er in den vergangenen Monaten gezielt Übungen gemacht, um für den Anstich fit zu sein. Das zahlte sich aus. Der historische Negativrekord des bemitleidenswerten Thomas Wimmer, der einmal 17 Schläge benötigte, bleibt weiter unerreicht.

Oktoberfest 2025 - die erste Woche:Halbzeitbilanz: 3,5 Millionen Gäste waren bisher auf der Wiesn
Weniger Gäste, mehr Straftaten und mehr Wasser - so lässt sich die erste Hälfte des Oktoberfests zusammenfassen. Weil am Samstagnachmittag trotzdem zu viele Leute auf die Theresienwiese drängten, musste die Polizei das Gelände vorübergehend sperren.
Nach dem letzten Schlag rief Reiter das obligatorische „Ozapft is, auf eine friedliche Wiesn!“. Und dann überreichte er dem Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) die erste Mass. Reiter vollzog den Akt bereits zum zehnten Mal – ob es das letzte Mal war? Im Frühjahr stehen Kommunalwahlen in Bayern an. Auch in München erreicht die SPD immer weniger Menschen. Ob Reiters Amtsbonus für die Wiederwahl reicht?
Seine Konkurrenten um den Münchner Oberbürgermeisterposten nutzten an diesem Samstag das Oktoberfest ebenso als große Bühne. Dominik Krause (Grüne) lächelte fröhlich in der Anzapfboxe. Clemens Baumgärtner (CSU) hatte das Pech, vor einigen Monaten als Wiesnchef abgelöst worden zu sein. Er stand nun nicht neben Reiter in der Anzapfboxe und erschien auch um 12 Uhr nicht im Schottenhamel, sondern zapfte in der Fischer-Vroni, einige Festzelte weiter nördlich, das erste Fass an. Gleichzeitig mit Reiter. Eine Aktion, die manche als Verstoß gegen die Oktoberfestordnung auffassten, alle anderen als Provokation oder Kampfansage.


So gab sich der neue Wiesnchef beim Anstich
Statt Baumgärtner war diesmal erstmals Christian Scharpf (SPD) als neuer Wiesnchef dabei. Mit seiner roten Weste stach er farblich zumindest heraus und durfte vor dem Anstich ans Mikrofon. Das nutzte er, um von „wilden Partys“ zu schwärmen, die er einst in der Jugend hier feierte. Nach dem Anzapfen half er, die Masskrüge weiterzureichen, und betonte immer wieder, was für ein großer Volksfestfan er sei.
Der Fokus lag beim Anzapfen diesmal also mehr auf den Kommunalpolitikern als auf Markus Söder. Im vergangenen Jahr hatte der Ministerpräsident noch die Blicke auf sich gezogen, weil er erstmals statt Anzug eine Lederhose angezogen und darin ausgiebig vor den Kameras posiert hatte.
Doch natürlich ließ Söder nichts unversucht, um zumindest ein wenig Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Lederhose trug er auch diesmal, er sei „noch gut reingekommen“, berichtete er. Während Reiter in die Kamera sprach, versuchte er mit lustigen Grimassen für Stimmung zu sorgen. Auch er schwitzte.

Oktoberfest:So überstehen Sie die Wiesn
Oktoberfest-Chefarzt Philip Kampmann kennt die Tücken des größten Volksfests der Welt – und weiß, wie Besucherinnen und Besucher unbeschadet wieder nach Hause kommen.
Bereits um neun Uhr morgens waren die Wiesnfans in das Schottenhamel-Festzelt und die anderen Wiesnzelte gestürmt, nach dem Anstich freuten sie sich nun, die erste Mass serviert zu bekommen. Die Kapelle stimmte die ersten Lieder an – und schon war es da, das spezielle Wiesnkribbeln.
Auch bekannte Gesichter schunkelten mit. Wie jedes Jahr besetzte Schlagersänger Florian Silbereisen einen Tisch in der Nähe der Anzapfboxe. Landtagspräsidentin Ilse Aigner begrüßte ihn, Schlagerkollege Jürgen Drews prostete ihm zu.

Beim 190. Oktoberfest werden in den kommenden zwei Wochen insgesamt sieben Millionen Besucher erwartet. So heiß wie an diesem Samstag ging es schon 32 Jahre nicht mehr auf der Theresienwiese zu. Am 22. September 1993 waren 29,7 Grad gemessen worden, ähnlich warm war es auch diesmal. Die Besucherinnen und Besucher suchten sich im Biergarten Schattenplätze, es wurden Sonnenschirme aufgespannt, mit Fächern verschafften sie sich ein wenig Abkühlung.
Die Bedienungen, die im Zwiebellook zur Arbeit erschienen waren, zogen eine Schicht nach der anderen aus. Die Betreiberin des Herzerlstandes am Paulanerturm setzte sich einen Strohhut auf, freute sich aber über den hohen Schönwetterumsatz. Und in den Zelten, da kochte natürlich schnell die Stimmung.

