StilkritikDas Adidas-Dirndl

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So sieht es aus: Das Dirndl der mittelfränkichen Marke in den Farben Nationalmannschaft ( Chalk White /rechts) und Schiri ( Black /links).
So sieht es aus: Das Dirndl der mittelfränkichen Marke in den Farben Nationalmannschaft (Chalk White/rechts) und Schiri (Black/links).
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Ein Wiesn-Besuch ist Hochleistungssport. Da verwundert es, dass Adidas erst jetzt ein eigenes Dirndl auf den Markt wirft.

Von Tanja Rest

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Bevor die Bewahrer – gemeint sind beide Lager, die Rasensport-Puritaner genauso wie die Trachten-Traditionalisten – nun gleich die Hände überm Kopf zusammenschlagen und die Ballade vom Untergang des Abendlandes anstimmen, vorab ein paar Handreichungen für ein besseres Verständnis der hier möglicherweise vorliegenden Geschmacksentgleisung.

Bis dahin: Ruhig Blut, bitte!

Die Firma Adidas hat nicht nur sehr lange die deutschen Nationalkicker eingekleidet, sondern immer wieder in Lebenswelten hinein geflankt (manchmal vielleicht auch: gegrätscht), in denen sie nach konservativem Verständnis nichts zu suchen hatte. Zu nennen wären etwa Laufstegauftritte bei der Mailänder Fashion Week (Adidas x Gucci), Turnschuhdesigns mit der kreativen Unterstützung verhaltensauffälliger Britpopper (Adidas x Liam Gallagher) oder verbal schwerst bedenklicher Latin-Trap-Hip-Hopper (Adidas x Bad Bunny), Kollektionen aus recyceltem Plastikmüll zur Rettung des Planeten (Adidas x Parley for the Oceans).

Die Herzogenauracher halten es da offenbar mit Albert Einstein, dem die Erkenntnis zugeschrieben wird: „Der Geist ist wie ein Fallschirm – er funktioniert nur, wenn er offen ist.“ Offen bleiben für alles, was die Kunst, der Kommerz und der Zeitgeist in den Social-Media-Kanal spülen: Dazu kann man eigentlich nicht nein sagen. Weshalb die Frage auch nicht lauten darf, warum Adidas pünktlich zum Auftakt des Oktoberfestes ein 350-Euro-Dirndl auf den Markt geworfen hat. Die Frage ist vielmehr, warum es erst jetzt geschieht.

Schauen wir einmal ganz vorurteilslos hin. Es gibt das sogenannte „Dirndl Kleid“ in den Farben Nationalmannschaft (Chalk White) und Schiri (Black). Es ist genauso zweiteilig wie das Trikot unserer elf besten Freunde, die Bluse nämlich fehlt. Dafür ist das Oberteil mit Stehkragen, Dekolleté, Reißverschluss sowie zart angepufften Halbärmeln versehen, über die Schulterpartie wie auch die Säume der Schürze laufen die drei Signature-Streifen; sie tun dies eher flüsternd als keuchend.

Das schwarze Modell („Black“) mutet nach Schiri an, das weiße (“Chalk White“) nach Nationalmannschaft.
Das schwarze Modell („Black“) mutet nach Schiri an, das weiße (“Chalk White“) nach Nationalmannschaft.
adidas

Wie auch der Rock keineswegs kurzatmig geraten ist, sondern sehr ausgeruht das Knie bedeckt. Das ganze „Dirndl Kleid“ hat etwas seltsam Zurückhaltendes, kurios Beinahe-Elegantes, nahezu Apologetisches – gerade so, als hätte sie in der Herzogenauracher Designstube drei Tage vor Anstich noch der Mut verlassen, wo es doch darum gegangen wäre, jetzt mal ordentlich auf die Athleisure-Kacke zu hauen. Womit wir wieder bei der Ausgangsfrage wären: Adidas-Dirndl, warum dann überhaupt?

Schade eigentlich. Wie insgeheim jeder weiß, ist der Wiesn-Besuch nämlich Hochleistungssport und damit unbedingt würdig, von einem namhaften Ausrüster ausgestattet zu werden. Eine Mischung aus Hürdenlauf, Gewichtheben und Marathon: Auf dem Weg ins Festzelt springst du über Pipi-Pfützen und Kotzhügel hinweg, stemmst dann drei bis sechs Masskrüge, und bis du hinterher dein Auto wieder gefunden hast, hast du locker 42 Kilometer in den Beinen.

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